Warin und seine verfallenen Gebäude : Schandflecke sollen verschwinden

Die Natur holt sich ihr Terrain im ehemaligen Wariner Krankenhaus in der Burgstraße immer mehr zurück. Fotos: Roland Güttler
1 von 2
Die Natur holt sich ihr Terrain im ehemaligen Wariner Krankenhaus in der Burgstraße immer mehr zurück. Fotos: Roland Güttler

Seit Jahren liegt das Wariner Kreiskrankenhaus verlassen da. Ideen, wie die von Schwerinern, aus dem Areal eine Residenz für exklusives Wohnen zu machen, sind längt verworfen. Jetzt soll etwas passieren.

von
15. Mai 2013, 09:47 Uhr

Warin | "Nach dem Ende der Menschheit" - aktuell ein überaus beliebter Stoff im Fernsehen. Wie erobert die Natur das von Menschen Geschaffene zurück? In 100, 1000 oder 10 000 Jahren? Was sich wie Science-Fiction anhört, findet quasi unter unseren Augen allerdings schon heute vielerorts statt. Bei Gebäuden oder Flächen, die leer stehen bzw. brach liegen und für die über Jahre hinweg keine neue Verwertung gefunden wurde.

Ein Beispiel ist das ab 1949 erbaute Wariner Kreiskrankenhaus. Hier wirkte einst der 1972 verstorbene Eduard von Fircks - Vater des Wariner Geophysikers, Buchautoren und Ortschronisten Christoph von Fircks - fast zwei Jahrzehnte lang als Chirurg sowie auch als Ärztlicher Direktor der Klinik. Und bis runter zum Glammsee entstanden die Ärzte-Villen…

Seit Schließung der nach der Wende in Glammseeklinik umbenannten Einrichtung durch den damaligen Betreiber Kursa med verfiel das Gelände ab Mitte 1997 immer mehr, obwohl so manches groß angekündigt wurde. So wollten zwei Schweriner aus dem Areal eine "Residenz für exklusives Wohnen" machen. Passiert ist nichts wie schon bei Interessenten zuvor. Insgesamt verstrichen so zehn Jahre, in der aus der Burgstraße - lange Zeit die erste Adresse der Kleinstadt - eher eine Burg(ruinen)straße wurde. Zumindest auf dem Teilabschnitt. Die Natur jedenfalls erobert sich unübersehbar ihr Terrain zurück. Wariner Bürger sprechen, wenn sie aufs Thema Krankenhaus kommen, nur noch "vom Schandfleck".

2011 ging das Gelände vom Insolvenzverwalter an die Stadt Warin über. Auch das um 1880 als Gefängnis entstandene ehemalige Amtsgericht gehört der Kommune. Laut Bürgermeister Michael Ankermann wolle man jetzt für beides zusammen mit einer Nettofläche von 20 000 Quadratmetern ein Konzept entwickeln. Ankermann kündigte dazu die "Gründung einer städtischen Entwicklungsgesellschaft" an als Konsortium einer öffentlich-privaten Beteiligung und hofft, dass sich daran "Wariner Firmen und Privatpersonen" beteiligen. Um so für die Belebung des Grundstücks Geld in die Hand zu bekommen, das die Stadt selbst nicht habe. Reges Interesse bei Unternehmen gäbe es bereits, so der Bürgermeister, der ankündigte, die Vorlage zur nächsten Sitzung der Stadtvertreter auf die Tagesordnung zu bringen.

Die Fraktion Die Linke schlägt indes vor, hier "Unternehmen anzusiedeln aus dem sozialen oder Gesundheitsbereich". Laut Ankermann gäbe es "ernsthaftes Interesse, das Gelände für Ferienwohnungen zu nutzen". Allerdings relativiert er sogleich und schiebt nach: "Ob es Wohnungen oder Ferienwohnungen werden, ein Feriencamp oder was soziales wird, ist relativ offen." Zudem solle das Amtsgericht "natürlich stehen bleiben". Und auch damit ist Geschichte verbunden. Denn bis mindestens 1894 lässt sich die Gerichtsbarkeit in dem Wariner Gebäude zurückverfolgen. An der Stätte wirkte 1934 der hierher strafversetzte Jurist, SPD-Politiker sowie spätere Widerstandskämpfer Hans Lachmund. In den letzten Kriegstagen war er 1945 an der kampflosen Übergabe der Stadt Greifswald an die Rote Armee beteiligt. Dies verhinderte aber nicht, dass der gebürtige Schweriner Lachmund noch Ende Mai 1945, wie andere Antifaschisten auch, ohne Angabe von Gründen verhaftet und bis 1948 im berüchtigten NKWD-Lager Nr. 9 in Fünfeichen bei Neubrandenburg und anschließend im Speziallager Nr. 2 von Buchenwald interniert wurde. 1950 zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, wurde Lachmund vier Jahre später von DDR-Präsident Wilhelm Pieck begnadigt. Anschließend ging der Jurist in den Westen. Hans Lachmund - ein Kapitel auch der Wariner Geschichte. Dieses gilt es ebenso zu bewahren wie für Christoph von Fircks "die wunderschönen alten Bäume auf dem Krankenhausgelände". Die Wiederauferstehung seines "einstigen Kinderspielplatzes" dürfte laut dem Ortschronisten aber "nicht so leicht werden". Nach den vielen ungelegten Eiern und Versprechungen der Vergangenheit wartet der Wariner erst einmal ab.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen