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Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Sternberg Endlich wieder ohne Angst in den Supermarkt

Von Michael Beitien | 07.11.2012, 08:42 Uhr

Eine 43-jährige Frau aus einem Dorf bei Brüel hat ihre Ängste überwunden. Endlich kann sie wieder in den Supermarkt gehen. Sie ist Patientin in der Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Sternberg.

"Ich habe meine Ängste wieder im Griff", erzählt eine 43-jährige Frau aus einem Dorf im Sternberger Seenland. Sie könne wieder einkaufen gehen und Auto fahren ohne Panikattacken, Schweißausbrüche, Erbrechen und Durchfall. Die Frau aus einem Dorf bei Brüel ist eine der ersten Patientinnen, die in der Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Sternberg behandelt wird. Seit Mitte Mai gibt es die medizinische Außenstelle der zu Helios Schwerin gehörenden Carl-Friedrich-Flemming-Klinik. Gestern wurde offiziell Eröffnung gefeiert.

Die 43-jährige Patientin aus der Brüeler Region ist zum zweiten Mal in dieser Tagesklinik. Sie freue sich darüber. "Ich fühle mich wirklich gut aufgehoben", sagt die Frau, bei der es nach der Überwindung der Angstzustände derzeit um die Behandlung der Depression geht. Seit längerem litt sie, holte sich aber erst im Dezember vergangenen Jahres medizinische Hilfe. "Da ging gar nichts mehr", berichtet die 43-Jährige. "Ich hatte lange mit mir gezetert, in die Klinik zu gehen", berichtet die Frau. Auch beim Gedanken: Was sagt das Umfeld?

Ihre Ängste hatten sich mehr und mehr gesteigert. "Ich habe mich nur noch rausgetraut in Begleitung", so die Frau. Die Panikattacken beim Autofahren und im Supermarkt hatte sie bereits vorher. Sobald drei und mehr Menschen hinter ihr an der Kasse warteten, bekam sie Schweißausbrüche. Die 43-Jährige war zuletzt nur früh morgens in den Markt gegangen, wenn wenige andere Käufer unterwegs waren. Sie eilte zwischen den Regalen entlang, um möglichst schnell wieder vor der Tür zu sein.

Wenn man in die Tagesklinik komme, sehe man, wie viele Menschen Angststörungen und Depressionen haben, erzählt die Patientin. Es könne jeden treffen, sagt Ärztin Antje Hoge. "Wir gucken, was los ist, wo sind die Ursachen, bauen ein Vertrauensverhältnis auf", schildert sie den Beginn der Behandlung. Bei der 43-Jährigen kommt ein ganzer Komplex zur Sprache: Albträume, die von Erlebnissen aus der Kindheit herrühren, die Arbeitslosigkeit mit Beginn der Wende, früh verwitwet...

Zur Therapie bei der Bewältigung ihrer Angstzustände gehörten für die Frau Besuche im Supermarkt. Beim ersten Mal wurde sie von ihrer Ärztin begleitet, dann durfte sie ein Handy mitnehmen. Später schlenderte sie ganz allein zwei Stunden zwischen den Regalen entlang. Schließlich ging es in ein belebtes Einkaufszentrum nach Schwerin. Zusammen mit vielen Menschen auf der Rolltreppe - da fing es wieder an, so die Frau. Doch ihre Angst sei relativ schnell verschwunden. Sie habe gelernt, sich der Angst zu stellen. Für sie sei der

Besuch des Supermarktes heute kein Problem mehr. Auch das Auto kann sie wieder mühelos steuern - sogar auf der Autobahn war sie schon unterwegs. Fünfeinhalb Wochen hatte ihre erste Behandlung in der Sternberger Tagesklinik gedauert - von Montag bis Freitag jeweils von 8 bis 16 Uhr. Jetzt fährt sie werktags für weitere sechs bis acht Wochen nach Sternberg.

Für die Behandlung sei ganz wichtig, dass sich die Patienten wohl fühlen, sagt Ärztin Antje Hoge. Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück und einer Gesprächsrunde. Zur Therapie gehören Bewegung und kreative Tätigkeiten ebenso wie das Erlernen von Entspannungstechniken. Es gibt Rollenspiele, wie man selbstsicherer wird, aber auch Einzelgespräche. Konzentration und Aufmerksamkeit werden geschult. Dabei hat die Ärztin ein Team aus einer Psychologin, einer Ergotherapeutin, von zwei Fachpflegekräften und einer Sozialarbeiterin zu Seite.

Vor einem halben Jahr wurden die ersten Patienten in die Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Sternberg aufgenommen. Behandelt werden hier Menschen ab 18 Jahren mit Psychosen wie Schizophrenien, affektiven Störungen wie Depressionen sowie mit Angsterkrankungen und Formen von Persönlichkeitsstörungen.

In die Sternberger Einrichtung kommen im Vergleich zu Schwerin deutlich mehr Patienten, bei denen auch soziale Probleme eine Rolle spielen, so gestern Dr. Jörg Flachsmeyer, Leitender Arzt von den Tageskliniken in Schwerin, Ludwigslust und Sternberg. Auffallend sei für ihn auch, es sind deutlich mehr Menschen ohne Beschäftigung. Flachsmeyer, der zu Visiten nach Sternberg kommt, bezeichnet den Start der Einrichtung als "total gut". Die Behandlung laufe auf hohem Niveau, mit der gleichen medizinischen Qualität wie in Schwerin.

In der Schweriner Klinik hatten zuvor immer wieder Patienten aus der Region geäußert, dass ihnen der tägliche Weg in die Landeshauptstadt zu weit sei, erklärt Dr. Hagen Marin, früherer Geschäftsführer der Helios-Kliniken in Schwerin und Unterstützer des Sternberger Projekts. Ursprünglich war gedacht, die Einrichtung bereits 2011 in Betrieb zu nehmen. Der Freizug der Räume Vor dem Pastiner Tor hatte sich aber verzögert.

"Wir wussten, es ist wirklich ein Bedarf da", so Prof. Dr. Andreas Broocks, Ärztlicher Direktor der Carl-Friedrich-Flemming-Klinik: für Menschen, die nicht voll stationär behandelt werden wollen und es auch nicht müssen.

"Das Konzept Tagesklinik überzeugt und begeistert mich", so Bürgermeister Jochen Quandt bei der Eröffnungsfeier. Er sei gerne bereit, weitere Projekte mit den Helios-Kliniken zu unterstützen. Anliegen der Stadt sei ein möglichst breites Angebot medizinischer Betreuung vor Ort. Die Tagesklinik sei ein Baustein medizinischer Versorgung.

Die 43-jährige Patientin der ersten Stunde berichtet, durch die Tagesklinik habe sie auch neue Bekanntschaften geschlossen. Die erste Therapiegruppe treffe sich bis heute einmal im Monat - ganz privat. Die Frau sagt: "Es ist inte ressant zu hören, wie andere ihr Leben nach der Therapie in den Griff bekommen haben."