Sternberg : Portugiesin ein Jahr in Sternberg

Teresa Ferreira aus Portugal (2.v.l.) arbeitet seit gut einem Jahr bei Matthias Ratke in der Stern-Apotheke Sternberg. Cornelia Behnisch, Geschäftsstellenleiterin bei der Agentur für Arbeit in Parchim (r.), und Astrid Becker vom Arbeitgeberservice sehen das als praktikable Lösung, wenn sich für eine freie Stelle in einem so genannten Mangelberuf keine Fachkraft aus Deutschland findet.
Teresa Ferreira aus Portugal (2.v.l.) arbeitet seit gut einem Jahr bei Matthias Ratke in der Stern-Apotheke Sternberg. Cornelia Behnisch, Geschäftsstellenleiterin bei der Agentur für Arbeit in Parchim (r.), und Astrid Becker vom Arbeitgeberservice sehen das als praktikable Lösung, wenn sich für eine freie Stelle in einem so genannten Mangelberuf keine Fachkraft aus Deutschland findet.

Die ausgebildete Apothekerin aus der Hauptstadt Lissabon fand hier über die Arbeitsagentur einen Job und mit der Familie ein neues Zuhause.

svz.de von
21. November 2015, 16:00 Uhr

Besser können sich zwei Interessen aus entgegengesetzter Richtung kaum treffen: Apotheker Matthias Ratke suchte schon längere Zeit eine Fachkraft – über die Agentur für Arbeit, spezielle Vermittlungsportale und private Stellenvermittler. Ihm wurde aber bald klar, dass für den ländlichen Raum wenig Interesse besteht. Deshalb entschied sich der Sternberger, seine Suche auf das Ausland auszudehnen, nahm Kontakt zur zentralen Arbeitsvermittlung in Bonn auf. Diese hält in EU-Ländern Ausschau nach Fachkräften, wenn dafür in Deutschland Mangel besteht. Wobei die Messlatte hoch liegt. Die Zahl der bei der Arbeitsagentur gemeldeten freien Stellen und die Dauer ihrer Vakanzzeit sind die Hauptkriterien für so genannte Mangelberufe, erklären Cornelia Behnisch, Geschäftsstellenleiterin bei der Agentur für Arbeit in Parchim, und Astrid Becker vom Arbeitgeberservice. Er hatte Glück, sagt der Sternberger, dass das 2014 noch für Apotheker galt, in diesem Jahr aber seines Wissens nicht mehr.

Anfänge in Deutsch mit neun Jahren
Zur gleichen Zeit, als Ratke händeringend eine Fachkraft suchte, bemühte sich Teresa Ferreira aus Lissabon um einen Arbeitsplatz. In Portugal waren die Aussichten seit längerem alles andere als rosig. Die ausgebildete Apothekerin war 2010 schon einmal nach England gegangen und hatte bei einer Kette mit einigen tausend Filialen gearbeitet, war nach zehn Monaten aber zurückgekehrt, weil sie dort nicht richtig Fuß fassen konnte. Die Situation in ihrem Heimatland verschärfte sich ab 2012/13 aber eher, so dass erneut die Frage stand, es im Ausland zu versuchen. England, wohin sehr viele ihrer Landsleute wechseln, sollte es möglichst nicht noch einmal sein. Die Wahl fiel auf Deutschland; die Sprache konnte sie „ein bisschen “, wie die Portugiesin selbst sagt. Eine Freundin ihres Bruders habe ihr die Anfänge beigebracht, als sie neun Jahre war. „Ich habe das lustig gefunden.“ Von der fünften bis neunten Klasse folgte Deutschunterricht in der Schule, mit einem Gymnasium hier vergleichbar.

Per E-Mail gingen Ratkes Kontaktdaten nach Lissabon und die Ferreiras zurück. Dann kam der 10. Juni 2014: „Ich wunderte mich, einen Anruf in deutscher Sprache zu bekommen. Bei uns war Feiertag“, erinnert sich die Portugiesin. Im Monat darauf reiste sie mit Ehemann und Tochter zum Kennenlernen nach Sternberg. Nein, ein Kulturschock sei das keineswegs gewesen, von einer Metropole in das kleine Städtchen zu kommen, sagt die fröhliche Frau auf eine diesbezügliche Frage. Ihr künftiger Chef habe sie vorab gut informiert. Das sei ein Gebot der Fairness gewesen, meint dieser, denn so ein Flug koste viel Geld, deshalb sollte klar sein, was sie hier erwarte.

Anfangs nicht leicht mit einigen Steinen am Weg
Die kleine Familie habe ohnehin mit einer Wohnung im Grünen, abseits vom Großstadttrubel, geliebäugelt, sagt die 46-Jährige. Dort seien die Mieten teuer und gäbe es auf den Straßen ständig Staus. Und die Vorteile der Großstadt habe sie kaum nutzen können. „Für Kultur fehlte die Zeit und für manches andere das Geld.“

Seit Oktober vorigen Jahres arbeitet die Portugiesin in der Stern-Apotheke. Die Approbation in Rostock sei kein Problem gewesen. Innerhalb der EU würden Berufsabschlüsse gegenseitig anerkannt, weiß Matthias Ratke. Seit diesem Jahr werde jedoch eine Sprachprüfung verlangt, bei der die Fachbegriffe im Fokus stehen. Es sei die richtige Entscheidung, aber anfangs nicht leicht gewesen „mit einigen Steinen am Weg“, resümiert die Portugiesin nach gut einem Jahr. Vor allem die Unmenge an Formalitäten sei gänzlich neu für sie gewesen. Ihr Chef habe sie dabei intensiv unterstützt ebenso wie bei Alltagsfragen. „Wir haben uns zwei, drei Tage Zeit genommen, die Checkliste abgearbeitet, die es von der zentralen Arbeitsvermittlung gibt, und einiges darüber hinaus“, erklärt Ratke. Jeder, der solchen Weg wie er gehe, müsse sich darauf einstellen. Sich in einer Apotheke einzuarbeiten, sei indes „komplex und besonders schwierig“, wie die sich ständig ändernden Rabatte zwischen Krankenkassen und Pharmaunternehmen. Etwa ein Jahr habe das alles gebraucht. „Wir hatten das unterschätzt“, doch nun seien beide sehr zufrieden.

In Sternberg hat Teresa Ferreira mit ihrer Familie ein neues Zuhause gefunden. An eine Rückkehr nach Portugal denkt sie derzeit überhaupt nicht. Katarina (5) gehe in die Kindertagesstätte „Sonnenschein“ am Finkenkamp und könne inzwischen besser Deutsch als die Mama. Zu Hause spreche sie beide Sprachen, denn Portugiesisch solle die Kleine nicht ganz verlieren. Nun möchte der Ehemann, der als Softwareentwickler von hier für ein Unternehmen in Portugal arbeitet, Deutsch lernen.

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