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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

22. November 2017 | 12:30 Uhr

Zwei Stunden zwischen Haustür und Arbeitsstelle

vom

svz.de von
erstellt am 27.Mär.2012 | 10:03 Uhr

Wendorf | Um 7.23 Uhr fährt der Intercity in Schwerin ab - nach Hamburg. Axel Naujack aus Wendorf war zuvor schon eine gute Stunde unterwegs. "Spätestens 6.20 Uhr muss ich mit dem Auto vom Hof. Wer weiß, was auf den Straßen los ist, dafür braucht man einen Puffer." Und dann noch einen Parkplatz nahe dem Hauptbahnhof, doch der habe sich zu der Uhrzeit bislang immer gefunden. Über zwei Stunden seien es von der Haustür bis zur Arbeitsstelle.

Der Wendorfer arbeitet bei einer gesetzlichen Krankenkasse in der Hansestadt, seit 1994 schon. Der gelernte Forstfacharbeiter hatte gerade eine zweijährige Umschulung zum Sozialversicherungsfach angestellten, so die genaue Bezeichnung, hinter sich. Mit dem Wechsel vom Wald ins Büro sei er zwar bis heute nicht ganz glücklich, "aber Geld verdienen muss man nun mal". Dieser Beruf werde hier zu Lande gebraucht, war ihm vom Arbeitsamt gesagt worden, als Forstleute von Stellenabbau betroffen waren. "Doch als ich meinen Abschluss hatte, gab es keine Arbeitsplätze mehr", erinnert sich Naujack. Deshalb bewarb er sich in Hamburg, wo seine damalige Freundin - und heutige Frau - Jeannette Bürokauffrau lernte. Erfolgreiche Umschüler aus dem Osten seien dort mit Kusshand genommen worden und in seinem Kollegenkreis mittlerweile sogar in der Überzahl.

Zwölf Jahre fuhr der Berufspendler die ganze Strecke mit dem Pkw. "In der Zeit habe ich wohl eine Tankstelle und ein Autohaus bezahlt", sagt Naujack mit einem Schuss Galgenhumor. Vier Pkw habe er verbraucht. 83 000 bis 85 000 Kilometer kamen pro Jahr zusammen, vier Ölwechsel. Die Dieselkosten kletterten 2008 auf monatlich 450 Euro. Das alles sei auf Dauer unbezahlbar geworden. Die Rahmenbedingungen für Berufspendler hätten sich zusehends verschlechtert, und die Politik schaue tatenlos zu. Dabei erwarte sie von den Menschen ständig Mobilität.

Axel Naujack entschloss sich, für die Strecke zwischen Schwerin und Hamburg auf die Bahn umzusteigen. Die Verbindung sei annehmbar und das Jobticket für jeweils ein Jahr kostengünstiger. Bis zum Hauptbahnhof in der Landeshauptstadt aber geht es nur mit dem eigenen Auto, bei öffentlichen Verkehrsmitteln Fehlanzeige. "Man sieht es daran, was morgens alles so aus dem Dorf herausrauscht", sagt der 42-Jährige. Auch seine Frau pendelt täglich mit dem Pkw zur Arbeit in Schwerin. Tochter Ayna Sjoena (10) geht nachmittags vom Schulbus zu Oma und Opa im Dorf. "Wenn nicht diese Möglichkeit wäre, ginge das alles gar nicht oder einer von uns müsste kürzer arbeiten", so Naujack.

Anfangs sei er schon mit dem Zug 6.04 Uhr ab Schwerin gefahren. "Das tue ich mir nicht mehr an." Jetzt klingele sein Wecker dreiviertel sechs, eine halbe Stunde bleibe, die Tochter zu sehen. Abends schlafe sie meist schon, wenn der Papa in Hamburg erst den Zug um 19.44 Uhr schafft.

Obwohl es oft ein langer Tag ist, habe er nie daran gedacht, der Arbeit hinterher zu ziehen. "Ich bin hier aufgewachsen, fühle mich wohl. Wenn es abends länger hell und wärmer ist, sitze ich auf der Treppe vor dem Haus, höre die Vögel zwitschern und trinke eine Flasche Bier, einfach um herunter zukommen", beschreibt der Wendorfer einen der Vorzüge des Landlebens. Oder mit dem Hund die schöne Landschaft durchstreifen. Seine Frau, die aus Gustävel stammt, käme eher mit der Stadt klar, wenn es nicht der ganz große Trubel sei, doch für ihn gelte die Devise: "Dorf ist Dorf."

Bevor 1999 geheiratet wurde, kaufte der Wendorfer drei Jahre zuvor ein altes Haus und richtete es vom Fußboden bis zum Dach neu her. Auch den Teil der einstigen Dorfmauer, der zum Grundstück gehört. "Für mich ist so was erhaltenswert, es gehört zur Dorfgeschichte. Ich unterhalte mich mit älteren Leuten gern darüber", erzählt Naujack. Vieles sei an dem Haus noch zu machen, aber eines nach dem anderen. Zumindest für das größte Hobby, die freiwillige Feuerwehr, müsse Zeit bleiben. Er gehört ihr seit der Lehrzeit an und spricht begeistert vom Zusammenhalt der Kameraden, nicht nur in Uniform. Jetzt werde für den Amtsausscheid am 28. April fleißig geübt. Die Jägerei dagegen komme derzeit etwas zu kurz. Naujack besitzt seit 1993 die Jagderlaubnis.

Wenn der Wendorfer im Zug sitzt und seine Lektüre einmal beiseite legt, geht ihm immer wieder ein Ereignis durch den Kopf: Er hatte sich 2008 als Stammzellenspender typisieren lassen und konnte im Oktober vorigen Jahres einem Schwerkranken helfen. Dieser sei inzwischen aus der Klinik in Berlin entlassen und auf dem Wege der Besserung. Ein Lächeln huscht über Axel Naujacks Gesicht. "Ich würde jedem, der gesundheitlich auf der Höhe ist, empfehlen, auf diese Weise Gutes zu tun", sagt der Wendorfer, packt sein Buch ein und geht zur Tür des Intercity.


SVZ-Leser beklagen: Bus und Bahn nur sehr eingeschränkt nutzbar

Das eigene Auto, Bus oder Bahn – Mobilität ist für viele Menschen in unserer ländlich geprägten Region ein wichtiges Thema. Ein Großteil der Bürger im Bereich Sternberg-Brüel-Warin pendelt täglich zur Arbeit. Viele Kinder und Jugendliche fahren mit Bussen zu ihren Schulen. Andere Einwohner wiederum nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel, um beispielsweise das Theater zu besuchen oder einen Arzttermin wahrzunehmen.

Auch in der großen Lebenswert-Studie unserer Zeitung widmen wir uns der Thematik Mobilität/Verkehr. Wir haben Sie gefragt, wie Sie die Verkehrsverbindungen für Berufspendler einschätzen. Ihr Urteil: eine durchschnittliche Note von 3,5.

Besonders kritisch sehen Sie die Bus- und Bahnverbindungen. Diese bewerten Sie im Durchschnitt mit der Note 3,7.

„Bus und Bahn sind zwar verfügbar, aber nicht immer zu Zeiten, die Berufstätige nutzen können. Deshalb fahren viele trotzdem mit dem Auto zur Arbeit“, erklärt ein Leser aus Ventschow.

Ein Teilnehmer unserer Umfrage aus Zahrensdorf gibt an, dass das eigene Fahrzeug die einzige Möglichkeit in seinem Heimatort sei, sich fortzubewegen.

Leser aus Sternberg bemängeln die fehlenden Busverbindungen nach Schwerin am Wochenende. Nach SVZ-Recherchen fährt lediglich am Sonntagnachmittag ein Bus in Richtung Landeshauptstadt.


Keinen Bahnverkehr, zu wenig oder keine direkten Busverbindungen nach Schwerin, kritisiert ein
Befragter aus Warin. Die schlechte Verbindung nach Crivitz beklagt ein Leser aus Brüel.

Eine Umfrage-Teilnehmerin aus Neuhof hält das öffentliche Verkehrsnetz in der Region für dringend erforderlich und ausbaufähig. Der Grund: „Um die Bahn zu erreichen, die ihren Halt in Ventschow hat, benötigt man den Bus. Der Bus verkehrt aber nur zu Schulzeiten. Und nicht jeder ist
Autofahrer“, so die Neuhoferin. Ihrer Ansicht nach sollte es nicht immer nur um die Wirtschaftlichkeit gehen, wenn Bus- und Bahnstrecken geplant werden.

Ein Leser aus Brüel merkt an, dass durch die momentanen Abfahrtzeiten die Busse nur sehr eingeschränkt genutzt werden könnten.

Befragte aus Kobrow und Sternberg wünschen sich wieder eine Bahnverbindung nach Sternberg.

Und ein Wariner beschwert sich, dass die Fahrpreise für Busse zu hoch seien.

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