Testen Neo-Nazis MV als Modellregion?

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20. Juli 2010, 08:10 Uhr

Nordwestmecklenburg | Jamel, Ortsteil der Gemeinde Gägelow, ist klein aber weithin bekannt als Dorf der rechten Szene. Die Gemeinde zeigt sich resigniert. "Wir hatten Anfang der 90er-Jahre einen B-Plan aufgelegt. Das haben wir wieder zurückgenommen, weil Leute kaum Interesse zeigen, dort hinzuziehen", sagt Bürgermeister Uwe Wandel.

Doch nicht nur in Jamel sind viele Rechtsextremisten zu Hause, sagt der Landesvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Axel Holz. "Wir haben ein richtiges Problem in MV. Wir haben Rechtsextreme, die an Zuwachs gewinnen, die ihre Zahl verdoppelt haben und die zunehmend den Anfang eines Terrors betreiben."

Mehr als 24 Anschläge auf Büros demokratischer Parteien gab es in diesem Jahr. Und, so sagt Holz, mehr und mehr sind die Neonazis auch in Nordwestmecklenburg aktiv: "Unsere Kampagne für ein NPD-Verbot haben in Grevesmühlen viele nur mit Pseudonym unterschrieben, weil sie Angst haben vor Neonazis und auch bedroht worden sind."

Erst vor kurzem hat die NPD in Grevesmühlen ein neues Wahlkreisbüro eröffnet. "Das sechste im Land", sagt Susanne Theilmann vom Regionalzentrum für demokratische Kultur Westmecklenburg. Sie spricht von Mecklenburg-Vorpommern als Modellregion für den Rechtsextremismus. "Der NPD ist es gelungen, im Westen Mecklenburgs sehr gute Strukturen aufzubauen." Bislang waren der Landkreis Ludwigslust und die Hansestadt Wismar Hochburgen der Rechten. Grevesmühlens Bürgermeister Jürgen Ditz sagt: "Ich bin natürlich nicht begeistert, wenn man extremistische Einheiten in der Stadt hat, die sich dann auch noch verfestigen. Aber als Verwaltung können wir nichts dagegen tun. Die NPD ist eine zugelassene Partei. Sie hat das Recht, so ein Büro zu eröffnen." Gägelows Bürgermeister Uwe Wandel ist, so sagt er, sogar ein wenig froh darüber, dass sich der Rechtsextremismus in Nordwestmecklenburg nicht mehr nur auf Jamel beschränkt. "Solange das so war, war es ja weit weg. Jetzt ist es auch in Grevesmühlen so und geht damit die größere Öffentlichkeit etwas an." Wandel sieht zudem eine "neue Qualität der rechten Szene". Veranstaltungen seien straff organisiert, das Niveau deutlich gestiegen. "Es beginnt nachmittags mit einem Kinderfest und geht am Abend mit einem Fahnenappell weiter. Sie stellen sich bürgernah dar, sind nicht mehr nur gegen alles, sondern machen zum Beispiel etwas für Kinder." Gerade das stelle eine Gefahr dar.

Ein weiteres Beispiel für Rechtsextremismus in Nordwestmecklenburg ist "Die Schwarze Schar" - ein Motorradclub aus Gägelow, dessen Mitglieder sich zu ihrer "deutschen Herkunft" bekennen. "Als Gemeinde können wir wenig dagegen machen", sagt Bürgermeister Wandel. Außer Lippenbekenntnissen sei bisher nicht viel passiert, kritisiert ein ratloser Bürgermeister auch das Innenministerium.

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