Warin : Wenn Kind Pilze in Mund steckt...

Grüne Knollenblätterpilze am Weg von Warin nach Neukloster.
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Grüne Knollenblätterpilze am Weg von Warin nach Neukloster.

Wariner Pilzberater Werner Voß berichtet von zwei Vorfällen, die für familiäre Unruhe sorgten.

svz.de von
28. August 2015, 21:00 Uhr

Wer gegenwärtig in den Wald geht, um Pilze zu sammeln, wird wohl mit leeren Händen oder vielleicht nur mit einzelnen Pfifferlingen oder Riesenschirmpilzen wieder heraus kommen, weiß Pilzberater Werner Voß aus Warin. „Begehrte Steinpilze, Perlpilze und Co. verstecken sich weiterhin, obwohl Feuchtigkeit und Wärme vorhanden sind.“

Doch bekanntlich kommen Pilze nicht nur im Wald vor, sondern sie wachsen beinahe überall, wenn die entsprechenden Bedingungen gegeben sind, sagt er. Der Wariner schildert an zwei Beispielen, wie Pilze ganz schnell für Aufregung und Unruhe im familiären Umfeld sorgen können. Zu beiden Vorfällen war es innerhalb von nur fünf Tagen gekommen:

Fall 1

„Ein junger Papa aus Schwerin ruft mich tags in meiner Schweriner Dienststelle an und teilt mit, dass seine zweijährige Tochter auf dem Rasen Pilze gepflückt und vermutlich von einem abgebissen hat, das alles bei Oma und Opa auf dem Lande. Alle machen sich Gedanken um die Gesundheit der Kleinen und möchten wissen, ob der Pilz giftig ist. Die Frage, ob er mir den entsprechenden Pilz vorlegen könne, bejahte er. Kurze Zeit nach dem Anruf hatte ich den Pilz vor Augen, schon etwas trocken, aber trotzdem immer noch gut erkennbar. Ich konnte ihm mitteilen, dass es sich bei dem schmächtigen gelb-bräunlichen Pilz mit zähem Stiel um den Nelken-Schwindling (Marasmius oreades), einen Speisepilz handelt, der gern als Würz- und Suppenpilz verwendet wird. Er duftet nach Gewürznelke mit Bittermandel. Der Papa war sichtlich erleichtert und konnte der Familie Entwarnung signalisieren“, so Werner Voß.

Der Nelken-Schwindling habe übrigens die Eigenart, so genannte Hexenringe zu bilden. Die Pilzwurzel, das Myzel, wachse dabei in alle Richtungen gleich schnell, am Ende der Wurzel würden dann die Fruchtkörper im Kreis erscheinen. „Die Wurzeln im Inneren des Kreises sterben ab, da die dortigen Nährstoffvorräte schnell erschöpft sind. Zierrasen-Freunde sehen die Hexenringe nicht so gerne“, sagt Voß.

Fall 2

„Wieder gab es einen Anruf eines jungen Vaters, diesmal am Sonntagnachmittag, 17 Uhr, zu Hause in Warin. Er sei aus einem Ort an der Lübecker Bucht im Landkreis Ostholstein. Vor einer Stunde habe seine zwei Jahre und neun Monate junge Tochter Pilze auf dem Grundstück entdeckt und einen gepflückt. Ob sie ihn auch probierte und gar verschluckte, konnte mir der besorgte Vater nicht sagen. Auf Nachfragen erwähnte er, dass mehrere Pilze auf dem Rasen wachsen und in der Nähe der Fundstelle eine Buche steht. Er beschrieb die Pilze im Aussehen beigefarben bis bräunlich mit Grünton, Lamellen weiß, schlanker Stiel. Seine Tochter zeige aktuell keine Auffälligkeiten, die auf eine Pilzvergiftung hindeuteten. Welcher Pilz könnte es sein?

Ich erklärte, dass ich den Pilz sehen muss, um ihn eindeutig bestimmen zu können. Fernbestimmungen nehme ich grundsätzlich nicht vor. Wir einigten uns auf Handy-Fotos. Die kleine Tochter sollte aber unbedingt weiter beobachtet werden. Die Fotos kamen nicht sofort.

Wie versteinert betrachtete ich dann die Bilder: Grüne Knollenblätterpilze (Amanita phalloides), der tödlich giftigste Pilz in unseren Breiten! Die zusätzliche Mitteilung war aber viel wichtiger: Die Tochter fühlt sich wohl, auch jetzt, nachdem mehr als 36 Stunden vergangen waren (Anmerkung: In der Regel treten erste Symptome mit Brechdurchfall nach acht bis zwölf Stunden auf, ganz selten auch erst nach 36 Stunden. Es folgt eine trügerische Besserung, dann aber Leberversagen; die einzige mögliche Rettung ist eine Lebertransplantation, aber die passende Leber finden…. Das Gift heißt Amanitin und wird nicht durch das Kochen unschädlich gemacht!)!

Für mich stand fest, dass die Kleine keine dieser Pilze verschluckt hatte. In einem ausführlichen Gespräch wurde der ,Fall’ noch einmal aufgearbeitet. Die Pilze wuchsen in einem parkähnlichen Garten mit Grünfläche, Büsche, Buche. Eine Umgebung, in der sich auch Grüne Knollenblätterpilze wohl fühlen. Die Pilze seien erstmals dort aufgetreten, es waren fünf an der Zahl, im Aussehen schon etwas älter. Die knollige Stielbasis mit der lappigen Tasche und der genatterte Stiel auf einem der Fotos verrieten den Gift-Wulstling. Dieser Fall hätte sehr, sehr ernst ausgehen können“, weiß Werner Voß.

Insbesondere kleine Kinder können unberechenbar aktiv werden, ob im Straßenverkehr, im Haushalt oder beim Erkunden von Neuem, gibt er zu bedenken. Pilze anfassen und in den Mund stecken gehöre dazu.

Sein Rat an die Erwachsenen: „Behalten Sie die kleinen Racker im Auge“ und sein Appell an Erzieher, Kinder beaufsichtigende Personen, auch Hausmeister von Kindereinrichtungen: „Suchen Sie bitte das Umfeld nach Pilzen täglich ab, dazu gehören Grünflächen, Bäume, Holzstubben, Sandkastenumrandungen, auch Pflasterzwischenräume“.



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