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Angekündigtes Ende der EU-Förderung stellt Schulsozialarbeit infrage : Tauziehen um die Schulsozialarbeit

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Als Mitte der 1990er Jahre Schulsozialarbeit die Bildungseinrichtungen eroberten, war das neu. Oft waren die Männer und Frauen, die zumeist aus dem Bildungs- oder dem Erziehungsbereich kamen, über ABM beschäftigt.

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erstellt am 25.Jun.2011 | 03:30 Uhr

Lübz | Als Mitte der 1990er Jahre Schulsozialarbeit die Bildungseinrichtungen im Land eroberten, war das neu und ein eher zaghafter Feldzug. Oft waren die Männer und Frauen, die zumeist aus dem Bildungs- oder dem Erziehungsbereich kamen, über ABM (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme) beschäftigt. Nach nur wenigen Jahren verschwand das ABM-Modell, wurde abgelöst von LKZ-Stellen (Lohnkostenzuschuss), die zahlenmäßig aufgestockt wurden. Die Finanzierung teilen sich zur Hälfte und für immer nur ein Jahr gefördert die EU, die Kommunen und die jeweiligen Träger.

Was kommt nach dem 31. Dezember 2013?

Seit den 90er hat die Schulsozialarbeit, die auf einer Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe basiert, eine rasante Entwicklung genommen. Was sich nicht geändert hat, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit, die so scheints immer dann gestellt wird, wenn es um die Finanzierung geht bzw. andere Bereiche Gelder vom Förderkuchen abbekommen wollen. Komplett infrage steht die Schulsozialarbeit, nachdem Brüssel ankündigte, die 50 prozentige Förderung der Schulsozialarbeit durch die EU zum 31. Dezember 2013 einzustellen. Wie es danach weitergehen wird, weiß momentan niemand - nicht der Landkreis, der sich für die Schulsozialarbeit verwendet und seit diesem Jahr eine Koordinierungsstelle finanziert, nicht der Landeselternrat und auch die Schulsozialarbeiter nicht. Es bleibt das Hoffen auf die Politik und ein neues Finanzierungsmodell.

Probleme an den Schulen werden massiver

Kommt es nicht zu Stande, könnte es auch an den ca. 40 Schulen im Landkreis bald bitter aussehen. Denn dass Schule heute ohne Schulsozialarbeit auskommt - die Praktiker in Parchim glauben nicht daran. Jens Ott, Schulsozialarbeiter an der Beruflichen Schule in Sternberg: "Die Probleme in den Schulen werden immer mehr, was an den gesellschaftlichen Veränderungen und den oft schwierigen Verhältnissen in den Familien liegt." Ergebnis ist, dass eine immer größer werdende Zahl von Schülern schon problembelastet in die Schule kämen. Die Lehrer, weiß Ott aus zwölf Jahren Tätigkeit, hätten neben ihrem Unterricht, den sie nicht selten auch noch an verschiedenen Schulen erteilen müssen, einfach nicht die Zeit, die Ursachen für deren Verhalten und ihre Probleme zu suchen. Nicht in den Klassen, schon gar nicht als Einzelarbeit. Vielmehr würden die Schulsozialarbeiter diese Lücke schließen, weil sie neutrale Partner sind für Eltern, Lehrer, Schüler und Schule und Bindeglied zwischen ihnen. "Ich sehe mich als Vertrauensperson. Bei Problemen, ganz egal ob zuhause, mit den Mitschülern, mit Lehrern, beim Lernen, die Schüler können jederzeit zu mir kommen. Ebenso die Lehrer und Eltern", sagt Ott und bekräftigt. "Ja, auch die suchen die Hilfe und Unterstützung von uns Schulsozialarbeitern."

Wer die Sinnhaftigkeit der Schulsozialarbeit hinterfragt, sagt Jacqueline Röhr, Präventionsfachkraft beim Diakonischen Werk Kloster Dobbertin und Koordinatorin für die Schulsozialarbeit im Landkreis, solle 20 Jahre nach der Wende mal deren weit gewordenes Feld betrachten. Da gehe es immer noch um Hilfen bei Hausaufgaben, um den kleinen Liebeskummer, es geht um thematische Veranstaltungen wie auch um Projektreihen. Aber es gehe mehr und mehr auch um Streitschlichtung, um Sucht- und Gewaltprävention, Teen agerschwangerschaften, um Mobbing und - ganz neu - um Cyber-Mobbing, darüber hinaus sind die Schulsozialarbeiter involviert in die freizeitpädagogische Arbeit, bei Klassenfahrten und in der Berufsfrühorientierung. "Und der Vorwurf an die Schulsozialarbeit, sie würde nur punktuell arbeiten, ist völliger Unsinn. Unsere Leute arbeiten kontinuierlich, langfristig und an ganz konkreten Projekten", sagt Jacqueline Röhr. Sie wenden sich mit Angeboten an die Eltern und vermitteln bei Bedarf auch weiterführende Hilfen. Statt die Notwendigkeit von Sozialarbeit an den Schulen anzuzweifeln, sollten die Kritiker den großen Bedarf endlich akzeptieren.

"Nimmt man den Schulen die Schulsozialarbeiter", ist auch Elke Kasten - sie arbeitet an der Kooperativen Gesamtschule Sternberg - überzeugt, "würde es an den Schulen einen Aufschrei geben. Ganz einfach, weil alle Probleme, die wir abfedern, dann bei der Schule und den Lehrern landen würden. Und sie würden sich weiter potenzieren, auf einem Niveau, das weit von dem Mitte der 1990er Jahre entfernt ist." Simpler formuliert es Margit Bär, Schulsozialarbeiterin der Förderschule Parchim: "Wir sind an den Schulen ein Stückchen wie die Feuerwehr. Wenn es brennt, sind wir da. Und nun stelle man sich vor, die Feuer werden größer, aber die Feuerwehr kommt nicht."

Schulsozialarbeit braucht wachsendes Vertrauen

"Alle sechs Wochen treffe ich mich mit allen Schulsozialarbeitern aus dem Landkreis zu Fortbildungen. Wir machen große Arbeitstreffen und zwei mal im Jahr kleine Arbeitstreffen, bei denen konkrete Fälle besprochen werden", sagt Koordinatorin Jacqueline Röhr. "Die Frage ist nicht, brauchen wir Schulsozialarbeit. Die Frage ist vielmehr, wann haben wir endlich flächendeckende Schulsozialarbeit mit mehr Leuten pro Schule."

Dass die Arbeit an den Schulen Kontinuität braucht, weiß keiner besser als Dietmar Stein. Nach etlichen Jahren an einer Grabower Schule ist er jetzt sein zweites Jahr Schulsozialarbeiter an der Goetheschule in Parchim. "Die Arbeit, die wir machen", sagt er "braucht Erfahrung und sie braucht sehr viel Vertrauen, und das muss wachsen. Deshalb ist es auch wichtig, dass Schulsozialarbeit kontinuierlich gemacht wird, Schüler, Lehrer und Eltern nicht alle paar Jahre mit einem neuen Gesicht konfrontiert werden." Stein nennt noch ein anderes Problem, mit dem sich die Schulsozialarbeit seit ihrer Auflage konfrontiert sieht und was sie angreifbar macht: "Unsere Arbeit ist nicht abrechenbar", sagt er. "Und doch wissen wir, dass wir den Schülern jeden Tag helfen."

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