Groß Raden : Rohrdach decken wie einst die Slawen vor 1000 Jahren

Vorarbeiter Pawel aus dem polnischen Bialystok arbeitet auf dem frischverlegten Reetdach mit einem Klopfbrett nach.
Vorarbeiter Pawel aus dem polnischen Bialystok arbeitet auf dem frischverlegten Reetdach mit einem Klopfbrett nach.

Holländische Spezialfirma sanierte das „Obergeschoss“ zweier nachgebauter Flechtwandhäuser.

svz.de von
20. November 2015, 17:34 Uhr

Wie zu Slawenzeiten wurden in den vergangenen zwei, drei Wochen auf dem Freigelände des Archäologischen Freilichtmuseums Groß Raden zwei Nachbauten von Flechtwandhäusern aus dem 9. Jahrhundert neu mit Schilf gedeckt. Gestern sollten die Dachdeckerarbeiten beendet werden.

Die Arbeiten führte die niederländische Firma Archeo-Serwis mit polnischen Arbeitern durch – Vorarbeiter Pawel aus dem ostpolnischen Bialystok sowie drei aus Bydgoszcz (Bromberg) stammende Handwerker. „Chef der international tätigen und sich auf Rekonstruktionen spezialisierten Firma Archeo-Serwis ist Bert van Valburg. Dieser war mal Direktor des Freilichtmuseums Eindhoven, ein ganz tolle Museum“, erläutert die Groß-Radener Museumschefin Heike Pilz.

Erneuert wurden das Rohrdach inclusive der Rahm. Die Flechtwandhäuser entstanden teilweise schon zu DDR-Zeiten – in den 80ern. Ein drittes Modell wurde dann nach der Wende gefertigt, als es in Kobrow noch entsprechende Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) gab.

Jetzt wurden zwei saniert. Die Häuser auf dem Freigelände, die vermitteln sollen, wie einst die Slawen hier lebten, stehen teilweise seit 25 Jahren. Da geht natürlich in dem langen Zeitraum schon mal was kaputt, verrichten etwa die Vögel auch ihr Werk an solchen reetgedeckten Dächern. Unterm Strich wird im Slawenmuseum die Sanierung der historisch nachgebauten Gebäude immer dringlicher.

Die jetzt erneuerten Rohrdächer sind so gesehen erst der Anfang. Dabei sollten die Arbeiten an den beiden Flechtwandgebäuden so authentisch wie möglich erfolgen. „Ohne Nägel etwa und mit Axt und Beil. So wie die Slawen vor 1000 Jahren gearbeitet haben“, erläutert Heike Pilz. Zudem mussten einige Sünden aus DDR-Zeiten bei der Rahm beispielsweise beseitigt werden. Diesen Slawen-Baustil-Luxus leistete man sich in den 80ern nicht.

Auf SVZ-Nachfrage erklärte Pressesprecher Henning Lipski vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Schwerin, dass die Arbeiten „ein Auftragsvolumen von ca. 20 000 Euro“ haben. „Es handelt es sich um eine auf archäologische Rekonstruktionen spezialisierte Fachfirma, deren Sachkunde hinsichtlich der archäologischen Fachkenntnisse bei normalen Rohrdachdeckern nicht gegeben ist. Die Leistungen sind ausgeschrieben worden. Selbstverständlich ist die Firma verpflichtet, das Mindestlohngesetz einzuhalten nach dem Vergabegesetz“, so der Sprecher.

Fehlende Kenntnisse bei normalen Rohrdachdeckern stellt auch Rohrdachdeckermeister Michael Engemann aus Massow im Müritzkreis nicht in Abrede. „Aber wir machen auch historische Sachen. Und es gibt auch hier durchaus Rohrdachdecker, die das spezielle Handwerk beherrschen. Aber die sind nicht so billig wie die Polen“, betont Engemann, der hinzufügt: „So macht das Land das Handwerk hier kaputt!“



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