Neuhof : Moderator für Bibower Neustart

Was in eine Reportage aus der Gemeinde gehört, wurde gemeinsam zu Papier gebracht. An einem Tisch betätigt sich Prof. Dr.-Ing. Henning Bombeck (2.v.l.) als Schreiber.
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Was in eine Reportage aus der Gemeinde gehört, wurde gemeinsam zu Papier gebracht. An einem Tisch betätigt sich Prof. Dr.-Ing. Henning Bombeck (2.v.l.) als Schreiber.

Bei Schule der Landentwicklung im Gemeindehaus „Alte Schmiede“ treten fehlende Kommunikation und Konflikte offen zutage

svz.de von
09. Juni 2018, 16:00 Uhr

Die Gräben sind tief, es gibt unter den Einwohnern der Gemeinde Bibow mehrere Lager, die kaum miteinander reden. Und wenn, dann hagelt es massiv Vorwürfe aus einer Richtung, ob berechtigt oder nicht, sei dahingestellt, vor allem gegenüber Bürgermeister Detleff Lukat. Der scheint sie mehr oder weniger gelassen wegzustecken. Statt Mit- herrscht eher Gegeneinander. Dieses Bild zeigte sich auch am Donnerstagabend, als die Schule der Landentwicklung MV im Gemeindehaus „Alte Schmiede“ in Neuhof zu Gast war. Das hatten die Moderatoren Prof. Dr.-Ing. Henning Bombeck von der Universität Rostock und Regionalplanerin Dr. Ute Fischer-Gäde so allerdings nicht erwartet, bekannten sie, nachdem es anfangs gar nicht danach aussah.

Annähernd 20 Teilnehmer bei bestem Garten- oder Terrassenwetter würden für großes Interesse sprechen, so Bombeck. Mancherorts seien nicht einmal zehn Einwohner gekommen. Und alle fünf Dörfer – Bibow, Neuhof, Dämelow, Hasenwinkel und Nisbill – waren vertreten, wenn auch teils nur einzeln. Es gebe Treffpunkte, Veranstaltungen und engagierte Einwohner, „das hat man nicht überall“, konstatierte Bombeck nach einer kurzen Fragerunde zum Auftakt und machte Mut.

Er habe bislang rund 150 Veranstaltungen dieser Art im ganzen Land durchgeführt. Die Schule der Landentwicklung, die es seit fünf Jahren gebe, sei eine Initiative des Schweriner Landwirtschaftsministeriums und werde von der EU gefördert. Sie will Strategien oder zumindest Lösungsansätze für ländliche Räume im demografischen Wandel entwickeln, die sich auf das Engagement der Bürger stützen. „Wir bringen kein Geld mit“, stellte Bombeck klar, „aber viele Ideen.“

Als Hintergrund führe er zunächst „hinab ins Jammertal“: Bevölkerungsrückgang in den Dörfern, Abwanderung junger Leute, zunehmende Einsamkeit älterer Menschen, schmerzlicher Strukturwandel in der Landwirtschaft, schwindendes Interesse am Dorfleben. Umso wichtiger seien „Vereine und Ehrenamt als Stützen des Miteinander“. Und dazu gute Nachbarschaft, die natürlich gepflegt sein wolle, indem man miteinander spreche. Wo das nicht geschehe, „liegt was im Argen“.

Dann waren in unterhaltsamer Art wieder die Einwohner an der Reihe. Sie sollten sich an den drei Tischen so zusammensetzen wie sonst eigentlich nicht und aufschreiben, was in eine Reportage aus Bibow gehöre, forderte Fischer-Gäde auf. Was auf den drei großen Blättern Papier stand, war vielfältig: Dorfkirche Bibow als ältestes Gebäude, wo auch Vorträge und Konzerte stattfinden, Schloss Hasenwinkel, das überregionale Kinder- und Familienfest dort, Dorfgemeinschafts- und Vereinshaus in Neuhof, Bibower See und Umgebung, neuer Kinderspielplatz im Strandbad Nisbill, Gemeinde- und Erntefest, aktive Zugezogene, Radweg-Initiative, Herrenhäuser in mehreren Ortsteilen, Pilgerweg zum Kloster Tempzin, Handwerk, Dexter-Rinder, Schafe – und „mein Grundstück“. Über die Infrastruktur gab es geteilte Meinungen. Eine intakte Landesstraße, die alle fünf Dörfer verbindet, reiche nicht, widersprach Barbara Reimer dem Bürgermeister. Außerdem seien dort zu viele Leitplanken und es fehle ein Radweg, bekräftigte sie darauf in einem gestellten Interview, das Bombeck mit ihr führte. Die Zuhörer waren aufgefordert, daraus in Stichpunkten kritische Themen zu notieren. Die Zettel kamen an eine Tafel. Mit weitem Abstand vor dem Unmut, dass der Radweg zwischen Ventschow und Warin, der schon vor Jahren zugesagt, aber noch immer nicht gebaut wurde, rangierte, dass es in der Gemeinde kaum Kommunikation und Miteinander gebe. Eine wesentliche Ursache seien persönliche Befindlichkeiten. „Viele können nicht miteinander“, so Reimer. Und prompt reihten sich wieder Vorwürfe aneinander.

Prof. Bombeck und Fischer-Gäde behielten besonnen und mit der Erfahrung aus zig Veranstaltungen das Zepter in der Hand, lenkten die Diskussion zu Überlegungen, wie die zerstrittenen Lager zueinander finden könnten. Das bedinge die Bereitschaft von beiden Seiten und man müsse „Interesse aneinander“ haben, so Bombeck. Allein würden die Bibower das nicht schaffen, das schien schnell allen klar. Zu einseitig seien die Anschauungen. Dadurch käme es immer wieder zu Konflikten. Es werde ein erfahrener Moderator von außen gebraucht, um die vorhandenen Vorurteile und Diskrepanzen zu überwinden. Wobei das sicher nur in kleinen Schritten gehe. Aber so gab es am Ende des dreistündigen Gesprächsabends einen gemeinsamen Nenner – einen Moderator in die Gemeinde zu holen, der sie unterstützt, „die Kommunikation zu verbessern, das Miteinander zu stärken und eine Zukunftsdiskussion in Gang zu setzen“.

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