Mecklenburger Originale : Vier Jahrzehnte Müllerburschen

Die Dabeler Müllerburschen: (v.l.) Wolfgang Cords, Heinz-Georg Selke und Dieter Krüger.
Die Dabeler Müllerburschen: (v.l.) Wolfgang Cords, Heinz-Georg Selke und Dieter Krüger.

Dabeler Urgesteine der norddeutschen Folklore verkünden den 2. Juli 2017 als ihren letzten Auftritt: mit dem Mecklenburglied natürlich.

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05. Mai 2017, 21:47 Uhr

Sie sind Mecklenburger Originale: die Dabeler Müllerburschen. Markenzeichen der weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Urgesteine der norddeutschen Folklore ist das Mecklenburglied („Wo die grünen Wiesen“). „Dass es nicht unser Lied ist, bekennen wir frei raus. Keiner weiß, wer’s getextet und komponiert hat. Doch wir haben es populär gemacht“, verkündet Dieter Krüger, der mit dem Akkordeon, nicht ohne Stolz. Das Trio komplett machen Gitarrist Heinz-Georg Selke sowie Wolfgang Cords am Schlagzeug. Alle jenseits der 65, befinden sich die Müllerburschen auf Abschiedstour. Der letzte Auftritt soll am 2. Juli bei den Dabeler Dorffestspielen am Holzendorfer See sein, verraten sie. „Mit den Dorffestspielen fing alles an, damit soll’s auch aufhören. Fünf Tage fehlen dann an 40 Jahren“, so Krüger. Für die Müllerburschen schließt sich der (musikalische) Kreis.

Ihr Erkennungszeichen war und ist die traditionelle Tracht der Müller, plus Holzpantoffeln und die roten Socken, welche auf den Roten Strumpf hinweisen, auf dem die heimatliche Mühle steht. Einmal Müllerbursche, immer Müllerbursche eben. Darum konnte das Treffen mit der SVZ auch nicht woanders stattfinden als am berühmten Stammtisch unter der Königswelle und vor der Dabeler Galerie-Holländer-Windmühle.

Am 7. 7. 77 hat hier beim mittlerweile verstorbenen Müllermeister Fritz Döscher alles angefangen. „Das Datum ist Zufall. In der DDR begannen die Sommerferien immer am zweiten Juliwochenende. Und bevor alle in Urlaub fuhren, waren die Dorffestspiele“, erzählt Cords.

Es gibt noch eine Vorgeschichte. 1976 trat Dieter Krüger, zwei Jahre zuvor von Witzin nach Dabel gezogen, beim dortigen Karneval mit dem Akkordeon auf. Meister Döscher, damals im Elferrat – Karnevalspräsident war übrigens Wolfgang Cords – meinte nach dem Krügerschen Auftritt: „Kannst auch im Juli in der Mühle beim ,Snack up’n Sackbön‘ spielen“. Gesagt, getan. Hier waren auch Selke und Cords, die zuvor im „Klub-Trio“ spielten, der dritte spätere Müllerbursche kannte sie aber nicht. Das sollte sich ändern und der Müllermeister machte den 1977er-Auftritt klar – für die Dabeler Müllerburschen, wie sie ab sofort hießen. „Wir waren immer nur die Müllerburschen, er war unser Meister, wie wir ihn nannten“, erzählt Krüger heute noch ehrfürchtig von Fritz Döscher.

Aus dem ,Snack up’n Sackbön‘ wurde schnell der „Tanz up’n Sackbön‘ mit 80 Personen und damit brechend voller Mühle. Die Dorffestspiele dehnten sich auch immer mehr aus, in deren Hoch-Zeit gingen die zehn Tage und die Müllerburschen traten an sieben Tagen in der stets ausverkauften Mühle auf.

Sie wurden immer populärer, in den 80ern spielte man fast jedes Wochenende irgendwo zum Tanz; ob in Dabel, Holzendorf, Witzin, Sternberg, Zahrensdorf, Langen Jarchow, Hasenwinkel oder Mestlin. „Wir kamen auf gut 40 Wochenenden im Jahr, manchmal waren wir freitags, samstags, sonntags unterwegs“, weiß Krüger und Selke bemerkt: „Wir haben aber nie Ostern, Weihnachten und Silvester gespielt.“ Cords berichtet, dass es in der DDR „dreimal 100 Prozent Aufschlag gab – zu Silvester sowie jeweils am Vortag des 1. Mai und 7. Oktober“.


Als die DDR-Politik das Plattdeutsche entdeckte


Als die DDR-Politik das Plattdeutsche entdeckte, wurde bei Radio DDR, Sender Schwerin „im Januar 1983 die 1. Plappermöhl aus der Taufe gehoben. Man suchte eine Mühle“, so Krüger, der dabei mit einer gern gestreuten Mär aufräumt: „Die Radiosendung wurde hier in der ehemaligen Strandperle aufgezeichnet, wegen der Akustik. Es wurde nie erwähnt, dass die Mühle Dabel der Austragungsort war, aber so suggeriert.“ Stammgäste der Dabeler Plappermöhl, wie sie viereinhalb Jahre hieß, waren – natürlich – Müllermeister Döscher sowie Klaus-Jürgen Schlettwein und die Müllerburschen. Letzteren brachte das eine ungeheure Popularität, bei den Arbeiterfestspielen 1986 in Salzwedel gab es zudem eine Goldmedaille als „Ensemble der kleinen Form“.

Zur Wende zählte man im Kreis Sternberg 18 Kapellen. Krüger: „Mit der Wende gingen alle kaputt, nur wir Müllerburschen blieben.“ Man hatte auch das Glück, dass ein westdeutscher Teppichhändler beim Aufbau des MAZ Mühlengeez einen Narren an dem Trio gefunden hatte. Mit der Klampfe in der Hand gingen Selke und Co. als Straßenmusiker durch die Tausenden MAZ-Besucher. „Wir haben auch die Kante Nordsee hoch und runter gespielt; aber unsere Mecklenburger Kante nie verlassen“, betont Cords. 1991 entstand dank des MAZ die erste und einzige Schallplatte, es sollten drei CD’s folgen.

Irgendwann gehen auch die Müllerburschen in die musikalische Rente – am 2. Juli 2017. Mit dem Mecklenburg-Lied natürlich! 

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