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Weberin Hausapotheke aus Natur und Garten

Von Rüdiger Rump | 23.09.2011, 04:36 Uhr

Es geht um Wildkräuter, schickt Ursula Schönfeld eindringlich voraus, nicht um Basilikum, Rosmarin oder Thymian in einem akkurat angelegten Rondell.

Aus den Gesichtern in der Runde ist volle Zustimmung ablesbar, genau deshalb sind alle hier - zur Wildkräuter-Wanderung mit der Weberiner Diplom-Biologin und Heilpraktikerin. Weil kaum jemand weiß, wozu das, was gemeinhin als Unkraut gilt und aus Gärten verbannt wird, tatsächlich nütze ist. Sie erfreue sich auch an schönen Gärten, fügt die Wildkräuter-Expertin noch vor dem Rundgang an, ihr eigener müsse allerdings nicht so aussehen. Zu drei Seiten vom Natur schutz gebiet umgeben, könne sie natürlich auch anders gärtnern als jemand, dem möglicherweise Ärger mit Nachbarn ins Haus steht, wenn Unkraut aussamt und sich in der Umgebung breit macht, räumt Ursula Schönfeld verständnisvoll ein.

Sie freut sich über das große Interesse. Mehr als 20 Teilnehmer sind zu der letzten öffentlichen Wanderung in diesem Jahr gekommen, übrigens die Frauen mit ca. vier Fünfteln deutlich in der Überzahl. Gleich hinter dem Haus die erste Station: Goldrute. Die vermehrt sich von allein in vielen Gärten - um wieder arg dezimiert zu werden. Die gelben Blüten sollten im jungen Stadium gepflückt und beim Tee aufguss unter gemischt werden, mög licherweise auch getrocknet. Das sei gut für die Nieren, weiß die Weberinerin.

Handvoll Vogelmiere statt kostspieliger Zusatzpräparate

Einige Schritte weiter lacht ihr Herz dann so richtig: an der Unkrautecke.

Vogelmiere, ein Graus des Kleingärtners, nimmt die Kennerin für Salat, Suppe und selbst Marmor kuchen. Ältere Menschen würden das aus Notzeiten kennen. Heute habe die Verwendung von Vogelmiere

einen ganz anderen Aspekt. Sie bereichere Speisen und liefere Gesundheit wie Vitalität pur, ohne einen Cent zu kosten. Die Pflanze enthalte drei Mal so viel Kalzium, Kalium und Magnesium wie Kopfsalat, sieben Mal so viel Eisen, doppelt so viel Vitamin A und acht Mal so viel Vitamin C. "Alles, was in Zusatzpräparaten angeboten wird. Warum dafür Geld ausgeben?" fragt Ursula Schönfeld rhetorisch. "Lieber eine Handvoll Vogelmiere, da nimmt man diese Stoffe unverfälscht auf. Es kann alles dran bleiben, auch Blüten und Früchte, nur die langen Stängel, die faserig werden, und die Wurzeln nicht." Sie ermuntert,

einige Blättchen einfach in den Mund zu nehmen und macht es vor. Innerhalb

eines Jahres wächst Vogelmiere in sechs Generationen heran, immer wieder aussamend. Gärtner würden stöhnen, doch kritisch werde es erst, meint die Wildkräuter-Expertin, wenn der Komposthaufen völlig von der Pflanze überwuchert wird. In vernünftigem Maße sollte sie stehen bleiben. "Es gibt aber Leute, die wollen keinen Pferdemist mehr haben, weil da Vogelmieresamen drin sein kann", wirft Paul Völzow aus Zahrensdorf noch in die Runde, bevor er sich leise seinem Nebenmann zuwendet: "Wir waren zu Hause acht Kinder. Da gab es meist Gemüse mit Butter. Und von uns ist keiner zuckerkrank", so der 73-Jährige.

Jetzt geht es Richtung Wiese, die am See liegt. Ursula Schönfeld macht immer wieder Halt und erklärt Kräuter an dem Pfad: Taubnessel, die beruhigend wirkt, Wilde Malve zur Stärkung der Schleimhäute,

Zitronenverbene, die "eiserne Nerven" schafft, erholsamen Schlaf und tagsüber die Konzentration fördert ohne Koffein, oder Wilde Karde, deren Wurzeln Stoffe gegen Borreliose enthalten, schon fast

eine Modekrankheit, die dramatisch zugenommen habe, wie Ursula Schönfeld weiß. Sie hat in Berlin 25 Jahre lang als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Gesundheitswesen gearbeitet, zuletzt am Robert-Koch-Institut. Nach ihrer Rückkehr 1995 ins elterliche Haus, der alten Dorfschule in Weberin, eröffnete die Diplom-Biologin, Jahrgang 1945, ihre Naturheilpraxis.

Ihre Lieblingsheilpflanze sei Löwenzahn, ein "Allesheiler" für die inneren Organe. Der komme nicht in die Suppe, aber in den Salat, und die Blüten im Frühjahr nehme sie für Sirup. Mit Rezepten sei das so eine Sache, Wildkräuter verwendet Schönfeld eher "über den Daumen". Da sollte jeder variabel sein und am besten selbst ausprobieren, rät sie. Gäste zum Essen könnten dann die Zutaten erraten.

Aus Wermut mit Rotwein wird in Anlehnung an den Ortsnamen Weberino, der gut fürs Gemüt und die Verdauung sei. Beifuß sorge für gute Durchblutung, mit Spitzwegerich, eine der wichtigsten heimischen Heilpflanzen, helfe bei Wunden und Insektenstichen. Die Brennnessel, die jeder kenne, übertreffe die Power der Vogelmiere noch "hoch drei", wie die Fachfrau erläutert. Sie ziehe zum Pflücken der Blätter Handschuhe an, der Schweriner Burkhard Zeitz, einer der Teilnehmer, kennt eine andere schmerzfreie Methode: Die Blätter vorsichtig von unten abknipsen und dann einrollen. So passiere nichts.

Die Vielfalt der Wildkräuter auf diesem kleinen Terrain nimmt kein Ende: Beifuß, Hasenklee, Nachtkerze, Giersch, Sauer- und Pferdeampfer, Fingerkraut, Kleinblütiges Weidenröschen (gegen Prostatavergrößerung, ein häufiges Leiden bei Männern), Rotklee, Kletten, deren Wurzeln "das Blut reinigen wie kaum was anderes", Mädesüß, Pfefferminze, Traubenkirsche, Franzosenkraut, Bärenklau, Seifenkraut. Der Rundgang ist kaum einen Kilometer lang, dauert aber schon zweieinhalb Stunden. Zum Abschluss gibt es eine kleine Mahlzeit. Der Salat enthält Spitzkohl als Grundlage und dazu Vogelmiere, Löwenzahn, Schafgarbe, Gänseblümchen, Malvenblätter, Spitzwegerich und dazu gutes Olivenöl. Schmeckt köstlich ebenso wie die Wildkräutersuppe - diesmal mit Giersch, Kerbel, Melde und Franzosenkraut - sowie der Tee aus Zitronenverbene und Goldrute.