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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

24. Oktober 2017 | 09:31 Uhr

Brüel : Pfeil und Bogen wie in früher Zeit

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Die Arbeitsgemeinschaft an der Regionalen Schule Brüel hält sich bei Material und Bauart an Vorbilder aus dem Mittelalter.

svz.de von
erstellt am 17.Jun.2014 | 16:28 Uhr

Spannend fand Axel Just den Umgang mit Pfeil und Bogen schon seit langem. Doch Sportbögen aus Fiberglas, die es zu kaufen gibt,
interessierten ihn weniger. Es sollte schon was Traditionelles sein wie bei den Altvordern, die damit auf die Jagd gingen oder das leider auch auf dem Schlachtfeld gegeneinander benutzten.

Just machte sich zu dem Thema schlau, schaute bei Mittelaltertreffen, ob in Groß Raden oder auf dem Burgfest in Neustadt-Glewe, genau hin, verfolgte Fernsehsendungen zur Historie und fing zu Hause an zu bauen. „Den letzten Schliff“ habe er sich bei Kunsttischler Joachim Behrens geholt, der in Rothen Kurse im historischen Bogenbau anbietet – um sprichwörtlich den Bogen heraus zu haben. Die bekannte Redewendung habe hier ihren Ursprung.


Zum Bauen keine elektrischen Geräte


Mit Axt, Ziehmesser und Raspel werde das Grobe erledigt, bevor es mit feinerem Werkzeug weitergehe. Auch wenn die Arbeit auf diese Art länger dauere und Schweiß treibender sei, „Elektrisches kommt nicht in die Hand, das passt nicht zusammen“, sagt Just aus Überzeugung.

An der Regionalen Schule in Brüel betreut er inzwischen die Arbeitsgemeinschaft (AG) Bogenbau. Seit Oktober 2013 – „mit kreativen Pausen“ wegen Ferien und Krankheit – treffen sich fünf bis sechs, manchmal weniger Fünft- und Sechstklässler donnerstags nach der Schule im Werkraum, darunter Justs zwölfjähriger Sohn Maximilian, der vieles von zu Hause kennt. Es gäbe an der Schule auch andere interessante AGs, und vielen Kindern würde handwerkliche Betätigung leider wenig liegen, deshalb nimmt Axel Just, von Beruf Kraftfahrer und die AG ehrenamtlich leitend, die Teilnehmerzahl gelassen.

Tom Eugen Steffens aus der 5 b ist hellauf begeistert und fehlt kaum. „Meine Oma hatte früher Bögen, sie war im Schützenverein“, erzählt der Elfjährige. Schade, als er etwa ein Jahr gewesen sei, habe sie aufgehört, doch die Faszination sei irgendwie erhalten geblieben. Selbst geschossen hat der Fünftklässler deshalb noch nie, erst jetzt, als die ersten Bögen fertig sind. Tom Eugen hat sich schon für das Sommercamp in der ersten Ferienwoche am Roten See angemeldet. Dort werde auch mit Pfeil und Bogen geschossen, freut sich der Brüeler Schüler schon.

Das Holz der Bögen stammt von der Rotangpalme, vielleicht besser bekannt als Rattanpalme, gewachsen in Indonesien. Es erreiche eine Länge von 30 Metern. Der Hobby-Bogenbauer hat es über einen Händler im Internet bestellt. Dieses Holz sei besonders flexibel und leicht. Eibe, Robinie, Ulme, Esche, Holunder, Haselnuss kämen ebenso in Frage wie amerikanische Baumarten. Es sei wichtig, das Holz zu kennen, meint Just. Denn das könne durchaus kaputt gehen, wenn der Bogen überspannt werde – ein weiteres Sprichwort. Bei den Schülern gäbe es mehrere Lerneffekte, bei handwerklichen Fertigkeiten ohnehin. Der Bogenbau sei eine Art Werkunterricht, er schule, wie richtig angezeichnet und Holz bearbeitet werde.

Die Armlänge gibt vor, wie weit der Schütze den Bogen ausziehen kann. Danach wird gebaut. Gerate der Bogen zu klein, könne er womöglich zu weit ausgezogen werden und zerbrechen, sei er zu groß, würde der Schütze ihn kaum richtig spannen können.

Um einen Rohling zu erhalten, hier etwa 1,5 Meter lang, wird der Stamm aufgeviertelt. Als Anhaltspunkte dienen die Jahresringe. Dann wird die Mitte mit einer Linie angezeichnet. Holz wachse nun mal nicht gerade wie am Lineal. Anhand der Mittellinie werden Griffposition und Dicke des Bogens festgelegt und ausgearbeitet, bevor die Sehne provisorisch befestigt wird. Ist der Bogen zu stark, muss noch eine Schicht herunter. „Alles in kleinen Schritten, maximal Millimeter für Millimeter. Man muss immer wieder tasten. Zu schwach darf der Bogen auch nicht werden. Nach außen verjüngt er sich schön gleichmäßig“, erklärt Just.


Schösslinge als Pfeile – auf dem Grill behandelt


Nun beginnt die Feinarbeit. Die Nocken, in denen die Sehne eingehängt wird, müssen rund sein, die Kanten ebenso. Sonst speichert sich dort Energie, so dass ein Span abgehen oder der ganze Bogen splittern könnte. Die Verstärkung der Nocken wird eingeklebt und glatt geschliffen. Sie besteht aus „schönem Naturmaterial vom Hirschgeweih“. Der Griff erhält eine kleine Pfeilauflage. Die habe es früher nicht gegeben, weil über den Handrücken geschossen wurde, hilft aber Einsteigern. Der Griff wird mit Paketschnur umwickelt, mit Bienenwachs griffiger gemacht, hell oder dunkel gebeizt und mehrfach geölt. Die Sehne wird aus dünnen Fäden gedreht, die es zu kaufen gibt, Synthetikmaterial oder Schuhmachergarn. Hier sind es acht Stränge, woanders zwölf, zum Schluss mit einem Zimmermannsknoten befestigt. Als Pfeile dienen Haselschösslinge, mit trockener Hitze, wenn das Fleisch vom Grill ist, oder im Winter auf dem Kamin behandelt. Die
Federn stammen von Gänsen.

Drei Bögen sind fertig, zwei sollen noch bis zu den Ferien folgen.

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