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Vortrag im Naturparkzentrum Warin : Waldglas kehrt ins Seenland zurück

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Heute weiß das keiner mehr: Mecklenburg war im 17. und 18. Jahrhundert eines der Glaszentren Europas. Allein im Sternberger Seenland zwischen Kritzow, Hohen Pritz und Witzin wurde an 14 Standorten Waldglas hergestellt.

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erstellt am 01.Feb.2013 | 11:39 Uhr

Warin | Heute weiß das keiner mehr: Mecklenburg war im 17. und 18. Jahrhundert eines der Glaszentren Europas. Allein im Sternberger Seenland zwischen Kritzow, Hohen Pritz und Witzin wurde an 14 Standorten, beispielsweise auch Weitendorf, Müsselmow, Schönlage, Wendorf, Stieten oder Borkow, so genanntes Waldglas hergestellt. Seine Bezeichnung bekam es, weil jede Glashütte samt Siedlung, in der bis zu 100 Menschen lebten, im Wald entstand und das Glas hauptsächlich grün war, mitunter auch braun. Diese Farben resultierten aus dem hohen Eisen gehalt in dem verarbeiteten Kies.

Jürgen Lewerenz wartete bei seinem Vortrag am Donnerstagabend im Naturparkzentrum Warin mit erstaunlichen Fakten auf. Hinzu kamen amüsant erzählte Geschichten und Vermutungen, wenn wenn ihm seine Erkenntnisse nicht gesichert erscheinen. Der Saal war mit rund 75 Zuhörern, wie die Veranstalter schätzten, bis auf den letzten Hocker, der noch hineingeholt wurde, gefüllt. "Da haben wir offenbar wieder ein besonders interessantes Thema für unsere Vortragsreihe gefunden", freute sich Volker Brandt, Chef der Naturparkverwaltung.

Lewerenz, der aus Ludwigslust stammt und heute in Langen Brütz lebt, ist dort stellvertretender Vorsitzender des Ende 2001 gegründeten Vereins Mecklenburger Waldglasmuseum, Hobbyforscher und Sammler. In der Kunst- und Kulturscheune am Landhaus Bondzio öffnete 2006 das allein privat finanzierte Waldglasmuseum. Was dort seitdem rund 10 000 Besucher zu sehen bekamen, haben überwiegend Siegfried Bondzio, der Inhaber des Landhauses, und Lewerenz zusammengetragen. Ziel des Vereins sei es, sagt er, die lange vergessene Glasherstellung in der Region "nicht als Kunst, sondern als Handwerk zu bewahren".

Den "Hütten Contract Kritzow" vom 9. Januar 1615 präsentierte Lewerenz als ältesten Nachweis aus dem Sternberger Seenland. 70 Jahre lang sei dort in vier Hütten Waldglas hergestellt worden. Eine ungewöhnlich lange Zeit an einem Standort, denn meist ging das Holz schneller aus oder die Transportwege wurden zu weit. Denn im Durchschnitt erforderte ein Kilogramm Glas anderthalb bis drei Raummeter Holz, abhängig von seiner Art. Seinerzeit machte der Anteil der Laubbäume, vor allem Buche und Eiche, bis zu 70 Prozent aus. In jüngster Vergangenheit lag er unter 20 Prozent und wird nun bei Aufforstungen wieder allmählich angehoben.

Ihn selbst habe verblüfft, hielt Lewerenz den Vortrag spannend, dass der berühmte Glashüttenmeister Johann Kunckel (um 1630-1703) über die Hersteller des Waldglases in Mecklenburg einmal sagte, dass sie "die vollkommene Glasmacherkunst beherrschen". Er hatte sich auf eine Glasanalyse der Hütte Zülow bei Sternberg aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gestützt. Danach wurden unter anderem 70 Prozent Quarzsand und nur vier Prozent Pottasche verwendet. Letztere wirkte als Katalysator und senkte den Schmelzpunkt des Grundstoffs um etwa 400 auf 1200 Grad. Allein für ihre Herstellung wurden rund 90 Prozent des abgeholzten Waldes gebraucht. Der Vergleich: In der Gemheiner Hütte von Kunckel, der später vom Schwedenkönig Karl XI. geadelt wurde, waren es knapp 47 Prozent Quarzsand, aber annähernd 17 Prozent Pottasche.

In hiesigen Glashütten sei überwiegend Massenware zum täglichen Gebrauch hergestellt worden, darunter Gefäße, die heute jeder als Weinballons kennt. Früher wurden sie selten als solche verwendet, sondern beispielsweise für allerlei Zutaten in Apotheken. Einmal habe, ist Lewerenz bekannt, die Schweriner Hofapotheke 30 Glasballons auf einmal bestellt. Fensterglas, das hohen Aufwand verlangte, oder Waldglasrömer als die hohe Kunst dieses Handwerks wurden dagegen selten angefertigt.

Waldglas oder einfach nur Scherben davon zu finden und für das Museum zu ergattern, verlange heute eine große Portion Glück und sei kostspielig, sagt Lewerenz. Doch der Verein will es auch auf andere Art ins Seenland zurückholen. 2015 werden 400 Jahre Waldglas in Mecklenburg gefeiert. Bis dahin soll in Langen Brütz ein Schmelzofen stehen, in dem es nach dem traditionellen Verfahren auflebt.

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