zur Navigation springen
Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

18. November 2017 | 15:08 Uhr

Warin : Tabuisierte Volkskrankheit

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Vortrag und Diskussion zum Thema: „Wie steht es um die psychiatrische Versorgung auf dem Lande?“

von
erstellt am 30.Mai.2014 | 17:34 Uhr

„Durch die Arbeitsverdichtung sowie Abnahme der Sozialgemeinschaft kommt man immer mehr an psychische Grenzen und wird krank“, betont Dipl.-Mediziner Ramon Meißner als Nachklang seines Vortrags gegenüber SVZ. Der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie, der seit zehn Jahren in Sternberg eine Praxis unterhält, sprach am Mittwochnachmittag in der Wariner
Tagesstätte „Zur Mühle“ des Wismarer Vereins „Das Boot“ zur Thematik: „Wie steht es um die psychiatrische Versorgung auf dem Lande?“

Vortrag mit Diskussion waren Teil des 10. Gerontopsychiatrischen Symposiums mit diversen Veranstaltungen im Nordwestkreis. Gekommen waren in die Wariner Tagesstätte, die es seit März gibt, vor allem Menschen, die beruflich damit zu tun haben, aber auch Betroffene und Angehörige. „Es ist gut, dass sich endlich mal was in der Provinz tut“, so Ramon Meißner.

Psychische Probleme sind längst Volkskrankheiten, schlagen sich etwa in Sachen Arbeitsunfähigkeit oder Verrentung in der Statistiken unter den Top drei nieder. Dennoch ist vieles immer noch mit Tabus behaftet, gerade was die Psychiatrie betrifft. „Man geht ja nicht zum Nervenarzt, zum Psychiater“, gibt Meißner Volkes Meinung wider. Dabei können man beim Nervenarzt durchaus dazu stehen, „den Psychiater würde ich hingegen nicht jedermann auf die Nase binden“, so Meißner. In dessen Praxis kämen „85 Prozent mit einer Überweisung zur Neurologie. Dabei ist meine Klientel in der Wirklichkeit 50:50.“

Zugleich richtete der Mediziner einen Appell an die Selbstheilungskräfte. „Früher gingen viele zum Pastor. Heute hilft ein gute(r) Freund/Freundin, die harmonische Familie“, so Meißner. Nicht alles sei krankheitsbedingt (Tod & Trauer, Liebe, Sehnsucht).

Und er benannte Vorurteile: „,Ich gehe doch nicht zum Nervenarzt, bin doch nicht bekloppt‘“, sagt Meißner, der jedes Mal „so’n Hals kriegt, wenn ich in der Zeitung lese: ,Straftäter wurde zu fünf Jahren Psychiatrie verurteilt‘. Dazu kann keiner verurteilt werden. Man wird wegen eines Delikts verurteilt und kommt bei bestimmten Umständen in die Forensik – nicht in die Psychiatrie!“

Die Vorurteile würden laut Meißner „nicht weniger, eher stärker“. Und so ist die Schwellenangst häufig eine große Hürde. Dies merkt auch die Leiterin der Wariner Tagesstätte, Katja Meißner (weder verwandt noch verschwägert mit dem Arzt): „Bisher haben wir drei Klienten, die regelmäßig herkommen, und mehrere Anfragen.“ Ganz praktisch sei der angeschlossene Laden, den man durch eine Nebentür betreten kann. Und dann käme so mancher mit dem eigentlichen Anliegen raus…


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen