Täuschend schöne Statistik

svz.de von
28. Juli 2010, 08:02 Uhr

Schwerin/Kiel | Das Konjunkturbarometer steht auf schön, der Sommer treibt Massen von Urlaubern an die Strände und in die Hotels. Im Juni sank die Zahl der Arbeitslosen erstmals unter 100 000. Und der Trend hält weiter an, glaubt Jürgen Goecke, Chef der Arbeitsagentur Nord. "Ich glaube fest daran, dass wir im Oktober so bei 94 000 liegen können."

Heute kommen erst einmal die Zahlen für Juli.Und auch die, meint Goecke, werden erfreulich sein. Die Quote werde wie im Vormonat wieder zwischen 11 und 12 Prozent liegen. Mit 11,6 Prozent hatte der Nordosten im Juni erstmals auch ein westdeutsches Bundesland hinter sich gelassen: Bremen mit 12,0 Prozent. Mecklenburg-Vorpommern, jahrelang Träger der roten Laterne, war auf den viertletzten Platz geklettert und ließ dabei Sachsen-Anhalt und Berlin hinter sich.

Seit 2005 hat sich die Arbeitslosenzahl im Nordosten in etwa halbiert. Wirtschafts- und Arbeitsminister Jürgen Seidel (CDU) feierte die gute Entwicklung: "Der Arbeitsmarkt in Mecklenburg-Vorpommern gewinnt deutlich an Dynamik." Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) jubelte: "Das sind Arbeitslosenzahlen, die vor fünf Jahren niemand für möglich gehalten hat." Die Quote ist aber noch immer fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt (7,5) und dreimal so hoch wie in Bayern (4,2).

Bei aller Freude über die Stabilisierung der traditionell eher schwachen Industrie im Nordosten, über die Erfolgsgeschichte des Tourismus und der Ernährungsgüterwirtschaft und das Plus in der Gesundheitsbranche mahnt Goecke zu Realismus. "Der Rückgang der Arbeitslosenzahlen im Land hat zu großen Teilen seine Ursachen in der Demografie." Heißt: Geburtenstarke Jahrgänge der Nachkriegszeit kommen ins Rentenalter, die geburtenschwache Nachwende-Generation wächst ins Berufsleben hinein. "In jedem Monat verringert sich so die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter in Mecklenburg-Vorpommern um 1200", sagt Goecke.

Während der Abschluss des Lehrjahres im Sommer sonst immer den Rückgang der Erwerbslosenzahlen schwächte, bleibt dieser Effekt laut Goecke nun aus: "In früheren Jahren erhielten junge Leute oft keine Anschlussverträge. Das ist heute anders." Die Firmen versuchten, ihren Berufsnachwuchs zu halten. Einer von der Arbeitsagentur vorgelegten Studie zufolge gehen in den kommenden Jahren doppelt so viele Arbeitnehmer in Rente wie junge Leute einen Beruf aufnehmen. 2006 gab es im Nordosten 918 000 Menschen im erwerbsfähigen Alter, 2025 werden es laut Studie nur noch 650 000 sein. Goecke hatte schon früh auf die Folgen der Geburtenkurven hingewiesen und vor einem Fachkräftemangel gewarnt. "Jetzt glaubt man uns."

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