Warin : Wählen zu Kaisers Zeiten

Die Stadtverfassung von 1912 erhielt das Stadtarchiv vom Wariner Bürger Heinrich Beu.
Die Stadtverfassung von 1912 erhielt das Stadtarchiv vom Wariner Bürger Heinrich Beu.

Aus der Stadtverfassung für die Stadt Warin von 1912: Wahl und Bestellung des Bürgermeisters stand dem Landesherren zu.

svz.de von
16. März 2014, 07:32 Uhr

Im Juli 1912 setzt Friedrich Franz, Großherzog von Mecklenburg, und ...., die vom Magistrat und dem Bürgerausschuss erarbeitete Stadtverfassung für die Stadt Warin in Kraft.

Darin werden die verwaltenden Behörden der Stadt sowie deren Rechte und Pflichten genau festgeschrieben. Der Magistrat besteht aus einem Bürgermeister und zwei Ratsherren, nebst Stadtschreiber und etwaigen „Hülfsbeamten“. Viele Entscheidungen des Magistrats bedürfen der Zustimmung des Bürgerausschusses. Die Wahl und die Bestellung des Bürgermeisters steht dem Landesherren zu. Der Bürgermeister muss ein „rechtsgelehrter, unbescholtener Mann sein, der in Mecklenburg die zweite juristische Prüfung bestanden hat.“ Die beiden Ratsherren sollten im Rechnen und Schreiben geübt und auch unbescholten sein. Die Ratsherren werden aus drei Vorschlägen des Magistrates durch den Bürgerausschuss gewählt.

Und diesen Bürgerausschuss aus zwölf Vorstehern wählen die Bürger der Stadt Warin. Bürger können nur Männer sein, die das 25. Lebensjahr vollendet haben, in Warin ein Wohngrundstück haben, selbstständig ein Gewerbe betreiben, ein öffentliches Amt bekleiden oder von ihrem Vermögen leben. Arbeiter und Gesellen erhalten das Bürgerrecht nur, wenn sie ein Wohngrundstück in der Stadt ihr Eigen nennen können. Die Bürger müssen vor dem Magistrat den Bürgereid leisten, dass sie, so wahr ihnen Gott helfe, der Obrigkeit die gebührende Achtung erweisen und nur das Beste für die Stadt als redlicher Bürger tun werden.

Zur Wahl werden die Wahlberechtigen in drei Klassen eingeteilt. Jede Klasse hat vier Bürgervorsteher zu wählen. Die Klasseneinteilung erfolgt nach dem Einkommen, über 2400 Mark, über 1200 Mark und sonstige. Die „arme“ dritte Klasse wählt zuerst, die erste Klasse zuletzt. Jede Wählerklasse macht so viel Wahlgänge, wie Bürgervorsteher zu wählen sind. Auf dem Stimmzettel darf dabei jeweils nur ein Name stehen.

Die Gewählten werden vom Magistrat vereidigt, beeiden, dass sie, so wahr ihnen Gott helfe, auf Privatvorteile verzichten werden und für sie nur das Wohl und Gedeihen der Stadt Warin zähle.

Jeder wahlberechtigte Bürger ist zur Annahme der auf ihn gefallenen Wahl verpflichtet. Bürgervorsteher erhalten im Jahr eine Aufwandsentschädigung von 20 Mark aus der Stadtkasse.

Diese „modernisierte“ Stadtverfassung wurde vor 102 Jahren ausgearbeitet. Keine Rechte für Frauen, an deren Wahlrecht nicht zu denken. Wahlrecht nur für den gereiften Besitzstand und das mit eindeutiger Bevorzugung der Begüterten. Aber manchmal muss man wohl zurückschauen, um zu wissen, wie viel mehr Rechte die Wahlen heute beinhalten. Besonders wenn man die gewonnenen Rechte nutzt.





zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen