Sternberg : Von wegen klein und zierlich

Zusammen zeigen die Kinder mit ihrem  Trainer und Projektleiter Harry Tarassow „Action-Übungen“, die sich   an der japanischen Kampfkunst Karate orientieren. Spielerisch soll den Dritt-bis Sechstklässlern ein ernstes Thema nahegebracht werden. Fotos: Thomas Stengel
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Zusammen zeigen die Kinder mit ihrem Trainer und Projektleiter Harry Tarassow „Action-Übungen“, die sich an der japanischen Kampfkunst Karate orientieren. Spielerisch soll den Dritt-bis Sechstklässlern ein ernstes Thema nahegebracht werden. Fotos: Thomas Stengel

Harry Tarassow lehrt Kindern im Alter von acht bis zwölf Jahren in seinem Projekt Selbstverteidigungsgriffe und klärt über das Thema Gewalt auf.

svz.de von
09. Dezember 2013, 16:21 Uhr

Vor gut anderthalb Jahren stand die Zukunft des Projekts von Harry Tarassow „Sport statt Gewalt“ für Kinder und Jugendliche noch in den Sternen: Obwohl der Sportpädagoge Sternberger Heranwachsenden zweimal die Woche praktische Handgriffe zur Selbstverteidigung lehrt und sie über körperliche und psychische Gewalt aufklärt – eine Förderung konnte nicht weiter gewährleistet werden. So zumindest äußerte sich im März 2012 der Kreisverband Schwerin-Parchim des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB).

Doch Tarassow (65) leistet trotz aller Schwierigkeiten um das Projekt weiterhin seinen Unterricht – ehrenamtlich. Ohne all die zahlreichen Sponsoren sei das jedoch nicht möglich, wie der Trainer sagt und sich freudestrahlend bei allen Helfern und Unterstützern bedankt.

Ein „Vorbild-Modell“ und eine „tolle Sache“ nennt auch Professor Dr. Wolfgang Vogt vom Kulturforum Pampin das Projekt in Sternberg. „Es ist faszinierend, welch einzigartigen Zugang Harry Tarassow zu den Kindern hat“, erzählt der Professor für Konfliktforschung, während sich sein langjähriger Freund und die Schüler zwischen acht und zwölf Jahren für eine neue Lehrstunde aufwärmen. Nach einer kurzen, respektvollen Begrüßung mit einem Faustschlag und einem koreanischen Spruch zeigen die Lütten, was sie bereits alles gelernt haben.

Harry Tarassow mimt den Täter, dessen Würgegriff die achtjährige Jasmin mit locker anmutenden Handgriffen abwehrt. Danach zeigt ihre Freundin Maja, wie sich selbst zierliche Mädchen aus einer Umklammerung von hinten lösen können. Ihren Trainer schonen sie dabei allerdings nicht. Nach einem Tritt der Neunjährigen fällt er zu Boden und krümmt sich. Mit Müh und Not steht er wieder auf – ein bisschen Schauspiel muss eben sein. „Doch wir wollen es den Kindern so nah und echt wie möglich vermitteln, damit sie im äußersten Notfall reagieren können“, erklärt er. Damit nicht immer der Trainer herhalten muss, stehen im eigens umgebauten Raum mit riesiger Spiegelwand viele verschiedene Trainingsgeräte. Ein Springbock mit Medizinbällen wird zum Kampfsack umgerüstet. Mit Styropor ummantelte Eisenstangen an einem anderen Bock dienen als Kampfpuppe.

„Obwohl sie darauf rumhauen können, gehen die Kinder mit allem sehr respektvoll um. Das ist mir sehr wichtig“, so der Projektleiter.

In „Sport statt Gewalt“ geht es aber nicht nur um die praktische Umsetzung, sondern auch um die Sensibilisierung der Kleinsten zu dem komplexen Thema Gewalt. „Was ist denn Gewalt?“, fragt Dr. Wolfgang Vogt mit dem Wissen, dass sie sich in so vielen Formen äußern kann. „Gewalt beginnt mit Sprache, also Beleidigungen und verbale Demütigungen und geht bis hin zu physischen Verletzungen wie Schupsen oder tatsächlich harte Schläge. Wir müssen die Kinder vor Gewalt schützen, sie darüber aufklären und ihnen zeigen, wie sie sich in ernsten Fällen selbst zur Wehr setzen können“, so der 73-jährige Professor.

Besonders erschreckend und gefährlich hält er eine sich mehr und mehr verbreitende neue Form von Gewalt unter den Schülern: Mobbing im Internet über soziale Netzwerke. Denn neben den Hänseleien sei vor allem die Anonymität im Netz ein großes Problem. „Bei Facebook, Twitter oder Youtube lässt sich mal eben ein gefälschtes Profil anlegen“, sagt der Kultursoziologe. Damit hätten Täter eine andere Identität und Mobben falle noch leichter. „Und was einmal im Netzt steht, bleibt auch im Internet stehen.“ Daran würden die meisten Opfer der digitalen Gewalt letzten Endes verzweifeln.

Umso wichtiger findet Dr. Vogt Kurse wie „Sport statt Gewalt“ von Tarassow mit dem Ziel, seine Grenzen zu kennen und auch über Probleme mit anderen reden zu können. Konflikte des Alltags können gewaltfrei gelöst werden, das hat ihnen die jahrzehntelange Berufserfahrung des Selbstverteidigungs-Trainers und des Professors gezeigt. Ihr Ziel ist es, dieses Bewusstsein an die nächsten Generationen weiterzugeben.

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