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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

18. Oktober 2017 | 00:23 Uhr

Warin : Vorliebe für köstlichen Apfelwein

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Der Wariner Dieter Wismann spricht im Naturparkzentrum über Chancen und Schwierigkeiten bei der Veredlung des heimischen Obstes.

von
erstellt am 27.Feb.2015 | 16:28 Uhr

Wer sich an dem Abend noch hinters Lenkrad setzen will, lehnt schon die erste Kostprobe schweren Herzens ab. Zwar gibt es die nur im winzigen Becher, doch mit 18 Prozent Alkohol hat dieser süßliche Trunk es in sich. Sein bezeichnender Name: Appel de slöppt. Was durchaus doppeldeutig aufgefasst werden kann. Der Hersteller, Dieter Wismann aus Warin, meint damit, der Apfel habe lange geschlafen. Doch genauso trifft wohl zu, dass derjenige lange schläft, der ein Glas zu viel genossen hat. Angelehnt am französischen Pommeau hat Wismann im September 2008 Apfelmost mit Alkohol versetzt und diesen Mix reifen lassen, bis er im Oktober 2010 trinkfertig war, ohne seinen natürlichen Geschmack zu verlieren.

Um Apfelwein aus dem Sternberger Seenland ging es diesmal in der Vortragsreihe des Wariner Naturparkzentrums am Donnerstagabend. Der Raum war nicht so dicht gefüllt wie vor einem Monat beim Reisebericht aus Peru, doch Interesse fand das Thema allemal. Die Vortragsweise wirkte mitunter ungeordnet, doch angesichts seines offenen, freundlichen Naturells verziehen die Besucher dem Referenten, Jahrgang 1946, sein Abschweifen auf Nebenschauplätze des Themas.


Geringerer Zuckergehalt das Handicap


Ein „bisschen verrückt oder fern der Realität“ müsse man vielleicht sein, um „so was anzuzetteln“, räumt Wismann unverblümt ein. Seit er 1993 nach Warin gekommen sei, sagt der Pädagoge und Erziehungswissenschaftler, der vor allem in der Erwachsenenbildung tätig gewesen sei und hier zu Lande den Aufbau der Gewerkschaften unterstützt habe, beschäftige er sich in der Freizeit, allein zum Eigenbedarf, mit Apfelwein. Angesteckt worden sei er in seinen etwa zwei Jahrzehnten in Frankfurt am Main, wo der Äppelwoi als Nationalgetränk gilt. Richtig gekeltert ist das ein Naturprodukt mit fünf bis sechs Prozent Alkohol.

Obwohl Apfelwein, der eine Geschichte von über 2500 Jahren hat, von den alten Griechen wie von den Germanen und Römern geschätzt wurde, eigentlich gar nicht mehr nötig wäre. Denn heute stünden Trauben ausreichend zur Verfügung. Die drei großen Weinkatastrophen, vor Jahrhunderten durch Mehltau, Reblaus und Falschen Mehltau ausgelöst, seien längst ausgestanden. Dennoch behaupte sich Apfel- als Ersatzwein, gewissermaßen als „Vize-Wein“, wie Wismann dazu sagt. Wobei in Deutschland der Pro-Kopf-Verbrauch lediglich 0,6 Liter pro Jahr erreiche. Zum Vergleich: Für Wein insgesamt liege der Wert bei 20 Litern. Die Iren dagegen würden 21 Liter Apfelwein pro Kopf und Jahr trinken. Das Weinland Spanien komme auf zwei Liter, regional jedoch völlig unterschiedlich. In Asturien im Norden seien es 55 Liter.

Der „schlimmste Einwand“ gegen Apfelwein sei die alkoholische Gärung, die Zucker benötige. Ein Liter Traubenmost enthalte 180 Gramm Zucker. Bei guten Bedingungen ergäbe sich daraus ein Alkoholgehalt von 10,6 Prozent. Ein Liter Apfelmost käme auf 115 Gramm Zucker und schaffe 6,7 Prozent Alkohol. Während eine Traube zu 100 Prozent in der Lage sei, Wein zu werden, seien es beim Apfel lediglich 64 Prozent. „Das ist sein Handicap“, meint der Wariner, der aber auf naturbelassenes, heimisches Obst schwört, sofern es mit größter Sorgfalt verarbeitet werde. Der Apfel sei „eine wertvolle Frucht“ und verdiene es, sich ihm zuzuwenden.

Trierer Weinapfel oder Boskop zählt Wismann zu seinen bevorzugten Sorten. Früchte von einer Streuobstwiese eigneten sich bestens zur Weinherstellung, Tafeläpfel dagegen kaum. Wichtig sei ihm Qualität aus der natürlichen Süße des Mostes, die ohne Anreicherung mit Zucker auskomme. Beim umstrittenen Chaptalisieren, das nach dem französischen Chemiker Jean-Antoine Chaptal (1756–1832) benannt wurde, wird bei der Gärung des Mostes Zucker zugesetzt, um den Alkoholgehalt des Weines zu erhöhen. In Deutschland darf nur bis zur Stufe „Qualitätswein“ chaptalisiert werden, bei Prädikatsweinen wie
Kabinett oder Spätlese ist das nicht erlaubt. Dieter Wismann sucht nun Mitstreiter zur Qualitätssicherung für Apfelwein aus dem Sternberger Seenland, egal ob der selbst getrunken, verschenkt oder verkauft wird. Er hofft, dass sein Vortrag im Naturparkzentrum ihm dabei geholfen hat.

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