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Archäologisches Freilichtmuseum Groß Raden : Zwischen Bildung und Kampfszenen

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Dieser Tage fungiert Heike Pilz häufiger als sonst als Geschichtslehrerin. Die Leiterin des Freilichtmuseums in Groß Raden führt dann Schulklassen übers Freigelände der alten Slawenburg aus dem 9. und 10. Jahrhundert.

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erstellt am 19.Apr.2013 | 06:15 Uhr

Groß Raden | Dieser Tage fungiert Heike Pilz häufiger als sonst als Geschichtslehrerin. Die Leiterin des Archäologischen Freilichtmuseums in Groß Raden führt dann Schulklassen übers Freigelände der alten Slawenburg aus dem 9. und 10. Jahrhundert. So auch zwei 7. Klassen aus der Rostocker Borwin-Schule, für die die Slawenzeit gerade Unterrichtsthema ist.

Und dann ist Heike Pilz so richtig in ihrem Element. "Wir haben auch einen Bildungsanspruch: sammeln - bewahren - vermitteln. Wir wollen hier ein Stück reale Welt zeigen, wie sie einst war", sagt sie und gibt sogleich zu verstehen: "Bei der Kleidung der Slawen wissen wir definitiv nicht, wie der Schnitt war. Das sagen wir den Besuchern stets auch."

Mit dem aktuellen Mittelalter-Hype kann die Museumschefin durchaus leben und auch einiges abgewinnen. Denn egal, wie man sich dieser Zeit - die in einigen Quellen auch die finstere genannt wird - nun nähert; Hauptsache, man interessiert sich dafür. "Wenn es allerdings gar keinen historischen Bezug hat, muss es nicht sein. Lauter Met trinkende Wikinger möchte ich nicht sehen", zieht Heike Pilz für sich eine Grenze angesichts der auch in der Region aus den Boden schießende Wikinger Lager - so z. B. seit einigen Jahren in Dorf Mecklenburg, wo einst die "Mekelinburg" stand, die "Wiege des Landes" sozusagen.

Natürlich könne man im Groß Radener Museum auch Met kaufen, aber das geschehe nicht draußen in aller Öffentlichkeit. Und überhaupt gebe es ein völliges Zerrbild jener Zeit: "Das waren keine Trinkgesellen und Raufbolde, sondern in erster Linie Händler und friedliche Bauern. Wir zeigen hier das Alltagsleben vom Korn bis zum Brot, vom Leben im Wald bis zum festen Gelände."

Heike Pilz und deren Mitstreiter im einzigen Museum Mecklenburg-Vorpommerns seiner Art widersetzen sich darum aber nicht dem Zeitgeist, dem Wunsch nicht weniger Leute. Denn ein Museum soll nicht nur bilden, es soll auch Besucher anlocken, sprich Geld einnehmen. Und Mäuse fängt man bekanntlich mit Speck. So organisiert das Museum in Groß Raden von Zeit zu Zeit großes mittelalterliches Treiben, gewürzt mit einer kleinen Waffenkunde. "So was hatten wir gerade zu Ostern. Und trotz des misslichen Winterwetters kamen 4000 Besucher. Das hat mich schon freudig überrascht", betont Heike Pilz. Im Vorjahr fanden übrigens 40 000 Leute den Weg ins Archäologische Freilichtmuseum. 2013 sollen "es mindestens genauso viel sein". Die Museumsleiterin plaudert denn auch schon mal aus dem Nähkästchen, indem sie "für den Herbst einen mittelalterlichen Kampftag", ankündigt, "der noch gar nicht offiziell im Programmplan steht. Dort wollen wir zeigen, wie die Slawen einst mit Lanzen, Pfeil und Bogen sowie Breit- und Bart äxten nach welchen Regeln kämpften."

Mit "The Battle of nations" ("Der Schlacht der Nationen") hat das allerdings aber auch gar nichts gemein. Heike Pilz kennt natürlich das Spektakel, bei dem man in mittelalterlichen Rüstungen und Waffen auf einem abgegrenzten "Schlachtfeld" aufeinander losgeht. Letzter "Battle-Champion" war übrigens Russland. "Wenn sie mit Macht ganz viele Leute haben wollen", sagt die Groß Radenerin dazu, "zweimal und dann ist es abgedroschen." Es käme auf einen Versuch an, denn Freaks dieser Art scheint es reichlich zu geben.

Aber für den Anspruch eines Museums ist das sowieso abwegig. Dafür setzt man in Groß Raden in den Wintermonaten, wenn das Freigelände geschlossen ist, viel lieber auf eine Vortragsreihe, organisiert vom Förderverein. Die vergangene umfasste von Oktober bis März sechs Veranstaltungen. "Dazu kamen jeweils zwischen 35 und 90 Personen. Die Vorträge über den Silberschatz auf dem Acker - gefunden hier in der Region bei Zaschendorf - d. Red. - sowie über die Schlachtfelder in Mecklenburg-Vorpommern waren ausverkauft. Wir machen diese Reihe seit drei Jahren jetzt und ich bin sehr dafür, es fortzusetzen." Bei der Thematik "MV im 10. Jahrhundert" durch Dr. Fred Ruchhöft vom Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege in Wiligrad fiel ein ganz bemerkenswerter Satz. Der Wissenschaftler , stellte bei seinem Vortrag am 5. Dezember in Groß Raden die These auf, dass der Aufstand der Lutizen (siehe "Stichwort") im 10. Jahrhundert mitverantwortlich ist für Mecklenburgs Rückständigkeit. Dieser Bund loser Slawenstämme widersetzte sich lange der Herrschaft der slawischen Fürsten sowie der Christianisierung. "Die Nachbarn der Slawen in Dänemark, in Prag, Polen und die Ottonen schritten zur selben Zeit in ihrer Entwicklung weiter, hingegen wurden die Slawen durch ihre Zersplitterung zurückgeworfen", betonte Dr. Ruchhöft.

Von Reichskanzler Otto von Bismarck stammt der immer wieder gern zitierte Spruch: "Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später." Nun kennen wir auch den "Übeltäter" dafür - die Lutizen. Auch Winterfahrten nach Groß Raden bilden…

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