Traumwohnung mit IHK-Blick

Erdrückende Fensterfront statt Traumblick aufs Schloss: Liebgard Grabosch fühlt sich von ihrem Vermieter betrogen. klawitter
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Erdrückende Fensterfront statt Traumblick aufs Schloss: Liebgard Grabosch fühlt sich von ihrem Vermieter betrogen. klawitter

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22. April 2010, 10:05 Uhr

Schwerin | Es sollte ihr Alterssitz werden, "mein Olymp", erzählt die rüstige 84-Jährige. In den Blick auf das Schweriner Schloss hatte sich Liebgard Grabosch sofort verliebt, als ihr Vermieter ihr die Wohnung in bester Lage präsentierte. "Ich wollte ein schönes Zuhause", erklärt die ehemalige Lehrerin und nahm dafür auch die für ihre Verhältnisse höhere Miete in Kauf. 50 Quadratmeter, zwei Zimmer, Küche, Bad für fast 500 Euro Kalt-Miete, zentral gelegen, der Supermarkt um die Ecke, die Ärzte auch und dann noch der schönste Schlossblick Schwerins: "Da bin ich der Verlockung erlegen", sagte Rentnerin. "Das gönne ich mir". Inzwischen ist sie bitter enttäuscht. Ihr Umzug vor 13 Jahren hat jetzt ein juristisches Nachspiel. Der vor zwei Monaten eingeweihte 14 Millionen Euro teure Neubau der Industrie- und Handelskammer Schwerin (IHK) vor ihrer Tür bringt die alte Dame heute vor Gericht.

Eines der umstrittensten Bauwerke Schwerins sorgt erneut für Streit und für einen der spektakulärsten Fälle von Wohnwertminderung in der Landeshauptstadt. Seit die Kammer ihren Glaspalast in Setzkastenarchitektur hochzog, macht sich bei Liebgard Grabosch Verbitterung breit: "Ich war sehr glücklich", sagt sie - "bis die IHK kam". Seitdem aber fühlt sie sich betrogen - um ihren Schlossblick, um die Ruhe während der Bauphase, um ihre ungestörte Privatsphäre in ihren vier Wänden - zu viel für die couragierte Rentnerin. Ein eklatanter Fall von Wohnwertminderung, kritisiert Jürgen Fischer. Der Chef des Mietervereins Schwerin unterstützt Grabosch vor Gericht. Der Schlossblick über den Burgsee sei in Exposés eines der wichtigsten Werbeargumente für den Wohnstandort gewesen. Zudem habe man bei den potenziellen Mietern seinerzeit den Eindruck erweckt, an der Aussicht auf den Landtagssitz werde sich auch nichts ändern, so Fischers Argumentation. Die Realität sieht anders aus: Monatelanger Baulärm, ein die Sicht versperrender Bauklotz, störende Abluftfahnen auf dem Dach. "Schockierend", meint Grabosch und holt die selbst geschossenen Fotos mit einer traumhaften Schlosskulisse hervor. Ihrem Nachbarn sei der Schlossblick gar im Mietvertrag zugesichert worden, erzählt sie. Geblieben sind aber nur noch der Blick auf die Schlossspitzen und eine bedrückende, mit Jalousien verhangene Fensterfront vor einer langweiligen Bürolandschaft mit 25 Schreibtischen. "Das ist alles nur noch halber Kram", meint Grabosch. Die Empfehlung der Richterin, doch auszuziehen, löse das Problem auch nicht, meint Fischer. Seit Monaten hält die Rentnerin deshalb auf Rat des Mieterbundes zehn Prozent der Miete ein und verlangt eine dauerhafte Minderung. Grund für den Vermieter, gegen die Rentnerin zu klagen. Heute fällt die Entscheidung: Ein Verkündungstermin sei angesetzt, teilte ein Sprecher des Amtsgericht Schwerin gestern mit.

Dabei hatte die Rentnerin sich noch vor ihrem Einzug extra beim Bauamt über mögliche Bauprojekte vor ihrer Haustür informiert. Antwort vom Amt: Der schlechte Baugrund lasse keinen Bau zu - vonwegen. Damals hatten die Kämmerlinge schon längst Tatsachen geschaffen und sich Anfang der 90er-Jahre die Anwartschaft auf das 3500 Quadratmeter große Grundstück vis-à-vis des Schlosses für einen Kammerneubau gesichert. Empörung bei Gra bosch: Heute wolle man sich beim Bauamt an die Auskunft nicht mehr erinnern, erbost sich Liebgard Gra bosch.

Der Rechtsstreit könnte der Kammer teuer zu stehen kommen: Bisher erklärte die IHK zwar, nicht in den Fall verwickelt zu sein. Mieterschützer Fischer sieht die Kammer aber längst als Streitpartei. Zwar habe die Kammer ihren Bau rechtens errichtet. Ihr sei aber der Streit verkündet und sie sei in den Prozess einbezogen worden, meinte der Verbandschef. Der Vermieter hält sich indes gänzlich zurück. Kein Kommentar, hieß es mit Verweis auf das laufende Verfahren.

Die Kammer berührt der Streit noch wenig. Stattdessen lädt sie ausgerechnet heute am Tag der Gerichtsentscheidung zum Versöhnungstermin. Bevor die IHK am 30. April alle Interessierte zum Tag der offenen Tür in den teuersten Kammerbau in MV bittet, seien bereits heute alle Anwohner eingeladen, so ein Sprecher. 30 Anmeldungen gebe es. Mit dabei: Liebgard Grabosch. "Ich muss doch mal sehen, wie unser Haus von da aus aussieht."

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