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Was einer 22-Jährigen als Jugendliche zu Hause widerfuhr Enttäuscht! Tiefer Riss zur Mutter

Von Rüdiger Rump | 15.10.2011, 10:40 Uhr

Über den tiefen Riss zur Mutter und die Gründe zu sprechen, hilft Claudia innerlich. Und sie hofft, dass „diese Frau endlich einmal die Quittung bekommt und zur Rechenschaft gezogen wird".

Die Mutter und vier jüngeren Geschwister zogen Anfang 2009 ins Sternberger Seenland. Claudia half noch beim Umzug. Ihre Ausbildung zur Hauswirtschafterin hatte sie in Rostock beendet. Doch das spielte keine Rolle mehr, der Entschluss, "von der Familie wegzukommen", stand für die junge Frau längst fest. Und da erschienen ihr sogar der neue Wohnort der Mutter und Rostock, wo sie geboren und aufgewachsen ist, noch zu nahe. Ein Arbeitsplatz fand sich auch nicht. Deshalb zog Claudia kurz darauf, vor nunmehr zweieinhalb Jahren, nach München. Zuerst arbeitete sie in

einer Restaurant-Küche, jetzt mit 22 Jahren als Leiterin einer Back waren-Filiale.

Vor dem Wechsel nach Süddeutschland lagen Jahre im Heim, bis sie 18 war und sich eine kleine Wohnung suchte. Ins Heim war das Mädchen von sich aus gegangen, förmlich geflohen über den Kinder- und Jugendnotdienst, bei dem es sich gemeldet hatte. Nur weg! Das war in Rostock. Die Mutter warf ihr vor, die Geschwister in Stich gelassen zu haben. Die Eltern hatten sich getrennt. "Die Gründe konnte ich damals nicht verstehen. Ich fühlte mich zu meinem Vater hingezogen. Wie ich später erfuhr, hat sie ihn hintergegangen und immer wieder Schulden gemacht. Es ging einfach nicht mehr. Mit dem Verstand von heute kann ich das gut nachvollziehen", erzählt die 22-Jährige.

Nach fünf Tagen sei der neue Partner der Mutter eingezogen. Das erste halbe Jahr schien alles in Ordnung. Dann begann er, Claudia zu schlagen. "Nicht nur das, er hat in aller Form versucht, mich fertig zu machen", sagt sie bitter. "Das wurde extrem brutal." Mit dicker Lippe, ausgerenktem Kiefer oder blauem Auge habe das Mädchen in die Schule gehen müssen. Und die Mutter drohte, es solle nicht wagen, in der Schule was zu erzählen. "Sie wollte die heile Welt vorspielen, wie auch jetzt", sagt Claudia. Noch mehr als die Schläge des rabiaten Partners der Mutter schmerzte deren Reaktion. "Sie unterstützte ihn noch, sagte zu mir, dass ich das verdient hätte."

Letzteres ist für Annette von Berg, ausgebildete Gesundheitspädagogin und Fachberaterin für Opferhilfe in Parchim, nicht ungewöhnlich. "Viele Frauen sehen sich als Opfer, weil ihre Beziehung nicht funktioniert, und suchen sich nächst schwächere Personen. Das sind oft die Kinder." Die würden sich fragen, warum ihre Mutter so schwach sei und keinen Trennungsstrich ziehe. Daraus resultiere das nächste Konfliktpotenzial. "Wenn diese Frauen zur Beratung kommen, hören wir oft, sie hätten es nur so lange ausgehalten, weil sie der Meinung waren, die Kinder brauchten beide Eltern", so Berg. In Familien, in denen das auftrete, sei das Risiko bedeutend höher, ebenfalls Täter oder Opfer zu werden, "weil man es nicht anders lernt und dann mit ins eigene Leben schleppt". Daher stehe immer der Schutz der Kinder im Vordergrund. Die Mutter sollte sich auf deren Seite stellen und zu verstehen geben, dass sie ihr Kind liebt, selbst wenn sie dadurch den Partner verliert, rät die Fachfrau. Sie wisse allerdings, dass es manchen Frauen schwer falle, ohne Mann an der Seite zu leben.

Nach ihrer Beobachtung hat die "merkbare Überforderung in Familien" zugenommen, sagt Annette von Berg. Warum, sei noch zu wenig erforscht. Auf jeden Fall habe sie wachsenden Beratungsbedarf festgestellt. Noch besser sei jedoch rechtzeitige Prävention, um "junge Leute stärker zu machen fürs Leben".

2010 holten die Jugendämter in Mecklenburg-Vorpommern 1002 Minderjährige wegen so genannter Kindeswohl gefährdung aus den Familien. Vergleichsweise niedrig ist der Anteil des damaligen Landkreises Parchim. In dem Jahr gingen 62 Meldungen über Kindeswohlgefährdung ein, sagte Monika Thieß vom Fachdienst Jugend auf SVZ-Anfrage. Nicht alle seien zutreffend gewesen. Der Fachdienst habe Hilfe angeboten und bei 34 Familien gewährt. Nur in drei Fällen mussten die Kinder herausgenommen werden. "Es ist doch viel schöner, wenn den Familien geholfen werden kann", meint Monika Thieß.

Claudia dagegen sagt selbst mit Abstand, der Weg ins Heim sei ihre beste Entscheidung gewesen. Sie habe keinerlei schlechte Erinnerung daran. Ihre jüngere Schwester, die mit ins Sternberger Seenland gezogen war, wo die Mutter inzwischen ihren neuen Partner kennen lernte, sei den gleichen Schritt gegangen, bis sie mit 18 vom Heim in die eigene Wohnung zog. Zu ihr bestehe ebenso Kontakt wie zum Vater in Rostock. Dadurch sei ihr auch ein Zeitungsbeitrag in die Hände gefallen, in dem sich die Mutter über Ämter in der Region beschwerte und beklagte, Sozialleistungen für die Kinder nicht bekommen zu haben. "Dass sie so etwas abzieht, darf nicht wahr sein, dachte ich gleich. Sie soll mal bei sich anfangen", entrüstet sich Claudia. "Egal, wie viel Geld diese Frau erhält, das ist schnell wieder weg. Und dabei geht es nicht um die Kinder, sondern um sie."

Schon als Jugendliche habe sie das selbst erleben müssen, erklärt Claudia. Als sie einmal von München aus hier zu Besuch war, habe ihre Mutter erneut versucht, ihr "Geld aus dem Rücken zu leiern. Das hat sie jedes Mal gemacht, und ich bin oft genug darauf reingefallen." Auf 400 Euro hätte sich das summiert, vielleicht 20 Euro habe die Tochter zurückbekommen. "Ich habe sie darauf angesprochen und später einen Brief geschrieben, dass ich nicht ihr finanzieller Notnagel sein kann und ihre Probleme ausbade." So kam das Verhältnis "einigermaßen in Ordnung", doch die Spannung sei geblieben. Bis vor zwei Jahren gab es noch lockeren Kontakt, doch der sei jetzt auch gänzlich vorbei. Claudia flatterte mit einem Mal eine Vollstreckungsandrohung ins Haus. Sie habe alles durchgesucht, ob vielleicht doch eine Rechnung unbezahlt geblieben sei. "Ich wandte mich an die Inkassofirma, dass die recherchiert, woher die Zahlungsaufforderung überhaupt stammt. Dabei stellte sich heraus, dass meine Mutter einen Handyvertrag mit meinem Namen, aber ihrer Adresse abgeschlossen hatte." Als Mahnungen wegen offener Rechnungsbeträge eingingen, habe sich die Mutter am Telefon als die Tochter ausgegeben und eine Ratenverein barung ausgehandelt, jedoch nur eine bezahlt - und dann Claudias Adresse in München weitergegeben. Spätestens da hätte sie zu ihrer Schuld stehen müssen, sagt Claudia. Ihre Schwester habe festgestellt, als sie für einen Mietvertrag eine Schufa-Auskunft benötigte, dass dort eine nicht beglichene Internetbestellung auf ihren Namen eingetragen ist.

Über den tiefen Riss zur Mutter und die Gründe zu sprechen, hilft Claudia innerlich. Und sie hofft, dass "diese Frau endlich einmal die Quittung bekommt und zur Rechenschaft gezogen wird". Dass ihre Geschwister darunter leiden könnten, glaubt sie nicht. "Sie müssen jetzt viel erleiden."