Brüel : Wespen und Hornissen ziehen um

Dieses Nest der Sächsischen Wespe wird von Häven nach Brüel umgesiedelt.
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Dieses Nest der Sächsischen Wespe wird von Häven nach Brüel umgesiedelt.

Der Brüeler Imkervorsitzende Willfried Klammer setzt mit einem Wildbienenspezialisten das erste Mal ein Nest um / Mehr Aufklärung gefragt

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17. Juli 2014, 16:12 Uhr

Als sie die Seitentür des Holzhäuschens im Garten öffnet, ist es passiert: Martina Pechel zählt acht Wespenstiche, zwei davon im Gesicht. „Ich wusste, dass dort ein Nest ist, habe aber nicht daran gedacht“, sagt die Frau aus Häven. Weil es genau über der Tür hängt, geraten beim Öffnen die ungeliebten, aber eigentlich harmlosen Plagegeister in Aufruhr. Pechel kühlt sofort mit Wasser und hält Zwiebelscheiben auf die Stichstellen. Von denen bleibt nach einigen Tagen gar nichts.

An der Decke im größeren Raum des Gartenhäuschens prangt ein weiteres Wespennest. Weil sich Besuch mit Kindern angesagt hat, möchte Martina Pechel beide weg haben. Die müssten nicht zerstört werden. „Ich bin naturverbunden, und so viel ich weiß, sind auch Wespen nützlich“, sagt sie. Für die Naturschutzbehörde beim Landkreis, für Ordnungsamt und Feuerwehr sei das kein Thema. Letztere greife ein, wurde ihr erklärt, wenn derartiges im öffentlichen Raum vorkomme.

Bei Willfried Klammer, Vorsitzender des Imkervereins Sternberg und Umgebung, hat Martina Pechel Erfolg. Er ist bereits Sachverständiger für Bienen und bestrebt, auch als Fachberater und Umsiedler für Hornissen sowie im Wespenschutz aktiv zu werden. Denn Aufklärung sei dringend geboten und das Sternberger Seenland auf diesem Gebiet bislang ein weißer Fleck, wurde auf dem Stechimmen-Seminar kürzlich in Brüel deutlich. So wüssten die meisten Menschen nicht, an wen sie sich wenden können. Das soll sich ändern.

Bei dieser landesweiten Schulung zum Umgang mit Hornissen, Wespen, Hummeln und Bienen vertiefte sich auch der Kontakt Klammers zu Johann-Christoph Kornmilch vom Zoologischen Institut Greifswald, einer der Hauptreferenten und der Wildbienenfachmann in MV. Gemeinsam mit ihm rückt der Brüeler Imker in Häven an. Kornmilch stellt mit einem Blick fest, dass sich hier die Sächsische Wespe niedergelassen hat, die als friedlich gilt. Lästig und aggressiv, vor allem ab September in der Nähe süßer Sachen auf Balkon und Terrasse oder beim Bäcker, seien von den 16 Faltenwespenarten nur zwei, die Gemeine und die Deutsche Wespe.

Zu den Utensilien, um ein Volk umzusetzen, gehört ein beutelloser Staubsauger, der die Insekten aus dem Nest holt und die, die von außen einfliegen, einfängt. Willfried Klammer hat das Innere des Behälters ausgelegt, damit die Wespen möglichst sanft landen. Für ihn ist es eine Premiere, für Kornmilch Routine. Nur die Königin, die zwischen Waben Schutz sucht, und der winzige Nachwuchs bleiben in den Nestern. Als beide soweit leer sind, werden sie vorsichtig abgeschnitten und verpackt. Klammer hat schon Plätze auf dem Grundstück in Brüel ausgesucht, wo die Völker weiterleben. In der Regel soll ihr neuer Standort mindestens fünf Kilometer entfernt sein.

Wer ein Wespen- oder Hornissennest entdeckt, rufe meist den Schädlingsbekämpfer, bedauert Kornmilch. Dieser setze hauptsächlich Chemie ein, weil es schnell gehen müsse. Der Mann verdiene damit sein Geld und stehe unter Zeitdruck, wenn am Tag um die 20 Nester auf ihn warten. „Übers ganze Land gibt es unglaublich viele Anfragen“, so Kornmilch. Zweite Adresse seien Polizei und freiwillige Feuerwehr. An wen sich Betroffene wenden können, sei jedoch eher über die Naturschutzverbände in der Nähe zu erfahren, so der Tipp vom Wildbienenspezialisten.

Es gehe auch ohne Chemie, fügt Fachberater Diethard Hoffmann aus Erfahrung an. Nach einem Aufklärungsgespräch seien 80 bis 90 Prozent der Hilfesuchenden einverstanden, das Nest umzusiedeln statt es zu zerstören. Bei Hornissen, die unter Naturschutz stehen, gelten ohnehin strenge Bestimmungen. Ihre Größe – eine Königin bis zu vier Zentimeter lang, die Arbeiterinnen um die 2,5 Zentimeter – sowie das laute Brummen machten sie Angst, räumen die Fachleute ein. Doch Hornissen, die größte Art der Faltenwespen, seien keineswegs stechwütig. Und ein großer Staat mit 200 bis 300 Hornissen vertilge täglich rund 500 Gramm Kleininsekten, genau so viele wie zwei Meisenfamilien. Da sie auch in der Nacht aktiv sind und zum Licht fliegen, sei jedoch in der Umgebung von Wohn- und Schlafräumen Vorsicht geboten. Manchmal reichten schon kleine bauliche Veränderungen, um die Flugbahn zu verändern. Als wichtige Regel gelte zudem, sich ruhig zu verhalten. Wespen und Hornissen reagierten auf hastige Bewegungen aggressiv. Mit einem richtigen Wespenjahr rechnet der Wildbienenspezialist 2014 aber nicht.

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