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Lokales

24. Oktober 2017 | 00:56 Uhr

Suche nach dem richtigen Rezept

vom

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erstellt am 18.Aug.2010 | 08:01 Uhr

Loitz | Eines muss man Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) lassen. Er begab sich gestern tief in die Niederungen der vorpommerschen Provinz, um seinem Thema, die medizinische Versorgung auf dem Lande, nachzugehen. Rösler besucht nicht nur zwei Stunden lang die Praxis der Allgemeinmedizinerin Dr. Astrid Elgeti in der beschaulichen Kleinstadt Loitz. Er nimmt sich auch die Zeit, um die Landärztin bei einem Hausbesuch in Treuen zu begleiten. In dem Dörflein, sieben Kilometer von Loitz entfernt, betreut sie seit Jahren eine heute 82-jährige Rentnerin. "Wahnsinn, was hier los ist", sagt Yvonne, die Enkelin der Patientin. Sie finde es aber gut, wenn ein Politiker vorbeikommt. Um das Gehöft in Treuen zu erreichen, muss der kleine Ministeriums-Tross in eine huckelige Sackgasse einbiegen. Auch die medizinische Versorgung in dünn besiedelten Regionen wie Vorpommern oder der Uckermark könnte schon in einigen Jahren in einer Sackgasse enden. Experten rechnen damit, dass bis 2020 rund 40 Prozent der heutigen Allgemeinärzte in Mecklenburg-Vorpommern in den Ruhestand gehen. Medizinischer Nachwuchs ist allerdings schwer zu begeistern für Regionen wie das Demminer Land, die der Inbegriff für Abwanderung und wirtschaftliche Schwäche im Nordosten sind. Was die medizinische Versorgung angeht, sieht es derzeit allerdings noch ganz gut aus in Loitz. Noch! Neben Astrid Elgeti (58 Jahre) praktizieren zwei weitere Allgemeinärzte: einer ist auch schon Mitte 50, der andere in den 40-er Jahren. Wenn kein Nachwuchs nachrückt, könnte das bedeuten, dass ein Arzt auch in Loitz - wie in anderen Gemeinden - in fünf, sechs Jahren neue Patienten abweisen muss, weil seine Kartei überquillt.

Für Spezialisten wie Augenärzte oder Gynäkologen müssen die Loitzer ohnehin schon jetzt in den Frühbus steigen und nach Demmin, Grimmen oder Greifswald reisen. "Morgens um 7 Uhr nach Greifswald, um 14 Uhr wieder zurück", beschreibt Eva Schulz die Situation, wenn sie zum Augenarzt muss. Die 76-Jährige klagt aber nicht. Sie habe als Rentnerin ja Zeit, und "Frau Dr. Elgeti ist gleich um die Ecke, da habe ich es nicht weit". Rösler findet in Loitz also beste Analysebedingungen vor, um die Probleme an der Basis zu erkunden. "Für mich ist der Besuch hier wichtig, weil man im zermürbenden Berliner Betrieb oft nicht mehr sieht, was wirklich wichtig ist", sagt Rösler. Den Menschen seien die politischen Diskussionen zum Thema Medizin letztlich egal. "Wichtig für die Bürger ist es, vor Ort einen Arzt zu haben, schnell einen Termin zu bekommen und das Gefühl zu haben, gut versorgt zu sein." Dieses Gefühl vermittelt Astrid Elgeti ihren Patienten auf jeden Fall, auch wenn es mehr als 1400 sind und damit deutlich mehr als im ostdeutschen Durchschnitt, ganz zu schweigen vom westdeutschen. Ganze Familien in Loitz und Umgebung sind durch ihre Praxis gegangen. Vom Vertrauen der Patienten in "ihre" Ärztin scheint auch der Minister zu profitieren. Niemand hat was dagegen, dass Rösler bei der Visite mit dabei sitzt. Er habe viel gelernt, sagt er nach dem 90-minütigen Besuch. Beispielsweise, wie gut die Schwester der Sozialstation und die Ärztin miteinander kooperieren. "Während wir in Berlin diskutieren, wer was abrechnen darf, geht das hier ganz problemlos vonstatten", schwärmt Rösler.

Doch das richtige Rezept, den in spätestens zehn Jahren akuten Ärztemangel in Randregionen wie Vorpommern, der Uckermark oder der Prignitz zu therapieren, hat auch Rösler nicht. Für ihn sei die Liebe zum Beruf das Entscheidende. "Die Arbeit muss Freude machen. Das ist die beste Motivation." Motivation und Freude am Beruf hat Astrid Elgeti immer noch ausreichend. Derzeit verschwende sie keine Überlegung daran, wann sie aufhören wolle.

Die Latte für potentielle Nachfolger, die allerdings nicht gerade intensiv an ihre Praxistür klopfen, hängt sie hoch. "Hier passiert es einem Arzt schon mal, dass man sich beim Einkaufen die Geschichte vom gebrochenen Zeh und auf dem Friedhof die Beschreibung des Rückenleidens anhören muss."

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