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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

17. Dezember 2017 | 15:07 Uhr

Ferkelaufzuchtanlage Ruchow : Saumäßige Tierhaltung

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

In Ruchow plant Investor Haltung von 2000 Sauen und 4000 Ferkeln auf Gelände ehemaliger Stallanlage. Bedenken bei Dorfbewohnern

svz.de von
erstellt am 13.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Bei ihrer letzten Sitzung  fassten die Gemeindevertreter  von Mustin einen Aufstellungsbeschluss für den vorhabenbezogenen Bebauungsplan Nr. 3 „Schweineaufzucht Ruchow“. Damit wird der Weg frei für die von Schweinezüchter Johannes Wübbel aus Parkentin bei Bad Doberan geplante Ferkelzucht auf dem Gelände der ehemaligen LPG-Schweinemastanlage (SVZ berichtete). Dieses Vorhaben hat jedoch nicht nur Befürworter im Dorf. „Ich stehe mit mehreren Familien im Dorf in Kontakt, die aber nicht öffentlich reden wollen“, sagt Delia Micklich, die sich traut zu reden und an die Schweriner Volkszeitung wandte. Als Grund für die Zurückhaltung der anderen Dorfbewohner vermutet sie verschiedene Abhängigkeiten, wie sie auf dem Land so üblich sind, gerade wenn es beispielsweise um die Pacht des immer teurer und rarer werdenden Ackerlandes geht. Denn Bürgermeister Berthold Löbel, der dem Vorhaben von Johannes Wübbel sehr positiv gegenüber steht, ist auch der größte Landbesitzer der Gemeinde. „Wir von der Gemeinde sind froh, dass da jemand investieren will und dieser Schandfleck vor dem Dorf wegkommt“, so der Bürgermeister gegenüber der SVZ. Doch Delia Micklich, die Agrarwissenschaften studiert hat und in der ökologischen Landwirtschaft arbeitet, hat mehrere Einwände.

Jetzt ist die Rede von 2000 Sauen

„Noch im  Februar war die Rede von  1000 Sauen, die in Ruchow gehalten werden sollen. Bei der Gemeindevertretersitzung jetzt hat Herr Wübbel von 2000 Sauen gesprochen und vorgerechnet, dass eine Sau  pro Jahr im Durchschnitt 20 Ferkel wirft und er zehn Prozent davon selbst aufziehen will. Das heißt, da stehen dann 6000 Tiere.“ In Parkentin betreibt Johannes Wübbel eine Anlage für 1500 Sauen, 4500 Ferkel und 2000 Mastschweine (Stand 2014). „Die Anlage in Ruchow soll deutlich bescheidener ausfallen“, sagte er noch im März diesen Jahres (SVZ vom 9.3.2017).

Delia Micklich befürchtet nicht nur eine starke Geruchsbelastung für das Dörfchen - das Gelände befindet sich nur 200 Meter vom nächsten Wohnhaus entfernt und das Dorf liegt in der Hauptwindrichtung von dort aus gesehen. Sie beschäftigt vor allem die Frage, wo denn   die ganze Gülle  der 6000 Tiere bleiben soll. „Dem Investor gehört doch keinerlei Land hier rundherum. Und ob er die Biogasanlage nebenan wie  die Anlage in Kobrow nutzen kann, ist ja noch die große Frage.“

Der „Schandfleck“ - die ehemalige Schweinemastanlage in Ruchow.
Der „Schandfleck“ - die ehemalige Schweinemastanlage in Ruchow. Foto: Katja Frick

Schweinemastanlage in Kobrow dient als Vorbild

Die Anlage in Kobrow, in der 9000 Schweine stehen, wird von Johannes Wübbel als Vorbild für seinen Neubau in Ruchow genannt. Sie ist nach neuester Technik mit Abluftfiltern gebaut worden, die Gülle der Tiere wird durch eine Leitung direkt in die Biogasanlage des Dorfes gepresst.

„Hier riecht es einmal in der Woche zwei bis drei Stunden“, erklärt ein Pferdehalter auf dem  Nachbargrundstück der Anlage in Kobrow der SVZ bei einer Stippvisite. „Da stinkt es von der Biogasanlage eher schon mal, aber das hält sich in Grenzen.“  Der  passionierte Jäger  fragt sich allerdings, ob Fleisch wirklich so billig sein muss, dass Tiere in solchen Massenställen gehalten werden müssen. „Früher gab es noch den Sonntagsbraten, da war Fleisch etwas besonderes. Heute kann ich mit Fleisch von Aldi jeden Tag Kotelett essen, wenn ich will.“

Einen Blick in die Anlage von Kobrow zu werfen, war der Redaktion nicht möglich. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir die Zahl derjenigen, die die Ställe betreten, wegen der drohenden Afrikanischen Schweinepest so gering wie möglich halten. Die Tiere sind so anfällig“, erklärte Geschäftsführer Peter Rosien auf eine Anfrage.  Agrarminister Till Backhaus   hat gerade in dieser Woche wegen der Afrikanischen Schweinepest, die sich derzeit in Polen, dem Baltikum, Moldavien,  der Ukraine, Rumänien und Tschechien ausbreitet, eine Tierseuchenübung abgehalten, in die die sechs Landkreise MVs, die Stadt Rostock, das LALLF, die Jagd-, Forst- und Ordnungsbehörden sowie der Katastrophenschutz eingebunden waren.

Die als Vorbild für den Neubau dienende Schweinemastanlage in Kobrow. Fotos: Katja Frick
Die als Vorbild für den Neubau dienende Schweinemastanlage in Kobrow. Fotos: Katja Frick Foto: Katja Frick

Die Frage nach Sinn und Modernität von Massentierhaltung stellt auch Delia Micklich: „Mit konventioneller Schweinezucht kann doch heute kaum noch Gewinn gemacht werden, vor allem, seitdem nicht mehr nach Russland geliefert werden kann. Ich habe  auf der Gemeindevertretersitzung  gesagt, Herr Wübbel solle doch auf ökologische Landwirtschaft umstellen, da kann man bessere Preise erzielen.  Da wurde ich nur ausgelacht.“

„Das muss ja sowieso alles durch das BImSchG-Verfahren“, beruhigt Johannes Wübbel, und meint damit das Bundes-Immissionsschutzgesetz. Und wegen des Magdeburger Urteils und des Bundes-Klimaschutzgesetzes befinde sich ja  überhaupt gerade  alles im Umbruch. „Wir werden auf jeden Fall die Auflagen der Behörden einhalten und im Rhythmus der Zeit und der neuen Technik bauen“, so der Unternehmer.

Im März bestätigte das Bundesverwaltungsgericht ein Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Magdeburg, dass die  kastenförmigen Mini-Ställe , in denen eine  konventionell gehaltene Sau den größten Teil ihres Lebens verbringt,  so breit sein müssen, dass die Tiere sich hinlegen können, ohne mit ihren Beinen in den Kastenstand der Nachbarsau zu kommen. Seitdem sind viele Sauenställe in Deutschland nicht mehr rechtskonform.  Gerade erst in der vergangenen Woche wurde bekannt, dass Berlin vom Bundesverfassungsgericht generell die Vorschriften zur Schweinehaltung in Deutschland prüfen lassen will.

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