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Lokales

22. September 2017 | 17:27 Uhr

Theater im Abriss-Block

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erstellt am 04.Jun.2010 | 08:11 Uhr

Schwerin | "Und Achtung!" Anne-Kathrin Holz gibt das Signal, startet die Stoppuhr - Durchlaufprobe der "Theatergruppe am Goethe-Gymnasium", kurz und bekannter: Taggs. Die neue Inszenierung muss allmählich Struktur bekommen, am 8. Juni ist Premiere, die Zeit wird knapp. Alles wie immer? Alles ganz anders: Diesmal spielt Taggs nicht in der Aula der Schule - sondern in einem alten Plattenbau auf dem Großen Dreesch, Anne-Frank-Straße, direkt neben dem Obdachlosenheim. "Ich wollte mal was machen, mit dem man garantiert auf keinen Wettbewerb fahren kann", sagt Lehrerin und Spielleiterin Anne-Kathrin Holz mit einem Augenzwinkern. Denn in den vergangenen Jahren haben die Goethe-Gymnasiasten das Land oft bei den Bundestreffen der Schultheater vertreten, waren im Ausland, sammelten Preise. Holz: "Und beim Theatertreffen in Berlin ging es im Spielleiter-Workshop um Site-Specific-Theater."

Schauplatzspezifisches Theater - genau das ist "Hausprojekt". Vernagelte Türen, blinde Fenster, die lackierten Blechbalkone schrundig, die Fassade angegammelt - der Block Anne-Frank-Straße 32-34 sieht aus wie das Klischee eines nicht mehr genutzten Plattenbaus. Die Wohnungsgesellschaft Schwerin (WGS) hat das zum Abriss vorgesehene Haus den Schülern zur Verfügung gestellt. "Unser Haus" steht nun auf einem handgemalten Schild am Publikumseingang, dahinter beginnt der Treppenaufgang. Zwei Etagen des seit neun Jahren leer stehenden Blocks haben die Jugendlichen hergerichtet, haben haufenweise Müll und Dreck entfernt, haben gemalert, gezimmert, gebastelt, entworfen, geschrieben, diskutiert, gestritten, erfunden und geprobt, geprobt, geprobt. Alles, Bühnenbild und Texte, sind wie fast immer bei Taggs komplette Eigenproduktionen - bis auf eine Stück Kafka. "Ich hätte ja gern mehr Fremdtexte gehabt, aber das wollten sie nicht", sagt Spielleiterin Holz: "Die Zimmer spucken die Szenen förmlich aus, wir müssen sie nur noch spielen."

Es gibt einen Raum, dessen Wände mit Texten aus den eigenen Biografien der Jugendlichen vollgeschrieben sind, der Boden ist mit Holzsplittern bedeckt - eine an Günter Uecker erinnernde Installation, sie heißt "Trauma-Raum". Ein anderer Raum ist fensterlos und finster, an den Wänden stehen ausgehängte Türen - hier findet das Kafka-Stückchen statt. Vier Zimmer haben die Schüler als "Dokumentationsräume" zur bewegten Geschichte des Hauses hergerichtet - unter anderem mit einer von Schüssen durchsiebten Gangster-Silhouette. "Wir haben herausgefunden: Das Landeskriminalamt hat hier im Haus Geiselbefreiungen und ähnliches geübt", sagt Anne-Kathrin Holz.

42 Räume insgesamt nutzen die jungen Theater-Macher. Sie spielen nicht pro Raum, sondern in fünf Wohneinheiten jeweils einen Szenen-Block, der jeweils vier bis acht einzelne Szenen beinhalten und rund zehn Minuten dauern soll. Das Publikum - rund 100 Zuschauer sind möglich - soll in Gruppen eingeteilt von Wohneinheit zu Wohneinheit geführt werden und schon die Ankunft der Gäste vor dem maroden Haus soll überraschend inszeniert werden.

Bammel vor dem ambitionierten Projekt, gleich einen ganzen Plattenbau zu bespielen, haben aber weder die Jugendlichen noch ihre Spielleiterin. Zur Premiere wird alles wie ein Uhrwerk laufen, danach folgen noch sechs Vorstellungen. "Es war von Anfang an klar, dass danach Schluss ist", sagt Anne-Kathrin Holz. Das Haus wird demnächst abgerissen. Aber wer Taggs kennt, kann sicher sein: Die Aufführungen von "Unser Haus" werden noch dann in den Köpfen der Zuschauer lebendig sein, wenn der eigentliche Wohnblock längst abgerissen ist.

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