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Tonmeister Prof. Helge Jörns - Ein Klangpsychologe bei der Arbeit

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erstellt am 18.Jul.2011 | 06:55 Uhr

Donnerstag, 17 Uhr, auf dem Festspielgelände: Bühnendeko, Lautsprecher- und Lichtanlage stehen, Fernsehtechniker verlegen letzte Kabel, Stühle für die Orchestermusiker werden in die richtige Position gerückt. Zeit zum Soundcheck. Wichtigster Mann dabei: Tonmeister Prof. Helge Jörns. Mit seiner stoischen Ruhe wirkt der Mann mit weißem Bart und Zopf im Gewusel der finalen Vorbereitungen für die große Show fast deplaziert.

Auf der Bühne bläst Starsaxofonistin Tina Tandler aus voller Lunge in ihre "Kanne". Jörns steht im Zuschauerraum, hört mit geschlossenen Augen zu und gibt anschließend per Mikrofon ein paar Kommandos zu Toningenieur Gerd Drücker am Mischpult durch, der die unzähligen Regler blind beherrscht. "Gerd und ich arbeiten als Team", kommentiert Jörns und senkt den Blick wieder, um sich auf die nächsten Töne zu konzentrieren.

"Bei den Elblandfestspielen gibt es insgesamt drei Tonmischungen", erklärt Helge Jörns. "Die erste ist für die Fernsehaufzeichnung, die zweite für die Monitorlautsprecher auf der Bühne und die dritte ist die, die das Publikum hört." Die Herausforderung bestehe darin, den Zuschauern vor Ort ein ausgewogenes, volles Klangbild darzubieten, gleichzeitig aber jeden Musiker so zu beschallen, dass er sich selbst und seine Mitspieler gut hört. "Der RBB, der einen eigenen Tonmeister für seine Aufzeichnung vor Ort hat, stellt auch spezielle Anforderungen, und gemeinsam müssen wir eine Lösung finden, die allen Ansprüchen gerecht wird."

Am Punkt der Ansprüche bekomme seine Arbeit - insbesondere in Bezug auf die Zuschauer vor der Bühne - eine psychologische Komponente. "Es ist wichtig zu wissen, welche Hörgewohnheiten das Publikum hat, denn auch die ändern sich mit der Zeit." Heute erwarteten die Menschen bei Open-Air-Konzerten ein volles, ausgewogenes Klangbild, und diese Qualität an den unterschiedlichsten Veranstaltungsorten mit ihren spezifischen akustischen Eigenschaften herzustellen, das sei die Aufgabe der Tonmeister und -ingenieure.

Während es bei der Donnerstagsprobe hauptsächlich um die korrekte Funktion der Technik geht, beginnt für Helge Jörns im Anschluss daran die künstlerische Arbeit. "Dann geht es ans Partiturstudium. Das ist für mich besonders wichtig, denn ich bin von Hause aus Komponist und Musiker, wohingegen die jüngere Tonmeistergeneration eher einen technischen Anspruch hat", sagt Jörns. "Bei der Generalprobe am Freitag verfolge ich dann pausenlos die Partitur, mache mir an wichtigen Stellen wie Einsätzen von Solisten Notizen zwischen die Zeilen. Das ist dann mein Fahrplan für die Aufführung selbst."

Wenn Freitagabend um 20 Uhr die ersten Orchesterklänge über den Hof der Ölmühle schallen, steht Helge Jörns mit seinem Notenpult direkt neben Toningenieur Gerd Drücker. "Meine Ohren sind dann bei der Musik, die Augen in der Partitur - ein Stapel von Blättern, und wehe, da fegt der Wind rein - und ich gebe Gerd rechtzeitig vor einem Solo ein Kommando, den Regler etwas aufzuziehen."

Als eingespieltes Team müssen Jörns und Drücke beim Konzert am Klang selbst kaum noch etwas korrigieren. "Allerdings" sagt Jörns, "singen oder spielen die meisten Solisten bei der Show viel kraftvoller als in der Probe, aber das kennen wir inzwischen." Und dann gebe es immer noch Dinge, die keiner planen könne. "Soundcheck bei Sonnenschein, und beim Konzert fängt es an zu regnen und die Schirme gehen auf. Das ist für den Klang eine Katastrophe. Da hilft nur schnelles Nachregeln."

Dank intensiver Vorbereitung und jahrzehntelanger Erfahrung blickt Jörns seinen neunten Elblandfestspielen gelassen entgegen. "Ich muss diese Arbeit eigentlich nicht mehr machen, aber gerade hier macht es großen Spaß", sagt der 69-Jährige. "Die Festspiele sind eine der wenigen Veranstaltungen, wo die unterhaltsamen Genres der ernsten Musik wie Operette die zentrale Rolle spielen. Und da ich diese Musik sehr mag, komme ich immer gerne wieder nach Wittenberge."


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