zur Navigation springen

Rückgang in der Warnow : Was fehlt der Bachmuschel wirklich?

vom

Die Warnow im Sternberger Seenland musste in diesem Jahr noch nicht für Kanuten gesperrt werden. Der Wasserstand war stets hoch genug. Eine Wohltat für die gefährdete Bachmuschel - sollte man zumindest meinen.

svz.de von
erstellt am 21.Jun.2013 | 11:13 Uhr

Sternberg | Die Warnow im Sternberger Seenland musste in diesem Jahr noch nicht für Kanuten gesperrt werden. Der Wasserstand war stets hoch genug, dass Boote und Paddel im Normalfall nicht mit dem Grund in Berührung kommen können. Eine Wohltat für die gefährdete Bachmuschel - sollte man zumindest meinen. Für den akuten Rückgang der Bestände in der Warnow werden immer wieder die Kanutouristen verantwortlich gemacht. Gerade bei Niedrigwasser würden sie Lebensräume dieser streng geschützten Weichtiere wie anderer Lebewesen zerstören. Für den Abschnitt im Naturschutzgebiet bei Karnin, wo die Warnow ständig wenig Wasser führt, besteht deshalb eine generelle Sperrung durch den Landkreis Ludwigslust-Parchim. Alle sechs Jahre werde der Bestand der Bachmuschel untersucht, sagt Volker Brandt, Leiter des Naturparks Sternberger Seenland in Warin.

Bei einer Beratung von Bootsverleihern aus dem Naturpark hatte Nils Meier vom Staat lichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt (Stalu) Westmecklenburg angeführt, dass in der Nebel, wo es ähnliche äußere Bedingungen, aber keinen Kanutourismus gäbe, die Muschelbestände zugenommen hätten. Das sei anhand von Stichproben festgestellt worden. In Sternberg wird das allenfalls als Indiz gesehen, aber keineswegs als Beweis. So befasst sich jetzt auch der Umweltausschuss der Stadtvertretung mit dieser brisanten Thematik. Dessen ehrenamtlichen Mitgliedern liegt der Schutz von Natur und Umwelt in der Region genauso (oder noch mehr) am Herzen wie etwa dafür bezahltem Fachpersonal in den zuständigen Amtsstuben. Sie haben natürlich auch im Blick, dass der Tourismus zu den wichtigsten wirtschaftlichen Standbeinen im Sternberger Seenland gehört. Die Fahrt in einem kleinen Boot durch teils unberührte Natur sei ein Teil dessen, daran gäbe es nichts zu deuteln.

Auch daran nicht, dass die Bachmuschel vom Aussterben bedroht ist. "Das ist deutschlandweit ein Problem", weiß Ausschussvorsitzender Gerhard Krüger, der sich im Internet sachkundig gemacht hat. Vitale und reproduzierende Populationen beschränken sich nur noch auf kleinere Flusssysteme und Bäche. Doch fehlt ihnen in der Warnow wirklich nur die Ruhe vor den Paddlern? Die Mitglieder des Umweltausschusses bezweifeln das stark. Die Kanutouristen seien aber die einzigen, die wahrgenommen werden. Fischer Andreas Frischke, berufener Bürger im Ausschuss, gibt zumindest zwei Dinge zu bedenken. Starker Eisgang, und den habe es auf der Warnow in jüngster Zeit zwei Jahre hintereinander gegeben, schiebe "wie ein Bulldozer alles vor sich her" und beschädige dabei auch die Muschelbänke. Wenn danach deren Erfassung erfolge, sei das Ergebnis absehbar. Zum anderen benötige die Bachmuschel zur Fortpflanzung so genannte Wirtsfische. Denn die Larven, die sich in den Weibchen entwickeln, setzen sich später als Parasiten in den Kiemen bestimmter Fischarten fest und werden dort zu Jungmuscheln. Wirtsfische wie Döbel und Aland seien jedoch weniger geworden, für Mühlkoppel sei die Warnow ohnehin zu warm. Frischkes Berufskollege Jörg Rettig hat festgestellt, dass bei Eis auf den Seen die Kormorane, wie die Bachmuschel geschützte Art, aber eine Plage der Seen fischer, ihre Mahlzeiten aus den Fließgewässern holen, die nicht so schnell zufrieren. Dass sich das spürbar auf die Zahl der Wirts fische in der Warnow auswirkt, will Jan Lippke, stellvertretender Leiter im Naturpark Sternberger Seenland, zwar nicht gelten lassen, sieht - wie Nils Meier vom Stalu - die Paddler allerdings auch nicht als "alleinige Verursacher" für den Rückgang der Bachmuschel. Einen "erheblichen Einfluss" hätten sie jedoch schon. An Spitzentagen passierten um die 100 Boote die in diesem Jahr eingerichtete automatische Zählstelle. "Die Kanuanbieter, die die freiwillige Vereinbarung unterzeichnet haben, bei Niedrigwasser keine Boote zu verleihen, sind die ersten, die etwas für die Bach muschel tun", so Lippke.

Bei Matthias Ratke, Sternberger Stadtvertreter und Mitglied des Umweltausschusses, bleiben Zweifel. Er fragt sich, warum solle jemandem zu bestimmten Zeiten das Naturerlebnis Kanufahrt versagt bleiben, wenn es überhaupt nichts nützt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen