Dabel : Tagebuch einer 95-Jährigen

Auf ihrem Hof hat Ehrentraut Ahrens zwei Plätze, an denen sie gern sitzt, in der Sonne oder im Schatten.  Fotos: Rüdiger Rump
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Auf ihrem Hof hat Ehrentraut Ahrens zwei Plätze, an denen sie gern sitzt, in der Sonne oder im Schatten. Fotos: Rüdiger Rump

Anhand von Notizen aus dem Frühjahr 1945 hat Ehrentraut Ahrens aus Dabel ihre Flucht aus Hinterpommern nach Mecklenburg aufgeschrieben.

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19. Juni 2016, 09:00 Uhr

Leicht gestützt auf den Rollator steht Ehrentraut Ahrens vor dem Haus und erwartet den angekündigten Besuch. Sonst nimmt sie ein Kissen mit, setzt sich auf die kleine Platte des Wagens und schaut zu, was auf der Straße vor sich geht. Ihre Lieblingsplätze sind allerdings auf dem Hof, wahlweise in der Sonne oder im Schatten. Dank fahrbarer Gehhilfe komme sie überall hin, sagt die 95-Jährige lächelnd. Nach einem Oberschenkelhalsbruch habe sie im Rollstuhl gesessen, „doch aus dem musste ich raus“. Rita Natzel, die „drei Häuser weiter“ wohnt und mit Ehemann Bernd Einkäufe und vieles andere für die Seniorin erledigt, gab den Anstoß. Im Rollstuhl sitzend, hätte die betagte Frau nicht in ihrem Haus bleiben können, ist sie überzeugt.


Erst geflüchtet und dann ausgewiesen


„Und es geht“, fügt die Dabelerin selbstbewusst hinzu. „So lange der Kopf noch klar ist.“ Diesen Satz wird sie noch manchmal wiederholen. Die 95-Jährige kocht sich selbst Mittag, jeden Tag. Was sie brauche, bringen ihr Natzels mit. „Ich fahre nicht mit nach Sternberg. Sie machen alles.“ Und Kartoffeln bekomme sie aus der Nachbarschaft. Hilfe, die unschätzbar sei; ein Glück, dass es die im Dorf gebe.

„So lange der Kopf noch klar ist“ – vor einiger Zeit nahm Ehrentraut Ahrens das über sieben Jahrzehnte alte Tagebuch zur Hand und begann die Geschichte ihrer Flucht und Vertreibung aufzuschreiben, zwei Seiten mit der Hand, die Sätze teils unvollständig, beinahe wie in Stichpunkten. Das schwarze Büchlein hatte ihr der Vater gegeben. Ohne die Notizen, die sie auf der Flucht 1945 gemacht hat, „hätte ich das nach der langen Zeit nicht mehr zusammengekriegt“.

Die Seniorin, Jahrgang 1921, stammt aus Denzig, ein Dorf ca. 200 Kilometer hinter Stettin. Die Eltern bewirtschafteten einen großen Bauernhof, „den schon der Urgroßvater hatte“. Die kleine Ehrentraut war das einzige Kind. Als die Mittelschule anstand, habe mancher gefragt, was sie als Mädchen dort wolle, zumal sie den Hof erben würde. Doch das junge Mädchen hielt sich an einen Satz der Mutter: Alles kann einem genommen werden, aber was man gelernt hat, kann einem keiner nehmen.

Ahrens erinnert sich auch nachdenklich, dass damals verlangt wurde, die arische Abstammung nachzuweisen. Eine Mitschülerin, deren Vater Jude war und als Rechtsanwalt arbeitete, habe mit „zwölf Jahren den Gashahn aufgedreht“.

Nach der Mittel- besuchte das Mädchen die Haushaltsschule und lernte kochen. Als die Mutter kurz nach der Konfirmation mit 48 Jahren starb, hieß es mit einem Mal, für das Essen auf dem Hof und bei der Feldarbeit zu sorgen.

Bis zum 6. Februar 1945 . Die Rote Armee ist bedrohlich nahe, in Denzig sammelt sich ein Treck. Doch der kommt nicht weit – Stopp in Rützow. Am 2. März um vier Uhr Alarm, „der Russe ist durchgebrochen“. Also in Richtung Norden ausweichen, doch auch nach Kolberg geht es nicht mehr. Die Fahrt durch einen Wald beendet in aller Frühe Panzerbeschuss. „Wir waren in einem Kessel.“ Zurück nach Denzig, „Treckwagen ausgeplündert, Fahrräder, Uhren, Stiefel weg“, auch ein Wagen mit Pferdefutter. Unterwegs bietet sich „ein Bild des Grauens“. Und vor dem Wagen ist nur noch ein Pferd. Vater und Tochter kommen am 15. März wieder in Denzig an, aber nicht in ihr Haus. „Die Haustür steht halb offen, bis oben voll Stroh, Heu, Unrat. Durchs Fenster sehen wir, alle Möbel raus.“ Sie kommen bei einem Nachbarn unter, doch das letzte Pferd liegt am Morgen tot im Stall.

Eine russische Ärztin verrät in gebrochenem Deutsch, dass „wir raus sollen“. Der Vater belädt vorsorglich einen Ziehwagen. Am 11. Juli klopfen polnische Soldaten um 6.45 Uhr ans Fenster. „In 20 Minuten fertig machen und auf den Dorfplatz kommen!“ Unter polnischer Bewachung geht es los, „alle zehn Schritte ein polnischer Soldat mit Gewehr“, an ihrem 24. Geburtstag. Fünf Tage darauf vor der Oderbrücke wird alles weggenommen, was nicht zum Leben nötig ist. Die junge Frau sieht, wie die Bewacher selbst die Haare kontrollieren, lässt geistesgegenwärtig ihren Ring, den einzig verbliebenen Schmuck, im Kaffeegrund in der Blechkanne, die immer mit aufs Feld kam, versinken. Ein polnischer Offizier reitet bis zur Mitte der Brücke und kehrt um. „Jetzt ist sich jeder selbst überlassen.“ Vom 6. Februar bis 13. August 1945 am Zufluchtsort in Mecklenburg hat sie täglich Tagebuch geschrieben, steht am Ende ihrer Fluchtgeschichte.

Die 24-Jährige kommt mit ihrem Vater nach Witzin, trifft bei einer Kundgebung in Wismar die Frau eines ehemaligen Jagdpächters aus Denzig, die es nach Dabel verschlagen hat, zieht in die Nähe in ein Haus auf dem Flötenberg, wird dort mit ihrem Vater „sehr gut aufgenommen“, und heiratet 1948 als geborene Schulz in den Roten Strumpf ein. Und hier möchte Ehrentraut Ahrens bis an ihr Lebensende bleiben. „So lange der Kopf noch klar ist“.

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