Dorfgeschichten: Groß Raden : Wo Geschichte lebendig wird

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Eingebettet in einer eiszeitlich geprägten Hügellandschaft liegt Groß Raden. Über die Landesgrenzen bekannt wurde das Dorf durch die Rekonstruktion eines Altslawischen Tempelortes aus dem 9./10. Jahrhundert.

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22. März 2013, 04:54 Uhr

Groß Raden | Eingebettet in einer eiszeitlich geprägten Hügellandschaft liegt Groß Raden. Über die Landesgrenzen bekannt wurde das Dorf durch die Rekonstruktion eines Altslawischen Tempelortes aus dem 9./10. Jahrhundert. Alljährlich zieht das archäologische Freilichtmuseum viele Besucher an. Im Ort befindet sich auch ein Oldtimermuseum, das saisonal ab April seine Pforten öffnet. Aber nicht nur Museen finden sich hier, auch alte restaurierte Bausubstanz sieht der Besucher, wenn er durch die Straßen geht.

"Das Häuschen mit dem Schilfdach wurde ganz früher als Hühnerstall genutzt, dann wurde es zur Poststelle umgebaut, und später zog die Feuerwehr dort ein", erinnert Klaus-Dieter Hauer. Er hat gerade ein Brot geholt. Der 54-Jährige ist gebürtiger Groß Radener und betreibt seit 1990 einen Kiosk. "Angefangen habe ich mit einem Videoverleih. Habe die Garage auf dem Hof ausgebaut. 1994 haben wir eine Gaststätte mit Pension angebaut, die meine Frau betreut. Acht Zimmer stehen dem Gast zur Verfügung. Wir sind recht zufrieden, egal ob Saison oder Nachsaison ist", erzählt er. Seinen Kiosk hat er immer offen. Vor allem die Einheimischen nutzen ihn als Treff, speisen dort oder und plaudern bei einem Bier. Gegenüber wohnt seine Schwester. Das gelbe Backsteinhaus war früher die Schule von Groß Raden. Er selbst wurde allerdings schon in Sternberg eingeschult.

Die ehemaligen Landarbeiterkaten stehen entlang der Kastanienalle in Richtung Archäologisches Freilichtmuseum. Die Straße wurde auch gleich nach der Wende gemacht, erzählt Hauer. Er lebt gerne in dem Ort, in dem er aufgewachsen ist. War es früher ruhig in dem mecklenburgischen Dörfchen am Groß Radener See, prägen heute Touristen das Dorfbild, die das Freilichtmuseum und die dort angebotenen Veranstaltungen besuchen.

Den jüngsten Workshop nutzt auch Barbara Scheffel. Vor 18 Jahren hat sie mit ihrem Mann ein Haus am Ortseingang gebaut, lebt seitdem hier und hat sich längst ins Dorfleben integriert. "Ich wollte immer in Wassernähe wohnen, ich stamme von der Insel Usedom. Mein Mann wurde damals nach Sternberg versetzt. Hier lebten wir von 1968 bis 1995, drei Jahre im afrikanischen Angola. Mein Mann leistete dort Aufbauhilfe in der Landwirtschaft", erzählt die 71-Jährige. Viele Erinnerungsstücke und Fotos aus dieser Zeit hat sie noch. Gerne geht die gelernte Gebrauchswerberin spazieren oder ändert mit der Nähmaschine Kleidung.

Eng mit dem Archäolo gischen Museum sind auch Gaby und Rolf Hilgenstock verbunden. Sie sind Mitglied im Verein, seit sie in Groß Raden wohnen. Als Architekten arbeiteten beide am Projekt des Tunneltores und der Palisaden mit. Zehn Jahre leben sie nun schon in dem Ort nahe der altslawischen Tempelburg. "Früher stand ein Strommast auf unserem Grundstück. Der wurde versetzt, wodurch wir Baufreiheit bekamen. Auch der Obstgarten des Schlosses hat sich hier früher befunden. Ein paar alte Sorten stehen noch. Wir haben auch selbst alte Obstsorten gepflanzt. Der Garten ist das Steckenpferd meines Mannes, der Gärtner gelernt hat. Als wir noch in Sternberg wohnten, war mein Mann am Straßenbau in Groß Raden beteiligt, und so sind wir zu dem Grundstück gekommen. Wir haben hier Freunde gefunden. Es lebt sich gut hier", erzählt die 48-Jährige.

Unentwegt drückt Familienhund Pluto auf die Türklinke. Endlich lässt Tochter Josefine ihn heraus. Flugs greift sich der Vierbeiner einen Schuh des Hausherren und umrundet den Tisch mit seiner "Beute" im Fang. Josefine, 15 Jahre jung, ist in ihrer Freizeit Stabhochspringerin beim LAV Sternberg. Ihre jüngere Schwester Alisa ist eher im kreativen Bereich tätig. Sie geht auch gerne mit ihrer Mutter mit, wenn es im Freilichtmuseum Freizeit angebote gibt. So wie den Workshop im Februar, auf dem ihre Mutter strickte und sie zum Ton griff und eine Schale formte. Alisa ist gerne mit ihrem Kumpel Jan zusammen. Im Winter nimmt sie häufig ihre Spielekonsole zur Hand. "Ansonsten toben wir draußen herum. Vor allem im Sommer sind wir mit dem Fahrrad unterwegs und machen Radrennen", erzählt die Achtjährige.

Die Badestelle am See wird genauso gerne genutzt wie der Spielplatz. Zu Halloween und bei den Osterfeuern sind die Kinder auch unterwegs.

In der Küche von Familie Hilgenstock stehen größere Töpfe. Immerhin muss die Familienmutter für sechs Personen kochen. Aber das macht sie gerne und sammelt auch Kochbücher. "Die lese ich wie andere Leute Geschichten", lächelt Gaby Hilgenstock, die aber auch zu Historienromanen greift.

Ihre Familie, die sehr musikalisch ist und in der jeder ein Instrument spielt, mag am liebsten Spaghetti Bolog nese, Frikasse, Hähnchen und Rindfleischtargin.

Draußen ist Nachbarin Brunhilde Schlünz am Haus unterwegs. Sie hat ihre Kanarienvögel und den Goldfasan in der Voliere schon gefüttert. Sie stammt aus Nantrow, lebt aber seit 1958 in Groß Raden. "Ich beschäftige mich viel am Haus. Täglich muss ich nach draußen die Tiere füttern. Mein Mann ist verstorben, und ich mache vieles allein", sagt die 73-Jährige. Zwei Kinder hat sie aufgezogen. Die sind damals in Sternberg zur Schule gegangen. Auch erinnert sie sich an den Konsum, den es früher im Ort gab und dass man sich dort getroffen habe. Heute beleben Touristen das Dorf in den Sommermonaten. Davon bekommt die Rentnerin in der Dorfstraße aber nicht so sehr viel mit, da das Museum in eine andere Richtung liegt.

Bernd Mauch hat gerade die Fahrspuren frei gemacht. Den Rindern auf der Wiese soll ihre Futterration gebracht werden. "Das Dorf ist lebendig durch die beiden Museen. Im Winter ist es sehr ruhig hier", erzählt der 53-Jährige. Er hat immer zu tun, ob es im Park ist, der von den neuen Bewohnern des Gutshauses wieder hergerichtet wurde, oder rund um das Haus und an der Straße. Seit 13 Jahren lebt Bernd Mauch in Groß Raden und arbeitet als Hausmeister.

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