Ein Witziner erinnert sich : „Wolfskinder“ gab es auch in Masuren

Der Film „Wolfskinder“ zeigt den Überlebenskampf heimatloser Kinder im zweiten Weltkrieg im nördlichen Ostpreußen.
Foto:
1 von 2
Der Film „Wolfskinder“ zeigt den Überlebenskampf heimatloser Kinder im zweiten Weltkrieg im nördlichen Ostpreußen.

Januar vor 73 Jahren – Betroffener wartet bis heute auf Würde und Gerechtigkeit

svz.de von
18. Januar 2018, 12:00 Uhr

„Der Januar vor 73 Jahren – ein Schicksalsmonat“, schreibt Baldur Beyer. Mit 81 Jahren findet der Witziner die Kraft, sein Schicksal als „Wolfskind“ im südlichen Teil Ostpreußens aufzuschreiben und damit zugleich für sich und andere „Würde und Gerechtigkeit“ einzufordern.

Als Wolfskinder werden offiziell die im nördlichen Ostpreußen (Königsberg) am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Kriegseinwirkungen und -folgen zeitweise oder dauerhaft elternlos gewordenen heimatlosen Kinder bezeichnet. Dass es auch Wolfskinder im südlichen Teil Ostpreußens gab (heute Polen), wird bis heute in Deutschland nicht thematisiert.

Zum Jahreswechsel 2017/18 wurden im Fernsehen wieder einmal die Leiden der Wolfskinder aus dem nördlichen Ostpreußen um Königsberg, der heutigen russischen Exklave Kaliningrad, thematisiert. „Kriegs- und Nachkriegsschicksale aus dem südlichen Ostpreußen blieben bislang in der Politik und in den Medien weitgehend ohne Beachtung. Auch in Masuren gab es Wolfskinder, die bis heute auf die Herstellung ihrer Würde und Gerechtigkeit warten“, betont Baldur Beyer.

1943/44  war diese Schneeburg in Masuren „noch unser Winterspaß“, so Baldur Beyer. Wenige Monate später erwiesen sich diese Erfahrungen unter „Wolfskindern“ als überlebenswichtig.
Foto: Beyer
1943/44 war diese Schneeburg in Masuren „noch unser Winterspaß“, so Baldur Beyer. Wenige Monate später erwiesen sich diese Erfahrungen unter „Wolfskindern“ als überlebenswichtig.

Seine schicksalhafte Beziehung „begann vor 73 Jahren, am 3. Januar 1945 nach einer Zwangsevakuierung im Oktober 1944 aus einem masurischen Dorf in das vom damaligen Nazi-Gauleiter Koch als ,sicher‘ eingestufte Gebiet Hitlers Wolfsschanze bei Rastenburg. Mit dem 20. Januar 1945, dem Sturmangriff der Roten Armee auf Ostpreußen, war auch unser Schicksal besiegelt, wir waren eingekesselt und damit die erste zivile Beute des russischen Heeres! Im Ergebnis starben, außerhalb der Kampfhandlungen, über 100 000 Menschen an menschenverachtender Gewalt, Unterernährung und Seuchen. Die übrig gebliebenen Kinder, völlig auf sich gestellt, flohen in die Wälder, vagabundierten in Kinderbanden, zu denen auch ich, damals neun Jahre alt, gehörte, oder kamen in sowjetische Kindereinrichtungen.“ Viele Kinder schlossen sich zu Altersgruppen von 8 bis 13, 14-16 und über 16 Jahre an und zogen bis nach Litauen. Dem Hunger und Sterben entkamen nur wenige. „Überlebende versuchten sich hier und da, mit Zwangs-Kinderarbeit in russischen Kommandanturen und Einrichtungen, den neu angesiedelten polnischen Bauern oder Litauern, als Freiwild einzubringen“, gibt der Witziner seine Kindheitserinnerungen wieder.

2500 Frauen nach Sibirien verschleppt

Mit der Verschleppung der Mutter Anfang April 1945 nach Sibirien war „auch mein Schicksal, nun als Wolfskind, beschieden“. Durch glückliche Umstände überlebte Baldur Beyers Mutter; nicht mal ein Prozent der Verschleppten kehrte zurück. „Wir fanden uns wieder und landeten am 3. Januar 1946 bei Bauer Harm in Witzin/Mecklenburg. Hier erhielten wir nach drei Monaten Höllenfahrt und Hunger im Güterzug, nach Zwischenaufenthalt im Lager Losten bei Schwerin erstmalig eine Notunterkunft und etwas zu essen: einen Teller mit Kartoffelbrei – Die Sonne ging wieder auf! Diese erste Hilfe wurde auch durch den damaligen Witziner Altlehrer Walter Bölckow organisiert.“

Nach UN-Aussagen und der zuständigen „Gesellschaft für bedrohte Völker“ habe sich die Bundesrepublik bislang nur unzureichend oder gar nicht um die Problematik des Schicksals der noch lebenden Wolfskinder gekümmert. In Deutschland leben momentan von einigen tausend heute nur noch ca. 100, so Beyer. Im Oblast Kaliningrad und Litauen sollen es noch über 500 sein, viele von ihnen immer noch ohne Identität. Beyer: „Viele haben bis zu ihrem Lebensende nie darüber gesprochen, alles in sich vergraben und sind darüber verstorben.“

Nur eine der vielen Fragen, die sich der Witziner stellt: „Wie meine Mutter über ihre Verschleppung, wenn überhaupt etwas gesagt wurde, erzählte, gingen Anfang April über Insterburg ca. 2500 Frauen und Mädchen den Weg in die Verschleppung in den Ural. Wo sind deren Kinder geblieben? Bis heute gibt es dazu keine Antwort. Allein nach meinen Erinnerungen starben auf unseren kindlichen Überlebenskämpfen in den Wäldern viele Gleichaltrige vor Hunger oder Kälte, manche an den Folgen von Schlägen. Einige überlebten, ich auch. Wer kennt diese Dramen?“

Für Baldur Beyer ist es „ein politisches Armutszeugnis“, auch wenn man bedenkt, dass der litauische Staat den heute dort lebenden ehemals deutschen Wolfskindern eine geringe monatliche Rente zahlt, wenigstens eine Aufmerksamkeit. Die deutsche Regierung habe erst auf UNO-Druck der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ im Jahr 2017 (!) etwas konkreter mit der Aufarbeitung des Themas begonnen.

Die Erinnerungen an die Leidenszeit als Wolfskind hat Baldur Beyer 2017 in einer unveröffentlichten 200-seitigen Publikation „Denk ich an Masuren“ für die Nachwelt festgehalten. Öffentlich wolle er dazu nichts mehr sagen, das Ganze wühle zu sehr auf.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen