"Stets geglaubt, mir passiert das nicht"

Jutta Scharf, Leiterin des Suchthilfezentrums,  nimmt sich stets auch die Zeit für ganz persönliche Gespräche mit Betroffenen.Gabriele Knües
Jutta Scharf, Leiterin des Suchthilfezentrums, nimmt sich stets auch die Zeit für ganz persönliche Gespräche mit Betroffenen.Gabriele Knües

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16. November 2009, 11:39 Uhr

Parchim | "Wenn dein Führerschein weg ist, weil sie dich mit Alkohol am Steuer erwischt haben, sind Ärger und Panik groß. Aber abwarten ist dann nicht, man muss selber losgehen und etwas unternehmen." Der das so klipp und klar sagt, weiß, wovon er spricht. Mario S.* ist langsam in den Alkoholismus gerutscht. Ohne es zu merken, bahnte sich das an, von dem er heute ohne Umschweife als Suchtkrankheit spricht. Zuerst trank er nur mal so etwas, nach Feierabend ein Bierchen und dann noch mit dem Auto nach Hause. Anfangs noch mit einem schlechten Gewissen hinter dem Steuer, wurde er mit der Zeit immer mutiger und auch die Zahl der getrunkenen Biere stieg. Der heute Dreiundvierzigjährige wusste, dass das, was er tat, strafbar und vor allem gefährlich ist. Er hat von Menschen gelesen, die alkoholisiert Unfälle verursachen, hat im Fernsehen Berichte gesehen. "Aber ich habe immer geglaubt, mir passiert so etwas nicht." Bis zu dem Tag im Jahr 2008, an dem er mit 2,23 Promille im Blut selbst einen Unfall zu verantworten hat. Der Führerschein wurde sofort eingezogen, doch das brachte ihn erst einmal nicht zur Besinnung. Das Gegenteil war der Fall. Mario S. ließ sich hängen, trank noch mehr, verlor seinen Arbeitsplatz, die Beziehung zerbrach an seiner Sucht. Bis er im Februar dieses Jahres die Notbremse zog und im Krankenhaus einen fünftägigen Entzug machte. Im Parchimer Suchthilfezentrum, das er seit März nun regelmäßig besucht, findet er Unterstützung und Rückhalt. Sehr offen erzählt Mario S. von seinem Rückfall, der ihn erneut zurück warf, ihn aber nicht daran hinderte, doch nach vorn zu blicken, um seine Sucht in den Griff zu bekommen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist für ihn und alle anderen betroffenen Männer, die sich regelmäßig in einem Gesprächskreis treffen, die Wiedererlangung des Führerscheins. Ab einer Promillezahl von 1,6 wird die sogenannte MPU, die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (im Volksmund auch Idiotentest genannt), angeordnet. Die beurteilt die Fahreignung des Antragstellers zum Führen eines Fahrzeuges. Gleichzeitig stellt die MPU auch einen Schutz dar, damit nicht unschuldige Menschen zu Schaden kommen, weil Kraftfahrer unter Alkohol - und/oder Drogeneinfluss ihr Fahrzeug führen.

Seit dem 1. Juli 2009 gibt es nun einige neue Regelungen, die den Neuerwerb verschärfen. (Dieselben Regelungen treffen übrigens auch auf Fahrradfahrer zu!) Dazu gehört das aussagekräftigere Drogenscreening, bei dem sich durch Urin- und Haaranalysen Spuren von Alkohol und Drogen teilweise noch nach Monaten nachweisen lassen. Die Genauigkeit lag bei Feststellung der Leberwerte bisher bei etwa 70 Prozent. Der Antragsteller muss nun innerhalb eines Jahres sechs Mal eine Urinprobe in den Gutachtenstellen abgeben, dabei wird nach dem Zufallsprinzip gearbeitet, um auch wirklich über einen langen Zeitraum die Abstinenz oder aber auch einen erneuten Missbrauch feststellen zu können. Kann der Antragsteller so mindestens ein Jahr seine Abstinenz nachweisen, kann er in dem ebenfalls erforderlichen psychologischen Gespräch und der Leistungsdiagnostik überzeugen, hat er gute Chancen auf den Wiedererwerb seines Führerscheins. Das Suchthilfezentrum in der Stegemannstraße 11 bietet für den Landkreis Parchim neben den Gesprächen unterstützend einen Vorbereitungskurs auf die MPU an. Dafür erhält der Teilnehmer eine Bestätigung, die sich positiv auf den Wiedererwerb auswirkt. "Wir geben Hilfestellung, um durch die MPU zu kommen, aber mit Verantwortung für die Gesellschaft", so Jutta Scharf, psychologische Psychotherapeutin und Leiterin der Einrichtung in Trägerschaft des Diakoniewerkes Kloster Dobbertin gGmbH. Und sie weist auch daraufhin, dass dreißig Prozent dieser Zielgruppe mit Alkohol am Steuer rückfällig wird. Die Männer, die sich in diesen Gesprächsrunden am Mittwochvormittag zusammen finden, möchten davor warnen, den Führerschein leichtfertig aufs Spiel zu setzen, denn nicht nur der gesamte Alltag wird durch diesen Verlust stark eingeschränkt. Neben der Gefahr, die man durch Alkohol am Steuer für sich und andere Menschen ist, sind auch die hohen finanziellen Aufwändungen eine weitere Konsequenz. Zu den Kosten für die MPU kommen die Kosten für die Laboruntersuchungen dazu und eine oft nicht unerhebliche Geldstrafe schlägt ebenfalls noch zu Buche. Da kommt ganz schnell eine vierstellige Summe zusammen. Am Ende gilt man, einmal alkoholisiert am Steuer ertappt, 15 Jahre lang als Wiederholungstäter.

Jutta Scharf bezeichnet die Sucht als eine Krankheit der Gefühle und betont, wie wichtig für die Betroffenen der feste Wille zu einem abstinenten Leben ist. Diesen Willen zeigt Mario S. während seiner Schilderungen eindrucksvoll und vermittelt dabei das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. "Es ist nur gut, wenn man nicht säuft, alles läuft besser, denn man hat einfach mehr vom Leben", bringt er es dann am Ende ganz einfach auf den Punkt. (*Name von der Redaktion geändert)

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