Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion

sportwagen Wandlungsfähiger Supersportler

Von Jan Wrege | 28.09.2013, 03:08 Uhr

Das leichte Frühstück mit wenig Rührei und etwas Obst war eine gute Idee.

Einen Magen, der sich mit schwerer Kost quält, kann man auf der Rennstrecke am Bilster Berg in Westfalen nicht gebrauchen. Schon gar nicht, wenn man mit dem neuen Porsche 911 Turbo diese schließende Linkskurve mit 26 Prozent Gefälle und brutaler Kompression oder wenig später die lange Gerade mit fiesen Wellen entlang schießt. Monsterpiste, Monsterelfer, Monsterdrehmoment (bis zu 750 Nm) - diese Testrunden fordern das vegetative Nervensystem.

Jeder neue 911 Turbo ist ein Ereignis. Das gilt auch für die siebte Generation. In 40 Jahren seit seinem ersten Erscheinen auf der IAA 1973 hat sich die Leistung verdoppelt. Von 260 auf nun 520 PS. Für Leute, die gar nicht genug bekommen, gibt es noch die Version Turbo S mit 560 PS. Atemberaubend wie das Spurtvermögen - 3,1 Sekunden von 0 auf 100 km/h - sind die Preise: Mindestens 162 055 Euro bläst der Turbo vom Konto, ohne die Optionsliste zu bemühen. Da gibt es u.a. Keramik-Bremsen (9200 Euro), das Sport-Chronopaket (4500 Euro), geschmiedete Leichtmetallfelgen (3500 Euro), Rennschalensitze und aktives Fahrwerk (jeweils 3200 Euro). In den 195 256 Euro für den "S" sind einige dieser Features immerhin schon enthalten.

Solvente Fans werden die Preise kaum interessieren. Spannender sind Innovationen, die die schwäbischen Ingenieure in ihr neues Meisterwerk gepackt haben. Der Turbo wird zum technischen Chamäleon. Er kann die Aerodynamik verändern: Nicht nur der Heckspoiler kann sich heben und 88 Kilo extra Abtrieb auf die Hinterräder erzeugen. Auch der Gummispoiler vorn ist pneumatisch variabel und führt nicht mehr zum peinlichen Scheitern an steilen Parkhausrampen. Das serienmäßige 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe erzeugt virtuelle Zwischengänge. Das dient dem Spritsparen ebenso wie die Fähigkeit zum "Segeln" mit entkoppeltem Motor. Der optimierte Allradantrieb kann die Kraft noch gezielter zwischen den Achsen verteilen. Die Hinterräder sind nun um einen Lenkwinkel von 2,8 Grad beweglich. Das hebt die Fahrdynamik und reduziert den Wendekreis. Auf Wunsch gibt es dynamische Motorlager, die sich für die Fahrt auf einer Rennstrecke von elastisch auf steif verstellen lassen.

Alles dient dazu, die Grenzen der Fahrphysik für den Turbo zu erweitern. Selbst auf dem Bilster Berg ist dieser Elfer nur mit extremen Manövern in den ESP-Regelbereich zu zwingen. Phänomenal präzise reagiert die Lenkung auf minimale Impulse, mit unglaublicher Giftigkeit packen die vergrößerten Bremsen (410 mm Durchmesser vorn, 390 mm hinten) zu.

Das Erstaunlichste am Turbo ist sein Wechselspiel zwischen zwei Charakteren, dasDr. Jekyll und Mr. Hyde glatt in den Schatten stellt. Im Normalmodus ist er ein fast sanftmütiges, für jedermann beherrschbares und recht komfortables Alltagsauto. Ist die Sport+-Taste gedrückt, verwandelt er sich in ein Biest, dann ploppt das Backfire in der Abgasanlage wie bei einem Rennmotor.