Theater und Zeitformer bleiben in Pütt

Kann weiterhin seinen Bildungsauftrag mit eigenem Ensemble erfüllen: das Parchimer Theater. Das Foto zeigt eine Szene aus dem bewegenden Jugendstück Chatroom.Michael-günther Bölsche
Kann weiterhin seinen Bildungsauftrag mit eigenem Ensemble erfüllen: das Parchimer Theater. Das Foto zeigt eine Szene aus dem bewegenden Jugendstück Chatroom.Michael-günther Bölsche

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02. Januar 2010, 08:37 Uhr

Parchim | Für viele Theatergänger und ganz besonders für den Theaterförderverein "Spot an!" e. V. war am 18. Dezember 2009 schon Weihnachten: An diesem Tag machten Rostock und Parchim ihren Theater-Vertrag klar. Beide Seiten besiegelten eine Kooperation auf Augenhöhe zwischen den Bühnen in der Hanse- und in der Eldestadt. Happy End nach einem turbulenten Jahr, das fast schon dramatische Züge annahm, in dem Parchim aber auch eine der größten Sympathiewellen für sein Theater erleben durfte. Schulen befeuerten unsere Redaktion förmlich mit Leserbriefen, warum eben diese Spielstätte, das einzige professionelle Theater für Kinder und Jugendliche in MV, für sie zum unverzichtbaren Bestandteil des Stundenplanes und der außerunterrichtlichen Tätigkeit gehört. An der Regionalen Schule "J. W. v. Goethe" legte Lehrer René Koslowsi einen besonders bühnenreifen Auftritt hin: Als Geheimrat Goethe warb er während einer Schulelternversammlung um Unterschriften zum Erhalt des Theaters. Einwohner, Unternehmer, Kommunalpolitiker ... schlossen sich dem Aufruf des Theaterfördervereins an, Theater um das Theater zu machen. Das Resultat kommentierte Parchims Bürgermeister auf der jüngsten Stadtvertretersitzung mit dem Satz: "Es zeigt sich wieder einmal, dass durch gemeinsames und abgestimmtes Agieren aller Beteiligten einiges erreicht werden kann." Das Jahr 2009 hat Parchimern und Gästen viele kulturelle Leuchttürme beschert, und das Beste daran ist: Es gibt Beständigkeit, Bewährtes wird beibehalten, die Vorfreude auf kulturvolle zwölf Monate im Jahr 2010 ist völlig berechtigt. Bereits jetzt beginnen erste Absprachen zur Parchimer Kunstmeile. Das fünfte Jahr in Folge soll sich Parchims Innenstadt für ein paar Sommer-Wochen in die längste Schaufenster-Galerie von M-V verwandeln. Zum fünften Mal wird 2010 auch das große Lesefest in der Eldestadt gefeiert. "Parchim liest" im November ist zum Bestseller avanciert. Ein Wochenende lang wird das Lesen, das Schreiben und das Hören zelebriert - an bis zu zehn Stationen vom Autohaus, über die Musikkneipe bis hin zur Stadtbibliothek. Das Zeitfenster für das hochkarätige Programm ist mittlerweile so eng, dass Bücherratten zu Recht darauf drängen, das Fest um einen Tag zu verlängern.

Wahrlich gut zu Gesicht stand unserer Stadt im vergangenen Jahr der vom kulturforum Pampin initiierte Corso der Skulpturen als Begleitprojekt zur Bundesgartenschau: Zehn Künstler haben mit 14 Skulpturen bzw. -gruppen das Stadtbild neu in Szene gesetzt, damit eine lebhafte Diskussion über Kunst und Kultur entfacht und "Parchim als Stadt mit Kultur zukunftsweisend profiliert", wie Bürgermeister Rolly findet. Inzwischen steht fest: Der aus Schiffsbau-Stahlteilen bestehende "Zeitformer" von Benjamin Schubert sowie weitere Skulpturen bleiben der Stadt erhalten. Die Jury, die die entsprechenden Empfehlungen aussprach, denkt aber längst visionärer: Mit Blick auf die Zukunftsperspektiven Parchims regt sie an, ein umfassendes Konzept zur Kulturentwicklung in der Stadt zu erarbeiten, das als Grundlage für die Förderung des Kulturtourismus als zukunftsträchtigen Wirtschaftsfaktor dienen sollte.

Parchims Einwohner machen in Sachen Kultur vom Frühlingskonzert des Händelchores bis zur Kirchenmusik wirklich jede Menge los, wie das zurückliegende Jahr einmal mehr bewies. Wir dürfen uns glücklich schätzen, ein eigenes Kino oder das Sommermuseum zu haben. Als etabliert gilt die kleine Bühne im Café Melange, auf der Wirt Michael Alsdorf auch persönlich agiert. Sieben Mal lud Eckhard Bergmann im vergangenen Jahr zur Vernissage in seine Galerie in der Lübzer Chaussee ein und hat es damit in fast 20 Jahren zu über 100 Ausstellungen mit mehr als 100 Künstlern geschafft. Die Aufführung des Weihnachtsoratoriums unter Leitung von Kantor Fritz Abs am 23. Dezember 2009 in St. Georgen bezeichnete eine Parchimerin sogar als die gewaltigste, die sie bisher in ihrer Stadt erlebt hätte. Zum Verständnis: Der Chor setzt sich aus Sängerinnen und Sängern zusammen, die ausschließlich in ihrer Freizeit zusammen singen und für ein derartig hochkarätiges Projekt viel auf sich nehmen müssen. Fast wäre Parchims breit gefächerte Kulturlandschaft im vergangenen Jahr aber auch um eine Facette ärmer geworden: Die Auflösung des Fritz-Reuter-Klubs wurde (zunächst) abgewendet. Dabei wird gerade 2010 an Fritz Reuter zu erinnern sein: Der bedeutendste niederdeutsche Dichter wurde vor 200 Jahren geboren und ging in Parchim zur Schule.

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