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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

18. November 2017 | 11:35 Uhr

Sternberg : Und der Patient zahlt die Zeche…

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Volker Hillberg bekam in der Apotheke nicht die verordnete 100-ml-Packung, sein Medikament ist nicht lieferbar. Dies ist längst kein Einzelfall.

von
erstellt am 15.Okt.2014 | 17:09 Uhr

Der 67-jährige Volker Hillberg aus Sternberg geht  bewusst an die Öffentlichkeit: „Weil ich bestimmt nicht der Einzige bin.“ Darum erlaubte der Rentner auch zu erwähnen, dass er an Gicht leide und vom Hausarzt das Medikament Colchysat TRO N3 100 ml verschrieben bekam.

Doch in der Stern-Apotheke seiner Heimatstadt – und wie SVZ-Recherche ergeben hat, sogar deutschlandweit – war und ist die  Packungsgröße nicht lieferbar. Lediglich die 30-ml-Variante war noch in geringer Stückzahl vorrätig. „Die könne ich mir zweimal nachholen, müsste aber dafür jeweils fünf Euro zuzahlen. Das hat für mich nur Nachteile, das sehe ich als Patient nicht ein“, sagt Hillberg, der bemängelte, dass sein Apotheker  „nicht bei der Kasse nachgefragt hat, ob er mir drei Flaschen geben könnte“.

Apotheker Matthias Ratke  sind im Fall von Volker Hillberg die Hände gebunden: „Ich darf gar nicht 3 x 30 ml mit einer Zuzahlung von einmalig fünf Euro abgeben. Dann gibt’s Ärger mit den Krankenkassen“, erklärte er auf Nachfrage. Wenn er vorher wisse, was rauskommt, rufe er gar nicht erst an. Auch aus Zeitgründen. „Das ist kein böser Wille“, versichert der Diplom-Pharmazeut und fügt hinzu: „Gerade ältere Leute sehen bei den ganzen Regelungen nicht mehr durch. Verständlich!“

Für Hillberg „sind 3 x 30 fast 1 x 100. Das ist doch logisch“.  Logik nützt hier wenig. Es geht um die Kosten.  Ganz konkret beträgt der Colchysat-Preis für 100 ml 26,52 Euro und für die 30 ml 16,37 Euro. 3 x 30 ml  sind  preislich mehr als  1 x 100. Keine  Krankenkasse  würde dem  Apotheker  den Mehrpreis erstatten, sagt Ratke. Auch er müsse sich an die  aktuelle, „gesetzlich so gewollte  Zuzahlungsverordnung“  halten    und die schreibt im  Fall von Colchysat  – sofern der Patient von der Zuzahlung nicht befreit ist – pro Packung  für die 100-ml-Größe   fünf Euro  fest ebenso wie für  die 30 ml-Größe.

„Lieferdefekt“-Liste

erhält  43 Positionen Für Matthias Ratke ist der derzeitige Colysat-Engpass Alltag.  Dafür gibt es auf seinem  Bestell-Computer einen Extraordner mit dem bezeichnenden Namen „Lieferdefekte“. Darin  waren – allein was die Stern-Apotheke gemäß Kundennachfrage so bestellt, vorgestern gleich 43 Positionen erfasst, die laut Ratke „nicht  oder nur ganz schwer zu bekommen sind“. Das reichte von Lanzetten über Spritzen, Blutdruckmittel, Trombose-Prophylaxe, Antibiotika bis hin zu Psychopharmaka.  Ratkes Lieferdefekt-Liste aktualisiere sich ständig.

„Seit vergangener Woche, um ein Beispiel zu nennen, ist die Kombi-Packung Dexa-Gentamicin, das ist ein Mittel gegen Bindehautentzündung, nicht zu haben. Ein großer namhafter Hersteller kann nicht liefern. Und der zweite Hersteller war natürlich auf die große Nachfrage nicht vorbereitet und kann auch nicht mehr“, so Ratke. Zwar gebe es noch einen dritten Anbieter, aber der sei erheblich teurer (um zwei Euro pro Packung) und darum bei keiner Kasse in den Rabatt-Verträgen gelistet.

Der Sternberger Apotheker hat die Erfahrung gemacht, dass es „immer schlimmer wird mit der Verfügbarkeit, auch bei wichtigen Medikamenten“.  So konnte Ratke etwa im Fall eines Epileptikers, der ein spezielles Mittel benötigte, über viele Umwege gerade noch helfen. Früher hätten die großen Hersteller für den „Not-Not-Not-Notfall eine stille Reserve vorenthalten. Das ist“, so Ratke, „heute kaum noch so“.

 Der Sternberger Volker Hillberg hatte noch Glück, dass es  in seinem Akutfall zumindest die kleine Packung gab. Zudem versicherte seine Krankenkasse, die Novitas BKK, auf SVZ-Nachfrage, dass der  Colchysat-Hersteller aus Bad Harzburg „in zwei Wochen wieder liefern könne“. Den Engpass in diesem Fall verursacht  übrigens ein Frischpflanzenextrakt, gewonnen aus der Herbstzeitlosen.

KOMMENTAR von Roland Güttler

Es ist etwas faul
Der Patient geht mit dem Rezept in die Apotheke und bekommt die verordnete Medizin. So weit, so einfach, denkt Otto-Normalverbraucher. Die Realität sieht freilich  anders aus. Auf „mein“ Medikament, an das vor allem ältere Bürger gewöhnt sind und es gern behalten möchten, können diese sich längst  nicht mehr verlassen. Dagegen stehen die ständig neuen Rabatt-Verträge, so dass der Apotheker je nach Kasse ein adäquates Produkt ausgeben muss.   Weit schlimmer sind die  Liefer-Engpässe bei teilweise lebenswichtigen Medikamenten. Auch die Arzneimittelbranche ist längst globalisiert samt immer weniger Anbieter bei bestimmten Produkten plus wachsendem Outsourcing  der Wirkstoffe. Aus Kostengründen  kommen diese zunehmend aus China und Indien. Ein Problem in der Kette reicht aus.

Es ist etwas faul im „Staate Weltweit“!
Wir zahlen den Preis dafür  – in dem Fall als Patient.

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