Stadtkirche Sternberg : Schicksale und Freundschaften

Roghiyeh Azimi (r.), deren schrecklichen Erlebnisse sich in der Ausstellung „Flüchtlingsgespräche“ wiederfinden, Ehemann Ali und die beiden Kinder Sarah (8) und Elias (6) sind für Susanne Priesemann und Eckhardt Erbguth zu Freunden geworden.
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Roghiyeh Azimi (r.), deren schrecklichen Erlebnisse sich in der Ausstellung „Flüchtlingsgespräche“ wiederfinden, Ehemann Ali und die beiden Kinder Sarah (8) und Elias (6) sind für Susanne Priesemann und Eckhardt Erbguth zu Freunden geworden.

Die Ausstellung „Flüchtlingsgespräche“ wird jetzt in der Sternberger Stadtkirche gezeigt. Dazu gibt es eine kleine Broschüre mit den Porträtfotos und Geschichten,

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06. Juni 2016, 21:00 Uhr

Die junge Familie wohnt jetzt in Sternberg – für sich: Ali und Roghiyeh Azimi mit ihren Kindern Sarah (8) und Elias (6), dazu jeweils ein jüngerer Bruder der Eheleute, beide 22 Jahre alt. Dass sie nun in eigenen vier Wänden leben können, hat ihnen den Umzug aus der Flüchtlingsunterkunft Dabel erleichtert. Und es war kein Abschied von inzwischen vertrauten Menschen um sie herum, von den ehrenamtlichen Betreuern im Helferkreis. Die Kontakte sind nicht abgerissen, mehr noch, „es sind Freundschaften entstanden“, sagt Susanne Priesemann, von Beginn an in diesem Helferkreis tätig. Schon bei der Demonstration gegen Fremdenfeindlichkeit sei sie dabei gewesen, als die NPD vor der Kita „Kunterbunt“ eine Kundgebung abhielt, bevor im gleichen Gebäude die heutige Unterkunft für Asylbewerber eingerichtet wurde. „Wenn man demonstriert, muss man auch was tun“, so Priesemann.


Nach einem Überfall Flucht aus Afghanistan


Sie freute sich auf das Wiedersehen mit den Azimis und den beiden Kindern am Freitagabend in der Sternberger Stadtkirche, wo nun bis Ende Juni die Ausstellung „Flüchtlingsgespräche“ zu sehen ist. Zur Vernissage konnte Roghiyeh Azimi wegen Krankheit nicht kommen, dafür Ehemann und Kinder. Ihr Foto in Großformat schaut den Besuchern entgegen, wenn sie die Winterkirche betreten. Auf einer Tafel daneben steht der Abriss einer schrecklichen Flucht, die Jahre dauerte.

Azimis stammen aus einem sehr kleinen Dorf in Zentralafghanistan und gehören einer schiitischen Minderheit an, den Hazara. Es war Juni 2007, sie spülte am Fluss Geschirr und wurde mit anderen überfallen. „Es flogen Steine, es floss Blut, wir lebten nur noch in Angst und mussten sofort fliehen.“ Sarah war noch nicht einmal ein Jahr. Mit Eseln und Pferden, aber zu Fuß sei es in den Iran gegangen, wo Schleuser sie in einer Scheune ohne Licht einsperrten. Die Familie wurde getrennt, die junge Mutter mit ihrem Baby musste zurückbleiben, als einzige Frau unter rund 100 Männern, „immer eingeschlossen, hungrig, immer in Angst, entdeckt zu werden“. Nach drei Monaten sei es losgegangen, erneut zu Fuß in die Berge über die iranisch-türkische Grenze, ohne Essen und Trinken. Dann endlich das Wiedersehen mit Ali. Fast acht Jahre hätten sie in der Türkei gelebt als Menschen zweiter Klasse, dort illegal arbeiten müssen, die junge Frau überall sexuell belästigt. Mit drei anderen afghanischen Familien kauften sie sich zwei Schlauchboote, einen Motor hatte aber nur eines, und den versenkten bewaffnete Männer, die des Nachts mit einem Schiff auftauchten. Entkräftet und am Verdursten kam die türkische Küstenwache zur Rettung, aber wieder die Trennung vom Ehemann, ohne Papiere und Geld. Er fand die Familie in Izmir wieder.


Ein Großteil Flüchtlinge oder deren Nachfahren


Schleuser brachten sie „in einem völlig überfüllten Boot“ auf die griechische Insel Lesbos. Von dort folgten Azimis abwechselnd Gruppen, heimlich, weil sie sich keine Schleuser mehr leisten konnten. In Ungarn von der Polizei aufgegriffen, seien die Flüchtlinge geschlagen und beleidigt, aber dann an die österreichische Grenze gebracht worden. „Es war wie eine Erlösung“, beschreibt Roghiyeh Azimi ihre Gemütslage. „In Österreich gab es Duschen, frische Kleidung, Essen und Trinken.“ Über Wien, Salzburg, München, Berlin ging es nach Horst und von dort nach Dabel.

Die Ausstellung „Flüchtlingsgespräche“ zeichnet den Weg der 30-Jährigen und von weiteren sieben Menschen nach, die vor mehr als 70 Jahren oder in heutiger Zeit Hab und Gut sowie ihre Heimat verloren haben. Christian von Lehsten und Solveig Witt vom Verein Rothener Hof haben sie interviewt, Fotos gemacht und die bewegenden Schicksale aufgeschrieben. Bei „Kunst: Offen“ waren sie zum ersten Mal öffentlich. Die Idee habe sich aus der Erfahrung entwickelt, dass ein Großteil der Menschen, die im Land leben, Flüchtlinge waren oder deren Nachfahren sind. Auch in Rothen, wo nur eine Familie ihren Ursprung in dem Dorf habe. Er sei dankbar, so Lehsten, dass die Ausstellung nun in dem ehrwürdigen Gebäude, der Sternberger Stadtkirche, für einen Monat ihren Platz gefunden habe. Er hoffe, dass sie hier „die gleiche Wirkung im Denken“ erziele wie bisher. Eine kleine Broschüre gibt den Inhalt der Ausstellung wieder.

Auch sie sei mit Erzählungen über die Flucht aufgewachsen, von Mutter, Großeltern und Tante, sagte Pastorin Katrin Teuber. Ihre Mutter habe erst zur Goldenen Konfirmation das Gefühl gehabt, zur damaligen Klasse dazuzugehören. Auch bei fast jedem zweiten Trauergespräch höre sie von schrecklichen Erlebnissen vor gut 70 Jahren auf der Flucht.

In die Betreuung der heutigen Flüchtlinge sei er irgendwie hineingewachsen, erzählte der Dabeler Künstler Eckhardt Erbguth gegenüber SVZ. Nun sei er der Opa für die beiden Kinder, meinte er schmunzelnd. Ali Azimi absolviert ein zweiwöchiges Praktikum in Dabel. Ruhe gefunden habe er aber auch jetzt noch nicht. Zumal die Angst bleibe, abgeschoben zu werden. „Wir hoffen, gegensteuern zu können“, will Susanne Priesemann Mut machen.

Die Stadtkirche ist montags bis sonnabends von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr geöffnet.

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