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Ehepaar kämpft seit Jahren gegen Lärmbelästigung : Windrad erhitzt Ventschower Gemüter

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"Was hab ich schon für Schlaftabletten geschluckt", klagt Helga Patzer. Die 76-jährige Ventschowerin und ihr 79-jähriger Mann Leander kämpfen seit Jahren gegen die Lärmbelästigung durch ein nahes Windrad.

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erstellt am 04.Jan.2011 | 05:54 Uhr

Ventschow | "Was hab ich schon für Schlaftabletten geschluckt", klagt Helga Patzer. Die 76-jährige Ventschowerin und ihr 79-jähriger Mann Leander kämpfen seit Jahren gegen die Lärmbelästigung durch ein nahes Windrad. Es faucht nach ihren Worten nur knapp 50 Meter von ihrem Grundstück. Das Besondere am Ventschower Windrad: Es steht zwar auf Gewerbeflächen, aber dennoch quasi mitten im Ort.

Mitte der 90er-Jahre hatte der frühere Besitzer des Betonwerk es errichtet, erinnerte sich Bürgermeister Manfred Linke, der damals schon mit im Dorfparlament saß. Der Investor hatte einen anderen Typ avisiert, den die Gemeindevertreter ablehnten. Sie forderten Nachbesserung. Plötzlich stand das Windrad. Da stimmen die Parameter, hörten die Gemeindevertreter von den Behörden. Schließlich hätten sie es nicht gänzlich abgelehnt. "Wir waren ein bisschen unbedarft", meint Linke heute. Die ehrenamtlichen Gemeindevertreter dachten, die Vorlage kommt noch einmal auf den Tisch.

Die Baugenehmigung wurde 1995 erteilt mit Auflagen allgemeiner Art zur Einhaltung der technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm, teilt das Bauordnungsamt des Landkreises Nordwestmecklenburg mit. Festgelegt wurde u.a., dass der Bauherr bzw. sein Nachfolger handeln müssen, wenn die Prognosewerte zur Schallausbreitung überschritten werden und es erhöhte unzulässige Beeinträchtigungen für die angrenzende Wohnbebauung gibt.

"Es faucht und heult wie eh und je"

"Am Anfang war es nicht so laut", sagt Helga Patzer. Im Zusammenhang mit Veränderungen im Betonwerk war das Windrad eine Zeit lang abgeschaltet, weil Eigentumsfragen nicht geklärt waren. Doch dann drehte es sich wieder. Gerade im Sommer, wenn die Fenster geöffnet werden müssen, sei es nicht auszuhalten, sagen die Patzers.

Das Ehepaar versucht seit Jahren, den Lärm zu unterbinden. Bereits Ende 2003 hatte sich in ihrem Auftrag eine Rechtanwältin an die Untere Bauaufsicht des Nordwestkreises gewandt. Die Lärmschutzwerte werden in den Nachtstunden nicht eingehalten, heißt es darin. Das Windrad sei Tag und Nacht in Betrieb.

Es sei immer nur eine Anwohnerin, die sich beschwert, so gestern der heutige Windradeigentümer Walter Huning. Helga Patzer berichtet hingegen von Nachbarn, die sich auch beklagen, aber nichts unternehmen.

Laut Huning wurden aufgrund der Beschwerden bereits vor Jahren Schallmessungen veranlasst. Die Werte entsprachen den Vorgaben. Trotzdem wurden die Drehzahlen des Rades am Abend reduziert, sagt er. Die Patzers sind dagegen davon überzeugt, dass diese Messwerte gar nicht für ihr am nächsten am Windrad gelegenen Haus zutreffen.

Anfang des Vorjahres schrieb die Rechtsanwältin der Ventschower erneut an die Bauaufsicht. "Die Lärmbelästigung durch das Windkraftrad hat sich in Ventschow nicht verändert. Es faucht und heult wie eh und je. Bei West- und Nordwind ist der Lärm für meine Mandanten schier unerträglich." Selbst beim Sturmtief Daisy war das Windrad in Betrieb, berichtet Helga Patzer.

Aufgrund von Betreiberwechsel und Betriebsunterbrechung der Windenergieanlage über mehrere Jahre erstreckt sich das Beschwerdeverfahren über einen sonst nicht üblichen längeren Zeitraum, so das Bauordnungsamt Nordwestmecklenburg. Aber auch die Bürger hätten trotz anwaltlicher Vertretung ihre zur Verfügung stehenden Rechtsmittel nicht ausgeschöpft, meint der Landkreis. "Gegenwärtig laufen aber Untersuchungen wie den Beteiligten gegenüber in ihren Belangen Rechnung getragen werden kann", so das Bauordnungsamt.

Bürgermeister Manfred Linke berichtete auf der jüngste Gemeindevertretersitzung, dass der Betreiber mit ihm Kontakt aufgenommen hat. Der Eigentümer könne sich vorstellen, das Windrad weiter weg von den Wohnhäusern zu platzieren.

Das bestätigte gestern Walter Huning: "Wir sind um einen Konsens bemüht", erklärte er. Seine Idee ist es, den Standort der Anlage um 500 Meter zu verlegen - hinter die Produktionshalle. "Wo sie keiner sieht, sie keiner hört", so der Eigentümer. Wobei die alte Anlage durch eine moderne ersetzt würde, die leiser wäre. Huning wartet auf ein Entgegenkommen der Politik.

Inwieweit eine solche Verlagerung möglich sein wird, ist auch planungsrechtlich zu prüfen, so die Sprecherin des Nordwestkreises Petra Rappen. "Wir gehen davon aus, dass es in absehbarer Zeit eine einvernehmliche Lösung geben wird." Im Landkreis berichtet man von intensive Bemühungen durch den Bürgermeister der Gemeinde Ventschow, zwischen Betreiber, der Familie und dem für den Immissionsschutz zuständigen StALU Schwerin zu vermitteln.

Gehehmigung für Anlage ist unbefristet

Silke Plieth, Bauamtsleiterin in Dorf Mecklenburg, hofft indes noch darauf, dass der Zahn der Zeit dem Ventschower Windrad ein Ende macht, sobald nach 20 Jahren Betrieb nicht mehr die ursprünglich zugesagte Einspeisevergütung gezahlt wird. Vielleicht lohne es sich dann nicht mehr, an der Anlage anfallende Reparaturen durchzuführen.

Dem widerspricht Eigentümer Huning: "Die Anlage ist wirtschaftlich." Und auch wenig reparaturanfällig.

Die erteilte Genehmigung für das Ventschower Windrad ist unbefristet, teilte der Landkreis auf SVZ-Anfrage mit. Die Regelung zur Befristung einschließlich Rückbauverpflichtung war in der zum Zeitpunkt der Genehmigung geltenden Fassung des Baugesetzbuches noch nicht enthalten.

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