Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion

Ein halbes Jahrhundert ist Wilfried Frischke Fischer in Sternberg Winzige Hechte und große Karpfen

Von Rüdiger Rump | 23.11.2012, 06:38 Uhr

Vom Mechanisator zum Fischer – und das vor genau einem halben Jahrhundert: Wilfried Frischke aus Sternberg. Sein Sohn Andreas wollte auch nie einen anderen Beruf lernen und hat nun das Zepter in die Hand genommen.

Die Fischerei in Sternberg verbindet sich heute mit zwei Namen. Der junge Diplom-Fischwirt Johann-George Rettig wurde hier Ende Mai 1961 Wirtschaftsleiter für den Betriebsteil des VEB Binnenfischerei. Nach der Wende in die Selbstständigkeit gewechselt, übernahm zum 1. Januar 2003 Sohn Jörg die Sternberger Seenfischerei. Dieser Tage hat auch Wilfried Frischke ein halbes Jahrhundert als Fischer voll und mit Sohn Andreas gleichfalls seinen Nachfolger aus der Familie.

Fischer wollte Wilfried Frischke "von klein an" werden. Er sei zwischen den Seen und Teichen aufgewachsen. "Wir hatten das große Glück, nach der Vertreibung aus der Region Posen hier beim Förster unterzukommen. ,Weidmannsheil’ stand am Haus. Ich war damals fünf, meine Schwester zwei." Doch als er alt genug war für eine Ausbildung zum Fischer, war die Stelle besetzt. Frischke lernte Mechanisator und ging dann zur Armee, landete über Umwege in Prora. Zum Ende hin spitzte sich die Kuba-Krise zu, unfreiwillig musste er ein halbes Jahr länger bleiben. "Die wollten mich weiter behalten. Ich sollte Fahrlehrer werden, hatte aber schon damals meinen eigenen Kopf. Bei der Fischerei war eine Stelle frei geworden, und ich wollte unbedingt wieder nach Sternberg. Das klappte dann zum Dezember 1962. Ich war Feuer und Flamme." Wilfried Frischke wurde bei "Hans" Rettig als Seiteneinsteiger Fischer, Sohn Andreas lernte den Beruf von der Pike auf, wurde Facharbeiter für Binnenfischerei, was heute der Fischwirt ist. Er wollte nie

einen anderen Beruf, sagt der 45-Jährige. "Leben und arbeiten in der Natur, die ganze Zeit verfolgen, was aus der Zucht wird, und dann die Fische aufspüren, die sich unter einer glatten Wasseroberfläche verbergen - für mich gibt es nichts schöneres. Söhne von Fischern wissen, was Sache ist." Von 1990 bis 1992 hängte er ein Meisterstudium an auf der Hubertushöhe bei Storkow. "Wir waren in dem kleinen Jagdschloss der letzte Meisterlehrgang. Jetzt ist dort ein Hotel für gehobene Ansprüche", weiß Frischke. Die Lehrausbildung war noch weiter weg in Königswartha. Die gäbe es dort bis heute. "Eine schöne Gegend, aber das sorbische Essen war nicht mein Fall. Mit Kümmel gewürzt, lag noch eine Handvoll davon auf dem Teller. Ich war damals schmal, kam aber noch schmaler zurück. Wir verfassten Kümmelprotestbriefe, genützt hat es nichts." Heute schmunzelt Frischke darüber.

Nach der Wende machten sich die fünf Fischer aus dem VEB-Betriebsteil selbstständig. Rettig gründete mit zwei Mit arbeitern die Sternberger Seenfischerei, die beiden Frischkes die Seenfischerei und Fischzucht Frischke. Die Karpfenteiche sind die Kinderstube für Hechte und Schleie, ein bedeutendes Standbein neben der Produktion von Speisefisch. Bereits in den 1930er-Jahren habe hier die größte Hechtzuchtanstalt Deutschlands existiert. Auch zu DDR-Zeiten sei an dieser Stelle die Erzeugung von Satzfischen die vorrangige Aufgabe gewesen. Der Betrieb lebt heute genauso von winzigen Hechten wie von großen Karpfen. Die Oberen Seen haben dadurch einen besonders hohen Hechtbestand. Der lockt Angler an, die mit einer Tageskarte des Fischers auf Fang gehen. Insgesamt kommen hier über 20 Arten vor, bis hin zum Wels, erzählen Frischkes, die die Oberen Seen befischen. Da ringsherum keine Landwirtschaft betrieben werde, sei das Wasser "ganz klar". Es sorge auch für eine gute Wasserqualität in den sieben Meter tiefer liegenden Teichen, wodurch die Fischzucht überhaupt erst möglich sei. Der Große Steinbach liefere beständig frischen Zulauf. In niederschlagsreicher Zeit werden die Oberen Seen dazu etwa 30 Zentimeter angestaut, um ein sicheres Reservoir zu haben. Der Stand in den Teichen werde mit Mönchen reguliert. Den Überlauf transportiert ein Bächlein in den Luckower See.

Den natürlichen Höhenunterschied wollten schon die Altvorderen nutzen, erzählt Andreas Frischke. "Früher war das oben ein See. Mit dem Wasser sollte um 1500 eine Mühle unterhalb betrieben werden. Aber das funktionierte nicht. Das Wasser rauschte herunter, lief aber nicht genug nach." Es sei angenommen worden, dass Quellen den See speisen. Ein fataler Irrtum, allein Niederschläge füllten auch einst das Gewässer. So sei der Wasserstand ungewollt um drei Meter abgesenkt worden, so dass sich der See teilte, und dabei blieb es. Die Fischer müssten mit immer weniger Wasser auskommen. Wilfried Frischke hat den Eindruck, dass in den letzten Jahren immer weniger Niederschläge fallen. "Als würde ergie biger Gewitterregen einen Bogen um Sternberg machen." Er ärgert sich auch darüber, dass Kormorane den Fischern das Leben schwer machen und dabei sogar geschützt werden. "Als Ende der 1950er-Jahre das erste Pärchen auftauchte, haben wir uns noch gefreut. Niemand ahnte, was daraus wird. Am Bolzer See entstand später eine Kolonie. In der Nähe konnte man Fischzucht vergessen, das stellte sich schnell heraus."

Nachdenklich erinnert sich der 71-Jährige an eine Begebenheit kurz nach der Wende. Er wollte 10 000 DM Kredit für neue Fenster und Türen haben. "Die in der Bank haben mich ausgelacht und gefragt, wann ich das Geld denn zurückzahlen wolle, ich sei doch schon 50. In dem Alter wirst du zum alten Eisen gezählt, bist Schrott, ging es mir durch den Kopf, das tat ganz schön weh."

Ein Herzinfarkt vor drei Jahren traf Wilfried Frischke wie aus heiterem Himmel. "Die Ärzte haben mich wieder gut hinbekommen; alle Achtung, was heute möglich ist." Doch seitdem übernahm der Sohn endgültig das Zepter, der Unterstützung seines Vaters gewiss, wo es möglich ist.

Frischkes machen sich auch ihre Gedanken über billigen Importfisch, vor allem aus Asien. Manche Arten hätten hier vielleicht eine Zukunft, brauchten jedoch wärmeres Wasser. Wenn Landwirte preisgünstig Strom erzeugen und der genutzt werden könnte, wäre das eine Möglichkeit, sinniert der Senior. Sonst sei die Produktion hier einfach zu teuer. Schon einen Euro mehr würden die wenigsten Verbraucher akzeptieren.

Das sei der springende Punkt, meint Andreas Frischke, der auch gern mal eine Angelrute in die Hand nimmt, "um die Seele baumeln zu lassen", und eine Jahreskarte für die Ostsee besitzt. An den Fangmethoden habe sich über Jahrhunderte wenig geändert, doch der Fisch müsse auch verkauft werden, und das sei heute bedeutend schwerer.