Witzin : Richtige Frisur mit der Kettensäge

Bis in eine Höhe von 32 Metern kann mit der Hubbühne gearbeitet werden. Derzeit sind die Spezialisten vom Forstamt Schlemmin damit entlang der B 104 zwischen Witzin und Prüzen im Einsatz.
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Bis in eine Höhe von 32 Metern kann mit der Hubbühne gearbeitet werden. Derzeit sind die Spezialisten vom Forstamt Schlemmin damit entlang der B 104 zwischen Witzin und Prüzen im Einsatz.

Forstspezialisten sind bei der Verkehrssicherung und dem Schnitt des Lichtraumprofils entlang der B 104 zwischen Witzin und Prüzen im Einsatz.

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03. März 2015, 18:07 Uhr

Kletterpartien konnte er sich diese Woche bislang ersparen. Henning Friz vom Forstamt Schlemmin arbeitet mit seinen Kollegen Johannes Bilke und Sebastian Fachin seit Montag entlang der B 104. Am Waldrand erfolgt die Verkehrssicherung und es wird das so genannte Lichtraumprofil hergestellt. Letzteres bedeutet, dass die Bundesstraße bis zu einer Höhe von mindestens 4,75 Metern frei sein muss. Mit der Kettensäge erhalten die Bäume gewissermaßen die richtige Frisur. So kommen große Laster bedenkenlos unter durch. Gleichzeitig fällt mehr natürliches Licht auf die Fahrbahn und verbessert die Sicht.

Halbseitige Sperrung nur in Ausnahmen

Angefangen haben die drei Männer an der Waldkante aus Richtung Güstrow. Etappenweise arbeiten sie sich bis in Sichtweite von Witzin vor, wo der Wald endet. Was dann kommt, ist Sache der Straßenmeisterei. Zwei Wochen sind veranschlagt, in denen Kraftfahrer tagsüber mit halbseitiger Sperrung rechnen müssen. „Davon machen wir nur Gebrauch, wenn Äste weit über die Fahrbahn hängen oder es an einer Kuppe vielleicht zu unübersichtlich wird“, erklärt Friz. Ansonsten würden Verkehrsschilder, die auch eine Reduzierung der Geschwindigkeit vorschreiben, auf die Wanderbaustelle aufmerksam machen.

Ob die zwei Wochen ausreichen werden, lasse sich derzeit kaum abschätzen. Friz rechnet eher mit drei. Der Revierförster begutachte vorher, was zu machen sei, „doch von oben sehen wir mehr“, sagt Friz. Neben Totholz und faulen Bäumen, die eine Gefahr für Autofahrer werden können, müsse auch auf weniger auffällige Holzkrankheiten geachtet werden. Eine davon sei der Brand-Krustenpilz. Wenn der sich im Wurzelbereich befinde, müsse der Baum runter. Oder Unglücksbalken, das sind Äste, die durch ihre Länge übermäßig belastet werden, aufreißen und abbrechen können. Und nicht zuletzt Druckzwiesel, wenn sich ein Stamm oder Ast gabelt. Hier besteht Gefahr, dass sich der unter verschiedenen Umständen teilt und zu einer Seite herab stürzt.

Was unter die Kettensäge fällt, räumen die Forstleute in den Wald. Bliebe das an der Straße liegen, gäbe es Ärger mit der Straßenmeisterei, weiß Friz. Lohne sich das Holz für Selbstwerber, erhielten sie vom Revierförster die Erlaubnis, sich das zu holen.

Als Baumkletterer noch höher hinaus

An den ersten beiden Tagen kamen die Männer vom Forstamt mit der Hubbühne aus. Friz hat seit 2002 die Berechtigung dafür. Erst sei er damit beinahe durchs ganze Land getourt, seit knapp zwei Jahren beschränke sich das meist auf das eigene Forstamt und die in der Nachbarschaft. Bis zur Höhe von 32 Metern lasse sich damit arbeiten, die werde allerdings kaum ausgereizt.

Reicht die Hubbühne nicht mehr, muss der 46-Jährige ran – denn er ist seit 1996 Baumkletterer, einer von zehn, die es in MV noch gibt. Die Ausbildung erfolge in Niedersachsen und sei hauptsächlich für die Saatguternte in Schwindel erregenden Höhen gedacht. Im Forstamt Schlemmin seien sie zu zweit. Johannes Bilke werde gegenwärtig eingearbeitet.

Um als Baumsteiger mit der Kettensäge arbeiten zu dürfen, sei eine weitere Ausbildung nötig und für die zuvor ein umfänglicher Praxisnachweis. Diese Berechtigung hätten landesweit nur drei Forstmänner, neben ihm in Torgelow und Neustrelitz, erklärt Friz. „Das sieht von unten lustig aus, erst recht, wenn wir das etwa auf der MeLa vorführen, aber es ist ein Knochenjob“, sagt der gelernte Holzfäller. „Nicht jeder möchte das machen. Es wird auch niemand gezwungen, das ist völlig freiwillig.“ Für manchen sei schon die Höhe ein Problem. Dort angekommen, habe der Kletterer, zweifach gesichert, den Baum vor dem Körper, müsse mit der Kettensäge arbeiten und dann noch das abgeschnittene Holz kontrolliert herab fallen lassen. „Aber ehrlich, am liebsten bin ich da oben im Baum. Man ist für sich, hat ein klares Aufgabenfeld und arbeitet das ab, ohne dass jemand hineinredet“, sagt Henning Friz.

2014 habe er noch den Schein als Industriekletterer erworben. „Von mir aus und ganz freiwillig, vor allem um fit zu bleiben, was technische Neuheiten betrifft. Die Entwicklung geht da so schnell“, erklärt der 46-Jährige. Buchstäblich alles, was der Mensch errichtet hat, dürfe er nun erklimmen: Windkraftanlagen, Schornsteine, Gebäude.

Kein Baumkletterer zähle, wie oft am Tag er nach oben steige. Das könne auch ganz unterschiedlich sein. Die Pflege eines Naturdenkmals, etwa einer riesigen Eiche, könne einen ganzen Tag beanspruchen. „Und da hat man schon mal zwei Stunden an einer Stelle zu tun, ohne nach unten zu gehen“, so Friz. Seine Rekordhöhe wisse er jedoch. „Das waren knapp 60 Meter in Kiekindemark bei der Ernte von Douglasiensaat.“ So weit nach oben muss Friz garantiert nicht, wenn an der B 104 die Hubbühne nicht ausreicht.

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