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Lokales

19. Oktober 2017 | 09:33 Uhr

Superkrabbler auf der Terrasse

vom

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erstellt am 12.Aug.2010 | 05:14 Uhr

Sternberg | "Oh, guck mal Oma was da krabbelt", mit diesem Ausruf machte die neunjährige Jessica Trautmann im Garten ihrer Großeltern in der Sternberger Rudolf-Breitscheid-Straße auf einen großen Käfer aufmerksam, der auf dem Verandabrüstung zielstrebig einem Blumentopf zustrebte. Das naturverbundene Mädchen zögerte keine Sekunde und nahm den unbekannten Käfer zur näheren Begutachtung in die Hände: Was war bloß das für ein seltsames fliegendes Tier, staunten sowohl die kleine Jessica als auch deren Großeltern Uwe und Regine Neumann: Ein ca. drei Zentimeter langer brauner Insektenkörper und das besonders Markante waren zwei große Fühler, die die Körperlänge des Käfers überschritten.

Im Zeitalter der modernen Medien ist die Klärung dieser Frage für eine Neunjährige kein Problem mehr. Also hin zum PC und in einer Suchmaschine den Begriff "Großer Käfer" eingetippt. Im Ergebnis mussten nur noch die ausgewiesenen Bilder nach Übereinstimmungen durchsucht werden. "Das ist ein seltener Großer Eichenbock", meinten Enkelin und Oma gleichermaßen stolz auf ihren Fund.

Ein Männchen zu Besuch

Doch hier lagen sie ein wenig falsch. Denn nicht der sehr seltene Große Eichenbock spazierte da durch Neumanns Garten, sondern der nahezu gleich aussehende, aber um einige Zentimeter deutlich kleinere Moschusbock (aromia morschata), ebenfalls ein Insekt aus der Familie der Bockkäfer, von denen es immerhin 100 verschiedene Arten gibt.

Dies und vieles mehr erläuterte nach Begutachtung der in Sternberg gemachten Fotografien der Rostocker Hansdieter Bringmann, ein Fachmann,der sich seit drei Jahrzehnten mit Entomologie (Insektenkunde) beschäftigt und ein Kenner aller Arten von Bockkäfern ist. Hansdieter Bringmann: "Der Moschusbock kann 15 bis 34 Millimeter lang werden, einzelne Exemplare erreichen auch eine Größe von 40 Millimetern. Bei den männlichen Tieren sind die Fühler länger als der Körper. Die Sternberger Familie hat also ein Bock-Männchen im Garten gefunden"

Und der Rostocker Fachmann konnte noch viel Interessantes über den Moschusbock berichten, beispielsweise, dass dieser Käfer insbesondere in der Schweiz zum Parfümieren von Pfeifentabak genutzt wurde. "Der Käfer verfügt über ein stark moschusartig riechendes Sekret, dass er bei Stress absondert. Vor vielen Jahrzehnten fingen die Schweizer nun diese Käfer ein und steckten die Krabbler schnurstracks in ihre Tabakbeutel. Die Tiere hatten dort natürlich Stress und aktivierten darum ihre Moschus drüsen und so wurde der Tabak alsbald parfümiert", erzählte er.

Käfer wollte Energie tanken

Die Käfer sind in ganz Europa und den gemäßigten Zonen Asiens zu finden. Man findet sie von Juni bis August. In Deutschland stehe der Moschusbock unter Naturschutz und gelte als besonders geschützt. Während in einigen südlichen deutschen Bundesländern dieser hübsche Käfer schon vom Aussterben bedroht ist, gilt er in Norddeutschland noch als weit verbreitet, so Hansdieter Bringmann. Die ausgewachsenen Moschusböcke ernähren sich von Pollen und ausfließenden Säften von Bäumen. Daher sind die Tiere unter anderem in Wäldern, u. a. in totholzreichen Hartholz- und Weichholzauen, Gärten oder Parks und auf Blüten anzutreffen. Dabei bevorzugen sie aufgrund ihrer Größe Blütendolden, wie etwa die vom Schwarzen Holunder. "Wahrscheinlich wollte auch der Käfer in dem Sternberger Garten nur an einer schönen Blüte Energie tanken", vermutet der Rostocker Experte.

Die Larven des Moschusbocks benötigen für ihre Entwicklung zum ausgewachsenen Käfer zwei bis drei Jahre. In dieser Zeit ernähren sie sich bevorzugt vom Holz von Weiden. Aber auch andere Weichhölzer wie Pappeln oder Erlen werden befallen. Besonders häufig erfolgt die Eiablage auf älteren, bereits etwas kränkelnden Bäumen. Ein ideales Habitat stellen allerdings Kopfweiden für diese Käferart dar.

Für die kleine Jessica verlief dieser Tag in dieser Woche so ganz anders als gedacht. Eigentlich wollte das Mädchen mit dem Großvater angeln gehen. Von ihm hat sie in dieser Hinsicht schon viel gelernt und ist eine kleine leidenschaftliche Nachwuchsanglerin. Doch daraus wurde nichts. Der Angeltag wurde für sie und ihre Familie zum interessanten Käfertag.

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