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Lokales

18. November 2017 | 18:36 Uhr

Tarifgerangel in der Vorzeigebranche

vom

svz.de von
erstellt am 06.Okt.2010 | 08:19 Uhr

Schwerin | Kompomisssuche in Hotels und Gaststätten: Nach den Ende August überraschend abgebrochenen Tarifverhandlungen wollen Arbeitgeber und Gewerkschafter am 19. Oktober in Rostock einen neuen Einigungsversuch unternehmen, bestätigten beide Seiten gestern. Auf ein schnelles Ergebnis können die 38 000 Beschäftigten der Branche in den 1400 Betrieben in Mecklenburg-Vorpommern dennoch nicht rechnen - beide Seiten beharren bislang auf ihren Tarifforderungen.

Zuletzt hatte sich die Landespolitik in den Konflikt in der Vorzeigebranche eingeschaltet und einen Vermittlungsversuch gestartet. Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) hatte die Tarifpartner einbestellt und auf eine Einigung gedrängt - bislang vergebens. Selbst nach dem, wie Teilnehmer berichten, eineinhalbstündigen "Schlagabtausch" am Ministertisch scheinen die Positionen unvereinbar.

So pocht die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) auf eine deutliche Lohnanhebung. Die Tourismusbranche in MV, die in Deutschland zur Spitze gehört, könne nicht gleichzeitig die bundesweit niedrigsten Löhne zahlen, kritisierte NGG-Geschäftsführer Gunther Kenk die Verweigerungshaltung der Arbeitgeber: "Das bisherige Angebot reicht nicht aus." 1300 Euro brutto für eine ausgelernte Fachkraft, das sei die Schmerzgrenze. Kenk: "Darunter geht nichts." Der Gewerkschaft zufolge würde aber das von den Arbeitgebern vorgelegte "letztmalige Angebot" mit einer fünfprozentigen Entgelterhöhung für einen Zeitraum von 24 Monaten lediglich eine Anhebung der Gehälter auf 1164 Euro bedeuten - ein Stundenlohn von 6,19 Euro in der niedrigsten Entgeltgruppe. Damit würden in MV weiter die niedrigsten Löhne gezahlt - 151 Euro weniger als in Sachsen-Anhalt, rechnete NGG vor. Kenk schlägt für die Angleichung der Tarife deshalb einen Stufenvertrag über dreieinhalb Jahre vor. Ergebnis müsse auf jeden Fall sein: "Mecklenburg-Vorpommern darf im Branchenvergleich nicht mehr das Schlusslicht sein", sagte Kenk.

Bei den Arbeitgebern stoßen die Forderungen indes auf taube Ohren. "Wir legen nicht nach", stellte Uwe Barsewitz, Chef des Hotel- und Gaststättenverbandes eineinhalb Wochen vor der neuen Verhandlungsrunde klar und lehnte einen Stufentarif ab. Ein solcher Vertrag würde die Marktlage zu wenig berücksichtigen und die Unternehmen gefährden. Vielmehr müsse das Tempo der Tarifangleichung durch die Wirtschaftsentwicklung bestimmt werden, sagte Barsewitz.

Die erfolgverwöhnte Branche gerät spätestens seit dem Rückgang der Gästezahlen unter Druck. Branchenkenner verlangen schon lange, mehr Qualität und Service in die Häuser einziehen zu lassen. Das dafür notwendige qualifizierte Personal macht sich allerdings rar und weicht auf andere Tourismusregionen aus. Schlechte Bezahlung, harte Arbeitsbedingungen: Der Berufsnachwuchs macht um die Branchen inzwischen einen Bogen. Während die Unternehmen bis Ende September 949 Lehrstellen für Köche und 712 für Hotelfachleute einrichteten, meldeten sich nur 339 bzw. 157 Bewerber für diese Stellen, heißt es im Lehrstellenbericht der Arbeitsagentur.

Kein Wunder: Die Hotels und Gaststätten zählen in Mecklenburg-Vorpommern zu den Branchen mit den niedrigsten Bruttogehältern. So erhalten Beschäftigte in der Gastronomie 17 570, im Gastgewerbe 18 452 und in Beherbergungsbetrieben 18 766 Euro Bruttojahresverdienst, ermittelte das Statistische Landesamt. Zum Vergleich: Das produzierende Gewerbe und der Dienstleistungsbereich zahlen 31 130 Euro, Telekommunikationsfirmen 40 452, Forschung und Entwicklung 41 078, Versicherungen 42 349 und der Bereich Erziehung und Unterricht gar 46 369 Euro, so die Statistiker.

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