Hilfe konkret : Willkommen für junge Syrer

Die in Sternberg untergebrachten Flüchtlinge aus Syrien wurden gestern im Rathaus herzlich begrüßt.
Die in Sternberg untergebrachten Flüchtlinge aus Syrien wurden gestern im Rathaus herzlich begrüßt.

Bei Treffen im Sternberger Rathaus über Hilfe im Alltag verständigt: Montag erste Deutschstunde / Issam in Syrien verhaftet und gefoltert.

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24. September 2015, 22:22 Uhr

Issam war mittendrin im Studium für englische Literatur. Als er sich gegen das Assad-Regime wandte, wurde er verhaftet und gefoltert, eine Woche lang, erzählt der 21-jährige Syrer. Als er freikam, verlies er mit seinem jüngeren Bruder, der mit seinen 13 Jahren in die siebente Klasse gehen müsste, die Heimat. Der Junge sei sehr weltoffen, vertrete moderne Ansichten statt von der Tradition gefangen zu sein, sagt der große Bruder. Ein halbes Jahr brauchten beide, um sich aus dem Kriegsland Syrien in die Türkei durchzuschlagen. Dann verging noch einmal ein Monat, bis sie Deutschland erreichten. Der Vater sei schon „eine Weile vorher“ in Richtung Türkei geflohen, doch der Kontakt seitdem abgerissen. Ob er dort angekommen ist, ob er überhaupt noch lebt, weiß Issam nicht.


Elf Asylbewerber in den drei Wohnungen


Der 21-Jährige kam mit zehn weiteren jungen Syrern am Wochenende nach Sternberg und bezog mit seinem Bruder eine der drei von der Wohnungsbaugesellschaft (Stewo) an den Landkreis Ludwigslust-Parchim übergebenen Wohnungen. Ibrahim, 30 Jahre, der sein Studium beendet und in der Öl verarbeitenden Industrie tätig war, lebt in einer
weiteren zusammen mit seiner Schwester, deren beiden Töchtern, 7 und 15, und dem Cousin, 25, der in einem Restaurant arbeitete. In der dritten Wohnung sind vier junge Männer zwischen 15 und 23 unter sich, darunter Issams Freund, 18, der aus seiner Ausbildung im Hotelbereich gerissen wurde, und zwei Brüder. Der Ältere von ihnen, 23, hat Betriebswirtschaft studiert.

Mindestens drei Monate bleiben die elf jungen Syrer in Sternberg. Dann bekommen sie Ausweise und können sich in Deutschland frei bewegen. Issam möchte an einer Universität sein Studium abschließen. Der Aufenthalt ist vorerst auf drei Jahre beschränkt.

Gestern im Rathaus wurden alle elf neuen Mitbewohner aus Vorderasien von Bürgermeister Jochen Quandt „herzlich willkommen“ geheißen. Es gehe darum zu erfahren, welche Hilfe sie brauchten, damit nichts organisiert werde, was überflüssig sei, so Quandt. „Wir freuen uns, hier zu sein, und möchten die Menschen kennen lernen, ihre Traditionen, das Leben in Deutschland und die Sprache“, sagt Issam langsam auf Englisch. Einem „Thank you“ schickt er auch mal ein „Dankeschön“ hinterher. Sie seien in der kurzen Zeit allerdings auch auf Leute getroffen, „die zeigen, dass sie uns nicht mögen“. Dass offenbar Unverbesserliche erzählten, Asylbewerber hätten bei Edeka „geklaut“, weiß er zum Glück nicht. Das sei völliger Quatsch, heißt es auf SVZ-Nachfrage aus dem Lebensmittelmarkt.

Sie würden gern mit den Sternbergern in Kontakt kommen, Vorurteile abbauen helfen, sich integrieren und dann auch ehrenamtlich einbringen. „Wir bekommen Hilfe und möchten davon etwas zurückgeben“, erklärt Ibrahim. Er sucht zuweilen nach englischen Begriffen und vermischt sie lächelnd mit den ersten deutschen Wörtern.

Vom Landkreis werde ein Deutschkurs über 200 Schulstunden angeboten. Bis es
soweit ist, könnten die jungen Syrer in Sternberg Grundbegriffe erlernen und damit schon Vorlauf bekommen. Die Bereitschaft von Ehrenamtlichen liege vor, sagt der Bürgermeister. Der erste Unterricht findet am Montag im Rathaus statt, wird an Ort und Stelle festgelegt. Patrick Scott Dingle – der Ehemann von Pastorin Katrin Teuber ist gebürtiger Amerikaner – übernimmt ihn. Er und Jens Quandt fungieren bei dem Treffen im Rathaus als Übersetzer zwischen Englisch und Deutsch.


Am gleichen Abend in Jugendklub eingeladen


Die Stewo bietet an, die Asylbewerber mit den ganz praktischen Dingen in den Wohnungen, wie Heizung, Elektrogeräte oder Müllentsorgung, vertraut zu machen. Eigentlich hatte das der Landkreis erledigen wollen und sollen, aber nun komme es wohl doch anders. Die fünfköpfige Familie mit weiblichem Anteil könnte in der Küche u.a. Geschirr gebrauchen. Hier sagen Bruno Pischel, Vorsitzender der Sternberger Tafel, und Irene Werner, Vorsitzende des Vereins Dialog + Action, Unterstützung zu. Pischel will
danach wissen, was noch an ganz praktischen Dingen für den Alltag fehlt. Dialog +
Action wolle die Stadt unterstützen und unterbreite gern Freizeitangebote. Am gleichen Abend sind die jungen Syrer in den Jugendklub eingeladen.

Ansprechpartner im Rathaus seien er und sein Stellvertreter Olaf Steinberg, betont Jochen Quandt. Sie würden auch die Hilfe koordinieren, die ehrenamtlich angeboten wird. Und dann gibt es für
Elman, mit sieben Jahren die Jüngste, Spielzeug, das die Kindergruppe des Segelvereins am Vortag gesammelt hat.

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