Förderschule Sternberg : Morgens spielt das Müllorchester

Alle Instrumente stammen aus verwertbarem Haushaltsabfall. Denn in der Projektwoche der Sternberger Förderschule heißt das Thema der Mittel- und Oberstufe: Wir machen was aus Müll. Jeden Morgen spielen Marcel, Toni, Anja, Lucas, Noren, Pauline (v.l.), Mädchen und Jungen zwischen elf und 15 Jahren, als  Müllorchester, um sich spaßig in Schwung zu bringen. Rüdiger Rump
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Alle Instrumente stammen aus verwertbarem Haushaltsabfall. Denn in der Projektwoche der Sternberger Förderschule heißt das Thema der Mittel- und Oberstufe: Wir machen was aus Müll. Jeden Morgen spielen Marcel, Toni, Anja, Lucas, Noren, Pauline (v.l.), Mädchen und Jungen zwischen elf und 15 Jahren, als Müllorchester, um sich spaßig in Schwung zu bringen. Rüdiger Rump

Projektwoche an der Sternberger Förderschule: In der Mittel- und Oberstufe, das sind Schüler zwischen elf und 15 Jahren, heißt es: Wir machen was aus Müll. Und morgens spielt das Müllorchester.

svz.de von
22. März 2013, 10:44 Uhr

Sternberg | Das Trommeln dringt bis auf den Flur. Doch es klingt anders als gewohnt. Kein Wunder, die Musikanten benutzen keine herkömmlichen Instrumente, sondern leere Behälter, die Salate, Würstchen oder Getränke enthielten.

Alles, worauf die Mädchen und Jungen im Rhythmus schlagen, besteht aus Müll, der fast täglich zu Hause oder in der Schulküche anfällt. Das Müllorchester, wie es die Akteure selbst fröhlich nennen, spielt jeden Morgen und stimmt in den Tag ein. Im Schulteil geistige Entwicklung der Sternberger Förderschule läuft seit Montag die jährliche Projektwoche. In der Mittel- und Oberstufe, das sind Schüler zwischen elf und 15 Jahren, heißt es: Wir machen was aus Müll.

Gab es bislang ein einheitliches Thema für alle, so hat jetzt zum ersten Mal jede der drei Altersstufen ein eigenes, erklärt Schulleiterin Annett Laß. Die Klassen hätten darüber gesprochen und es dann selbst bestimmt. In der Unterstufe, das sind Kinder von der Einschulung bis zum Alter von zehn, elf Jahren, steht die Feuerwehr im Mittelpunkt, in der Klasse der Abschlussstufe die Landwirtschaft der Region vom Agrar- und Kutschen museum über einen Bauernhof bis zum typischen Mittagsgericht.

Die Sonderpädagogen Simone Pohl und Grit Zelinski sowie Eleonore Grikschas und Sonja Böhnemann, Pädagogen mit sonderpädagogischem Auftrag, wie die Berufsbezeichnung heute exakt lautet, haben ihre Arbeit so organisiert, dass sie in der Projektwoche vollzählig in der Sternberger Klasse sind. Das Besondere an der Förderschule bestehe darin, vor allem lebenspraktische Fähigkeiten zu vermitteln, sagt Pohl. Lesen, schreiben oder rechnen lernen, ordne sich im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung unter. "Deshalb haben wir für die Projektwoche ein Thema gesucht", fügt Zelinski an, "das die Schüler anspricht und ermöglicht, dass sie sich selbst betätigen. Jeder von ihnen muss was zu tun und Spaß dabei haben."

Schon zwei, drei Wochen vorher haben die Schüler begonnen, eifrig Müll zusammenzutragen, von zu Hause oder aus der Schulküche, wenn es beispielsweise als Nachtisch Joghurt gab. Alles wurde im Keller gesammelt. "Wir mussten am Ende schon bremsen, damit der Müllberg dort nicht zu groß wird", erzählt Simone Pohl schmunzelnd.

Dann wurde alles durchgesehen und überlegt, was aus dieser Ansammlung verwendbar ist - und was daraus entstehen könnte. Das Müll orchester war am ersten Vormittag ausgerüstet und spielte gleich auf, begleitet von gesprochenen Texten zum Thema. In zwei Gruppen ging es weiter. Eine bastelte einen Bauernhof unter anderem aus Schuhkartons, Eierpackungen, Dosen, Jog hurtbechern, Tetrapacks, Schaumstoffresten, Waschmittelbehältern... "Wir haben gestaunt, was daraus machbar ist", so Zelinski, die sich vor allem um diesen Teil kümmerte.

In der Theorie ging es darum, den Müll zu trennen und entsprechend zu entsorgen, bis heute eine leidige Angelegenheit mancher Haushalte. Was wohin gehört, ob in gelben Sack, Flaschencontainer oder Mülltonne, fanden die Schüler, die lesen können, auf beschrifteten Schildern, für die anderen hatte Simone Pohl Piktogramme angefertigt. "Das Zuordnen hat bestens geklappt", freut sich die Pädagogin. Müll zu trennen, sei eben eine von vielen lebenspraktischen Fähigkeiten, die die Schule vermitteln wolle. Von zu Hause würden das einige nicht kennen. "Wir haben uns umfangreich mit dem grünen Punkt befasst und dabei festgestellt, dass der manchmal auch blau oder schwarz ist", so Pohl. Oder auch das: Blaue Flaschen gehören mit in den Container für grünes Glas, hatte sich die Lehrerin zuvor belesen. Eine weitere Rolle spielte, wie und welcher Müll vermeidbar ist; indem zum Beispiel ein Behälter mehrfach verwendet oder statt eines Kunststoff- ein umweltfreund licher Textilbeutel genommen wird.

Anja und Noren schlüpfen in gelbe Säcke und finden das richtig lustig.

Lucas hat sich mit recyceltem Toilettenpapier kostümiert und bekommt für seine Ausdauer nach dem Trommeln ein besonders großes Stück Kuchen. Den hat die Klasse selbst gebacken - Schimmelkuchen. Was so unappetitlich klingt, ist ein leckerer Käsekuchen mit blau und grün gefärbten Streuseln. Auf diese Idee wie auf die Schlammgrütze aus Wackelpudding kamen die Schüler durch das Kinderbuch über die Olchis, die auf Müll leben und sich von dem ernähren. Die Geschichte stand auch bei einem Mittagsgericht Pate: Pommes, Chicken Wings, grüner Salat, Ketchup zusammen in einer Mülltüte und kräftig durcheinander geschüttelt. Was sonst kaum jemand macht, fanden die Schüler klasse.

Der Besuch auf dem Sternberger Bauhof, um über Müllentsorgung zu sprechen, fiel aus, weil die Mitarbeiter unerwartet im Winterdienst eingespannt waren, wird aber später nachgeholt.

Die Pädagoginnen, die ihrem Beruf spürbar mit ganzem Herzen nachgehen, sind am Ende der Projektwoche begeistert. "Sie hat viel gebracht. Es ist wunderbar, wie sich die Schüler motivieren lassen", so Pohl. Nach den Osterferien werde manches wiederholt und die Projektwoche anhand von Bildern nachbereitet. "Da werden wir feststellen, dass vieles hängen geblieben ist", ist Grit Zelinski überzeugt. Die Probe aufs Exempel werde sein, wenn die Schüler den für die Projektwoche gesammelten Müll dann exakt getrennt entsorgen. Heute, am letzten Tag vor den Ferien, endet die ereignisreiche Woche mit dem Osterprojekt für beide Schulteile.

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