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Lokales

19. August 2017 | 02:01 Uhr

Trampelpfade über die Autobahn

vom

Schwerin/Wilmshagen | Günther Anklam hat seinen Frieden mit dem Rügenzubringer gemacht. Als vor sechs Jahren die vierspurige Schnellstraße von der A 20 nach Stralsund gebaut wurde, war der Jäger zunächst alles andere als begeistert. "Die mehr als 20 Kilometer lange Trasse zerschnitt das Revier unserer Jagdgenossenschaft Bremerhagen in zwei Teile", sagt der 66-Jährige. Östlich der mit Tierschutzzäunen gesicherten Betonpiste lagen fortan 730 Hektar, westlich davon die restlichen 370 Hektar.

Pfade zeigen: Wild nutzt die Brücke

Seitdem können Rot-, Dam- und Schwarzwild dies- und jenseits der Schnellstraße nur noch über eine Grünbrücke zueinander kommen. Die bundesweit erste hölzerne Wildbrücke, die als innovative Verkehrsarchitektur schon mehrfach ausgezeichnet wurde, hat es inzwischen auch in der Tierwelt zu Anerkennung gebracht. Auf der gut 40 Meter breiten Brückenquerung sind deutlich ausgetretene Wildwechsel zu sehen. Die durch Gras und Gebüsch führenden Trampelpfade sind ein untrügliches Zeichen. "Der Wildwechsel funktioniert", sagt der zuständige Forst-Vorstand Erhard Knuth.

Bundesweit sorgen derzeit 36 Wildwechselbrücken dafür, dass die Populationen nicht voneinander isoliert werden und zugleich Unfälle vermieden werden. Allein 13 dieser Brücken stehen in MV. Über die A 20 führen elf Grünbrücken, was Umweltschützer zu der Einschätzung brachte, dass hier erstmals in Deutschland der Zerschneidung der Landschaft angemessen entgegengewirkt worden sei. In die Planung seien Hinweise des Landesjagdverbandes über jahrzehntealte Wildkorridore eingeflossen, sagt Umweltminister Till Backhaus (SPD). Auf diese Weise konnten Lebensräume und Wildreviere wieder miteinander verbunden werden. Nach Angaben des Verkehrsministeriums gibt es zudem landesweit fünf Wildunterführungen, 330 Fischotterpassagen in Brückenbauwerken sowie Hunderte Amphibientunnel.

Bundesweit ist der Bedarf an Wildquerungen über Straßen und Bahntrassen aber noch groß. Schon vor zwei Jahren hatte der NABU mehr als 800 Konfliktpunkte aufgezeigt und den Bau von mindestens 125 Wildbrücken bis zum Jahre 2020 gefordert. Dafür sollten im Bundesverkehrswegeplan jährlich etwa 30 Millionen Euro veranschlagt werden. Für MV schlugen die Naturschützer neun zusätzliche Grünbrücken vor, unter anderem über die A 19, die A 24, die A 241 und über die Bahntrasse von Stendal nach Schwerin.Die Politik reagierte im Frühjahr dieses Jahres. Über das zweite Konjunkturpaket von Bund und Ländern sollten zunächst 69 Millionen Euro für 17 neue Brücken bereitgestellt werden, verkündete Bundesumweltminister Norbert Röttgen.

Alte Bundesländer hinken bei Grünbrücken hinterher

In Brandenburg, wo Forstwissenschaftler auf einer Wildbrücke pro Jahr fast 2300 Tiere filmten, sollen noch in diesem Jahr drei neue grüne Querungen errichtet werden. MV hat bisland nur den Bau einer neuen Wildbrücke beantragt, bestätigt ein Sprecher des Verkehrsministeriums. Sie soll über die A 19 bei Below entstehen. Drei Millionen Euro seien dafür beantragt worden.

Dass sich MV etwas zurückhält, finden Experten aber angemessen. Die neuen Bundesländer seien schon recht gut ausgestattet, sagt ein Sprecher der Deutschen Wildtierstiftung. Jetzt müsse man den alten Ländern Priorität einräumen. Dort seien in den 70er und 80er Jahren viele Naturräume brutal zerschnitten worden.

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erstellt am 13.Sep.2010 | 07:32 Uhr

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