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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

24. Oktober 2017 | 00:41 Uhr

Ruchow : Wo Flüchtlingswege sich kreuzen

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Als Vierjähriger 1945 mit der Familie aus Mecklenburg geflohen – heute für jene, die ins Land kamen und starben, Gedenkstein errichtet

von
erstellt am 02.Jul.2016 | 05:00 Uhr

Der Findling aus der Feldmark zwischen Tieplitz und Ruchow steht jetzt gegenüber dem Eingang zur Kirche. Und er ist beschriftet: Wir denken an die hier ruhenden Opfer von Flucht und Vertreibung 1945-1947 aus Ostpreußen, Pommern und..., sie starben an Typhus, Hunger und Heimweh.

Mehr als 100, mitunter bis zu 200 Leute hätten im Saal des Tieplitzer Gutshauses mehr vegetiert als gelebt, hat Justus von Laer erfahren. „Sie starben wie die Fliegen und wurden auf Karren zum Friedhof in Ruchow gebracht.“ Viele fanden in Massengräbern ihre letzte Ruhe.

Von Laer war gerade vier, als am 1. Mai 1945 „Mutter, Tanten, Großeltern und das halbe Dorf“ Tieplitz den Rücken kehrten. Die Rote Armee hatte Güstrow fast erreicht. Kurz vor Ultimo kam die Treckgenehmigung. Ohne die hätten alle riskiert, von fanatischen Nazis umgebracht zu werden. Auf der heutigen B 104 sei ständig Bewegung gewesen, „immer Richtung Westen“. Der Treck aus mehreren Pferdefuhrwerken wollte über Mustin, Parchim und Probst Jesar zur Elbe. Gefahren wurde nur nachts, denn tagsüber war ständig mit Beschuss zu rechnen. Kurz vor dem 8. Mai angekommen, half ein glücklicher Umstand. Eine Tante, schon längere Zeit zu Besuch und von den Kriegswirren überrascht, war mit einem Südafrikaner verheiratet und besaß einen britischen Pass, den sie vorher versteckt hatte. Niemand wusste davon, denn der hätte in Deutschland Todesgefahr bedeutet. „Die Elbniederung war schwarz vor Menschen. Alle hofften, auf der anderen Seite in Sicherheit zu kommen“, so Laer. Dank Überredungskünsten und britischem Pass ließen die Engländer zwei, drei Fuhrwerke mit der Fähre übersetzen, neben der Familie aus dem Gutshaus so viele wie möglich Jugendliche, als Pferdeknechte eingekleidet. Alle anderen mussten wieder zurück nach Tieplitz.

Über Hitzacker ging es nach Westfalen, wo alle auf einem Gut von Verwandten unterkamen. Der Vater, 1946 aus englischer Gefangenschaft gekommen, pachtete einen 40-Hektar-Hof und baute eine neue Existenz auf. „Den Hof hat inzwischen mein Bruder gekauft, betreibt mit seinen Söhnen Landwirtschaft und gewaltige Gastronomie, und er baut Spargel und Erdbeeren an wie jetzt auch in Tieplitz“,
erzählt Justus von Laer.

Er hat in Münster und Freiburg Medizin studiert, drei Jahrzehnte als Assistenzarzt an Kliniken gearbeitet, danach als Internist in einer Gemeinschaftspraxis in Hamburg und sich nach der Wende zu seinen Wurzeln orientiert. Er habe das Gutshaus zurückgekauft, das inzwischen eine Ruine war, es nach altem Vorbild saniert und Wald erworben. „Ich genieße das, bin jetzt Förster und mache gelegentlich ärztlichen Notdienst in der Region.“ Das Gutshaus in Tieplitz sei nun „zentraler Punkt für die Familie“. Von Laers haben vier Töchter, von denen drei in
Ruchow heirateten, das zehnte Enkelkind ist unterwegs.

Vor zehn Jahren kreuzten sich dort aber auch Flüchtlingswege. Eine Frau sei zu ihm gekommen. Sie habe als Kind im Saal des Gutshauses gelegen; neben ihr sei die Mutter gestorben und sie wisse nicht, wo sie um sie trauern könne. Über den DRK-Suchdienst sei das kleine Mädchen bei Verwandten untergekommen. „Die Frau war traumatisiert, sie hat zehn Jahre gebraucht, um herzukommen. Das gab für mich den Ausschlag zu dem Gedenkstein. Es hat gedauert, doch jetzt ist er fertig“, so Laer.

Der Krieg war zu Ende, aber nicht das Leid, sagt Pastor Siegfried Rau, als er den Gedenkstein segnet. Die Dörfer hatten doppelt so viele Einwohner wie 1939, aber viele erlebten den Neuanfang nicht. Er sehe sich selbst als Flüchtlingskind, seine Mutter sei aus den Sudeten gekommen. Zwei Stunden seien ihr nach Aufforderung tschechischer Soldaten geblieben, die nötigsten Sachen zu packen. „Bis heute schreckt sie auf und schreit, wenn es laut an der Tür klopft.“ Solche Erfahrungen steckten tief. 1952 geboren und in der DDR aufgewachsen, wisse er, so Rau, dass öffentlich über vieles nicht gesprochen wurde, auch nicht über Flüchtlinge. Doch als junger Pastor hatte er zwei einschneidende Erlebnisse. Bei einer älteren Frau stand ein Foto mit zwei Kindern, Tochter und Sohn. Beide habe sie auf der Flucht verloren, die Tochter gar nur ablegen können, als der voll gestopfte Güterzug kurz auf der Strecke hielt. Ein altes Ehepaar, das lange Zeit unter dem Dach wohnte, hatte drei Fotos von ihren Söhnen. Einer fiel im Krieg, einer blieb vermisst und einer starb an Typhus, hätten ihm die alten Leute erzählt.

2016 gebe es so viele Flüchtlinge wie noch nie – weltweit 50 Millionen, sagt Pastor Rau. An die von einst erinnere der Gedenkstein, denen von heute sollte die Hand gereicht und Mut gemacht werden, irgendwann in ihre Länder zurückzukehren und aufzubauen, was zerstört ist.

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