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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

16. Dezember 2017 | 12:17 Uhr

Ausstellung in Mestlin : Schonungslose DDR-Alltagskunst

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Ausstellung „Schichtwechsel – Kunst aus 40 Jahren DDR“ im Kulturhaus Mestlin eröffnet

„Schichtwechsel – Kunst aus 40 Jahren DDR“ nennt sich die Ausstellung, die der Verein „Denkmal Kultur Mestlin“ in Zusammenarbeit mit dem Kunstarchiv Beeskow im Kulturhaus organisiert hat. Gezeigt werden mit einem Versicherungswert von fast 175 000 Euro Gemälde, Druckgrafiken und Plastiken von 50 Künstlern, deren Schaffen widerspiegelt, wie stark sich die Politik einmischte und die Rahmenbedingungen diktierte.

Zwischen zwei Landmaschinen stehend, scheinen sie Pause zu machen, die vier Männer der Feldbaubrigade, ihre Hände in den Hosentaschen vergraben. Einer dreht sich eine Zigarette. Vielleicht ist aber auch der Treibstoff ausgegangen oder ein Fahrzeug hat eine Panne? Da sprüht keine Tatkraft mehr aus den Figuren, da blitzen keine Augen. Die Haltung des Quartetts wirkt eher wie eine Absage an den Produktionsplan, wie ein Sich-Fügen in den Spagat zwischen den utopischen Vorgaben der Staatsführung und der harschen Realität – Abgesang, Agonie. Der Horizont in diesem expressionistisch angehauchten Gemälde hängt buchstäblich schief. 1986 – kurz vor der zehnten und letzten Kunstausstellung der DDR in Dresden – hat Dieter Claußnitzer dieses Bild gemalt, das Erich Honecker nie zu Gesicht bekam. 40 Jahre hat es in Ostdeutschland in der DDR gedauert, bis Künstler sich solche Bilder trauten.

Kunst im Sozialismus galt als zweckgebunden und der Ideologie unterworfen, stellte der Kunsthistoriker Herbert Schirmer als Kurator bei der überfüllten Vernissage am Sonnabendnachmittag im Kulturhaus fest. „Schichtwechsel“ aber verdeutliche, dass Kunst auch unter den restriktiven Vorgaben in der DDR von Individuen geschaffen wurde. „Eine vorbehaltlose Anerkennung ist aber seit 1990 an einer Allianz der Ablehnung gescheitert“, beklagte der ehemalige DDR-Kultusminister der Maizière-Regierung.

Der Versuch, in der Nachkriegszeit künstlerisch an Kunstströmungen vor 1933 anzuknüpfen oder Krieg und Zerstörung aufzuarbeiten, sei unter dem Diktat des sozialistischen Realismus gescheitert. Anfang der fünfziger Jahre beherrschten Themen wie Aufbau, der neue Mensch („Helden der Arbeit“) oder die Kollektivierung das künstlerische Spektrum.

„Schönfärberei ist aber nicht nur der ärgste Feind der Schönheit, sondern auch der politischen Vernunft“, habe dagegen Bertold Brecht 1953 den Machthabern ins Stammbuch geschrieben. Danach, so Schirmer, definierte sich die Kulturpolitik der DDR zunehmend über den ungeliebten Nachbarn Bundesrepublik. „Kunst galt als Waffe im Klassenkampf.“ Inhaltliche Aussagen von Kunst seien in den Vordergrund gestellt und dazu genutzt worden, progressive und modernistische Strömungen auszugrenzen. Stattdessen seien stereotype Darstellungsmuster mit leicht erkenn- und konsumierbaren Strukturen der Vorzug gegeben und im Gedächtnis der Ostdeutschen verankert worden.

Wer als Künstler vorsichtig aufbegehrte, habe sein Anliegen anfangs hinter Themen aus der Antike versteckt. Die Zunahme gesellschaftlicher Konfliktdarstellungen war aber nicht mehr zu bremsen und fand dann beispielsweise 1978 im Bild „Jugendweihe“ von Rolf Schubert seinen Ausdruck.Spätestens aber in den achtziger Jahren, so Schirmer, habe die Kunst in der DDR eine dynamische Pluralität aufgewiesen, „die nicht mehr zu stoppen war“. Mit der Generation der jungen Wilden seien schonungslose Bilder entstanden, die unübersehbar Ironie, karikative Überzeichnung oder Tristesse transportierten. „Der ästhetischen Qualität von Kunst hat das nicht immer genutzt“, räumte Schirmer ein. Es sei aber vor der Fehleinschätzung zu warnen, dass in der DDR keine museumsreife Kunst entstand. Das werde allein durch die beispielhafte Auswahl von Grafiken belegt, die im Kulturhaus einen eigenen Saal füllen. „Am besten ist, Besucher machen sich von der künstlerischen Qualität einen eigenen Eindruck.“

Öffnungszeiten
• bis 30. August 2015: Mittwoch – Sonntag, jeweils 11 bis 17 Uhr
• ab 31. August bis 13. September: nur Sonnabend, Sonntag jeweils 11 bis 17 Uhr

oder auf Anfrage (0170 / 581 72 49)


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