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Raritäten des „Sternberger Kuchens“ : Nicht ansteckend – die Seepocken

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Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Teil 23: Wie kleine Minivulkane sitzen ihre Gehäuse in dicht besiedelten Kolonien an Steinen, Buhnen und Hafenanlagen.

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erstellt am 05.Aug.2017 | 05:30 Uhr

Bei einem Spaziergang an Nord- und Ostsee sind sie allgegenwärtig. Wie kleine Minivulkane sitzen ihre fast radiärsymetrischen, weißlichen kalkigen Gehäuse in dicht besiedelten Kolonien an Steinen, Buhnen und Hafenanlagen in der Gezeiten- bzw Brandungszone. Außerdem findet man sie häufig aufgewachsen auf Schneckengehäusen, Muschelschalen, Krebspanzern sowie anderem Treibgut an den Stränden. Auch Schiffsrümpfe, Meeresschildkrötenpanzer und selbst Walkörper bleiben nicht von ihrer Besiedlung verschont.

Es sind Vertreter der rein marin lebenden und seit dem Oligozän (34 Millionen Jahren) auftretenden Familie der Seepocken (Balanidae), die heute mit vielen Arten überwiegend im Küstenbereich aber auch in größeren Wassertiefen in allen Weltmeeren verbreitet sind.

Aus dem Sternberger Gestein (vor 28 bis 23 Millionen Jahre) sind nur zwei Balanidenarten sicher belegt, die zudem, in der Regel aufgewachsen auf Schneckengehäusen oder Muschelschalen, äußerst selten gefunden werden. Die Abbildung zeigt ein in der Kiesgrube Kobrow gefundenes Handstück aus der Sammlung Thiede, Parchim, das mehrere, etwa 0,5 cm große Exemplare (vermutlich Ballanus stellaris) aufgewachsen auf der Schale einer Pectenmuschel aufweist.

Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts gelang es aufgrund des mit anderen Krebstieren (Crustacea) identischen Larvenstadiums (Nauplius), die Zugehörigkeit der Seepocken zu eben diesem Stamm nachzuweisen. Damit sind sie entfernte Verwandte von Hummer und Languste und werden unter der Klasse der Rankenfüßer (Cirripedia) beschrieben.

Im Gegensatz zu ihren Verwandten haben sich die Rankenfüßer nach ihren larvalen, freischwimmenden Nauplius- und Cyprisstadien jedoch für ein weiteres ortsgebundenes Leben entschieden.

Nachdem die Larven ein festes, ihnen zusagendes Substrat gefunden haben, wegen der Fortpflanzung möglichst mit Artgenossen in der Nähe, heften sie sich kopfüber an den gewählten Standort an, drehen ihren Rücken zum Boden und beginnen sich in einem mehrteiligen, verschließbaren Kalkkegel (je nach Art mit vier bis sechs Wandplatten) einzuzementieren.

Unfähig zu aktiver Fortbewegung ist die Entscheidung über die richtige Standortwahl nun existenziell für den Krebs. Denn ab sofort sind Strömung, Temperatur und weitere Umweltfaktoren wichtig für die Ernährung der Seepocken. Mit den borstigen, kammartig verbreiterten und wie eine Reuse wirkenden Beinen (Rankenfüße), die rhythmisch aus dem Gehäuse hervorgestreckt werden, erfolgt die Filtration des Wassers und damit die Aufnahme von Kleinorganismen und suspendierter Partikel.


Echte Plage in der Seeschifffahrt


Aufgrund ihrer hohen Reproduktionsrate und ihrer optimalen Anpassung selbst an schwierige Umweltbedingungen werden die Seepocken besonders in der Seeschifffahrt zu einer echten Plage. Schon nach wenigen Monaten können Schiffsrümpfe vollständig von ihnen bewachsen sein, was eine deutliche Erhöhung des Wasserwiderstands der Schiffe bedingt und damit einen höheren Treibstoffverbrauch, verbunden mit zusätzlichen CO2-Emissionen.















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