Ideensammlung : Witzin möchte Energiedorf werden

Wird Holz die zukünftige Energie von Witzin liefern? Ein Wärmenetz aus Biomasse ist  nur eine der zahlreichen Optionen, über die sich derzeit Gemeindevertreter und Energieexperten gemeinsam Gedanken machen.
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Wird Holz die zukünftige Energie von Witzin liefern? Ein Wärmenetz aus Biomasse ist nur eine der zahlreichen Optionen, über die sich derzeit Gemeindevertreter und Energieexperten gemeinsam Gedanken machen.

In der Gemeinde im Altkreis Sternberg soll die Energiewende Einzug halten – so sind zumindest erste Überlegungen.

svz.de von
15. Dezember 2013, 14:32 Uhr

Was ist ein Energiedorf? In Witzin bislang nicht mehr als ein Arbeitstitel einer Phase, in der Ideen gesammelt werden, wie die Gemeinde von der bevorstehenden Energiewende profitieren kann. Bei erneuerbaren Energien denken die meisten Menschen zunächst an Windparks, Solarzellen oder andere alternative Energiequellen.

„Für uns bedeutet es aber vor allem, direkt vor Ort, die Chancen der Energiewende zu nutzen“, sagt Bürgermeister Bruno Urbschat. Windräder vor der Tür schließe er aus, erklärte er unmissverständlich zu Beginn der Gemeindevertretersitzung in der Vorwoche. „Energie ist in letzter Konsequenz zum Leben genau so wichtig wie Brot und Wasser – und alles wird teurer“, sagt er weiter. Daher wolle man gemeinsam Möglichkeiten erörtern, die Kosten der Energiewende nicht auf die Rücken der Nutzer abzuwälzen.

Dr. Ernst Schützler ist Mitarbeiter der Akademie für nachhaltige Entwicklung und versucht, das sensible Thema Energiewende in die Gemeinde zu bringen. „Die Bewohner sollen sich an der Diskussion beteiligen, um gemeinsam eventuelle Wege zum (Bio-)Energiedorf auszuloten“, sagt der 66-jährige Energie-Experte. Mit Bedacht wählt er den Begriff (Bio-)Energiedorf, denn so seien alle Chancen inbegriffen: Biomasse wie Gülle oder Holz, Sonnen- und Windenergie oder Strom und Wärmenetze, zählt er auf.


Eigenes Strom- oder Wärmenetz für Witzin?


In einem eigenen Witziner Strom- oder Wärmenetz sieht Bruno Urbschat großes Potenzial. „An der Leipziger Börse kostet Strom sechs oder sieben Cent, der Verbraucher zahlt aber 26 Cent oder mehr. Wenn Strom nun eigentlich so billig sei, könne mit der neuen Technik dann dieser verbilligte Strom nicht auch hier vor Ort direkt gekauft werden?, fragt der Bürgermeister in die Runde der Gemeindevertreter.

Eine weitere Alternative, die einige Witziner und Dr. Ernst Schützler bereits aufgriffen, ist die des Wärmenetzes. „Viele heutige Heizungen und Heizsysteme stammen aus der Zeit der Wende – eine Sanierung stehe demnach in den nächsten Jahren bevor“, so Bruno Urbschat. „Warum die Sanierung nicht mit einer Anpassung verbinden, wenn daraus alle Beteiligten Vorteile ziehen würden?“

Alle Beteiligten sprechen bislang noch vorsichtig im Konjunktiv. „Denn was wo möglich ist, hängt von den lokalen Möglichkeiten und den vorhandenen energetischen Potenzialen ab. Und die kann schließlich nur eine Machbarkeitsstudie ans Tageslicht bringen und wenn die Bürger an einem Strang ziehen“, beruhigt der 66-jährige Dr. Schützler. Denn bislang ist in Witzin nichts hieb- und stichfest, es stehen nur Ideen im Raum.

Anders ist das im nordwestmecklenburgischen Plüschow. Die 500-Seelen-Gemeinde hat die Idee vom Energiedorf bereits in einer Machbarkeitsstudie prüfen lassen. Plüschow ist Witzin also Schritte voraus, weshalb die Gemeinde im Altkreis Sternberg gerne einen Blick dorthin wirft. „Bei unserem ersten Treffen mit einigen Witzinern haben wir von Plüschow erzählt, um etwas genauer zu werden. Schließlich kann so eine Info-Veranstaltung auch erstmal viel zu viel an neuem Stoff bieten“, sagt Mario Begrad, Projektentwickler bei der Trigenius Wismar. Zusammen mit Dr. Schützler stellte er Bürgermeister Urbschat sowie Lydia Steuber und weiteren Gemeindevertretern Ideen zum Thema Energiedorf vor. Lydia Steuber von der Bürgergemeinschaft appelliert gleich an alle Seiten: „Für eine Diskussion muss wirklich alles offen auf den Tisch gelegt werden – Risiken, Chancen, Probleme und welcher Bedarf überhaupt besteht.“ Ein weiteres großes Thema ist für die Gemeinde der Punkt der Kosten, denn wer zahlt die Maßnahmen, die der Energiewende in Witzin mit einhergehen? Auch auf diese Fragen gibt es natürlich Antworten, die in diesem Stadium der Ideensammlung aber nur theoretisch zu beantworten sind.

„Es gibt Fördermittel der Länder, des Bundes und aus Europa sowie zinsgünstige Kredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)“, sagt Begrad. Doch müssen für einige Förderungen bestimmte Vorgaben erfüllt sein, so der 41-Jährige weiter. Eine davon sei die sogenannte Leistungsdichte des Wärmenetzes. „Im Grunde geht es darum, wie viele Abnehmer aus dem Netz Energie ziehen. Damit wollen beispielsweise die KfW als Förderer die Wirtschaftlichkeit überprüfen“, so der Projektentwickler. Für das vielleicht zukünftige Energiedorf Witzin würde das bedeuten, dass sich 60 Prozent der rund 470 Einwohner an dem Projekt beteiligen müssten. Das zumindest, sei der Erfahrungswert aus der Arbeit von Mario Begrad. Er sagt aber auch, dass Witzin einen weiteren Vorteil hätte: „Die Gemeinde ist sehr dicht gebaut, die Häuser reihen sich aneinander. Dadurch bedarf es weniger Wämeleitungen für viele Anschlussnehmer – die geforderte Leistungsdichte wäre also auch bei nur 40 Prozent Dorf-Anteilnahme gegeben.“

In dem langen Schritt von der Idee bis zur Umsetzung können genaue Antworten auf die Kosten- oder die Beteiligungsfrage jetzt noch nicht gegeben werden. Eines ist sich der Witziner Bürgermeister Bruno Urbschat aber schon jetzt sicher: „Die jetzigen Gemeindevertreter öffnen eine Tür. Die, die nach uns kommen, müssen dann durch diese Tür gehen.“

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