Warin : Mit Ungeduld gegen Barrieren

Wolfgang Griese freut sich über diese moralische Anerkennung: Der Landkreis Nordwestmecklenburg hat sein ehrenamtliches Engagement für Menschen mit Behinderungen mit einer Ehrennadel gewürdigt.
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Wolfgang Griese freut sich über diese moralische Anerkennung: Der Landkreis Nordwestmecklenburg hat sein ehrenamtliches Engagement für Menschen mit Behinderungen mit einer Ehrennadel gewürdigt.

Für den Wariner Wolfgang Griese müssen beim behindertengerechten Bauen alle Parameter erfüllt sein. Er erhielt für sein ehrenamtliches Engagement die Ehrennadel des Landkreises Nordwestmecklenburg.

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27. September 2017, 21:00 Uhr

Er blieb sitzen, als „Herr Griese“ nach vorn gebeten wurde, um die Ehrennadel des Landkreises Nordwestmecklenburg entgegen zu nehmen. Sohn Björn war auch im Saal und vielleicht noch ein dritter Griese, habe er gedacht. Als Vorsitzender des Beirates für Menschen mit Behinderungen werde er immer „zu Festivitäten“ des Landkreises eingeladen. Erst als von hinten gerufen wurde, „Wolfgang, du bist gemeint“, sei er aufgestanden, erzählt Wolfgang Griese schmunzelnd. Dass er auf dem Jahresempfang ausgezeichnet wurde, habe ihn „total überrascht“ und er nicht mal einen dunklen Anzug angehabt. „Ich war sprachlos, das ist alles hinter meinem Rücken passiert.“

Über vier Jahrzehnte war der Wariner meist gleichzeitig Stadtvertreter und Mitglied des Kreistages, „nie bequem, sondern ein unruhiger Geist“, wie er von sich sagt. Er sei auch sportlich gewesen, habe „zwei Treppenstufen auf einmal genommen“. Doch dann habe ihn „mit 39 Jahren die Krankheit erwischt“, Verdacht auf Multiple Sklerose, „von der man nicht weiß, woher sie kommt und wie man sie wegkriegt“. Die sei Anlass für eine weitere ehrenamtliche Tätigkeit gewesen. Die damalige Vorsitzende des Behinderbeirates und -verbandes in Grevesmühlen habe ihn angesprochen, es werde ein Fachmann für barrierefreies Bauen gebraucht. Wolfgang Griese ist Diplom-Ingenieur für Bauwesen, hat von 1966 bis 1971 in Weimar studiert, zu der Zeit zwar „nie was von barrierefreiem Bauen gehört“, war aber bis zur Altersrente „noch eingeschränkt beruflich tätig“. Die Mitglieder des Behindertenbeirates bestätigt der Kreistag, und sie wählen dann ihren Vorsitzenden. Das liegt für den Wariner rund 20 Jahre zurück.

Es habe im Landkreis von Anfang an eine gute Zusammenarbeit gegeben, „bei allen Ecken und Kanten“. Offenbar sei erkannt worden, dass die Menschen älter und damit die Anforderungen an barrierefreies Bauen höher werden. Als Mensch, der „sehr ungeduldig ist“, hätte für ihn manches schneller gehen sollen. Wolfgang Griese beruft sich stets auf die UN-Behindertenrechtskonvention, Anfang Mai 2008 in Kraft getreten und seit März 2009 geltendes Recht in Deutschland, die nach einst Exklusion, dann Separation und Integration Inklusion fordere. Diese verpflichte die Gesellschaft, sich in jeder Hinsicht um die Menschen zu kümmern, und barrierefreies Bauen sei ein Standbein. „Das ist meine Bibel“, sagt der Wariner und hält ein Plädoyer, dass alle Parameter erfüllt sein müssen. „Altersgerecht oder barrierearm ist Unsinn“, eine Wohnung müsse für jede Art von Behinderung hergerichtet sein, damit dort jemand nach einem Schlaganfall genauso klar komme wie zuvor ein Blinder. Es dürfe keine Schwellen geben, Türen sollten mindestens einen Meter breit sein, wobei nur 90 Zentimeter vorgeschrieben seien; ein tieferer Türdrücker, um auch im Rollstuhl sitzend heranzureichen, oder ebenerdige Duschen müssten ebenso Normalität sein, meint Griese. Es seien „alles Kleinigkeiten, aber mit großer Wirkung“, und die Mehrkosten würden lediglich 0,2 bis 0,5 Prozent der gesamten Baukosten ausmachen.

Es habe den Satz gegeben, Denkmalpflege beugt Barrierefreiheit. Diese Barriere in den Köpfen sei zum Glück überwunden, es gebe „wunderbare Kompromisse“ sagt Griese und nennt das Schabbellhaus in Wismar. „Es wurden Ebenen geschaffen, so dass kein Behinderter diskriminiert ist.“ Er wünsche sich, dass der Behindertenbeirat noch mehr in den frühen Phasen der Planung einbezogen und wie von Trägern öffentlicher Belange eine Stellungnahme eingeholt werde. So ließen sich teurere Veränderungen im Nachhinein vermeiden. Bei der Abnahme der Weißen Wieck in Boltenhagen zum Beispiel habe der Beirat nicht unterschrieben, erst nachdem zehn Unterkünfte behindertengerecht umgebaut worden seien. Beim Neubau des Bahnhofs Bad Kleinen seien die Fahrstühle zu klein geplant worden, was noch rechtzeitig zu ändern sei. In die Wariner Stadthalle, durch Umbau der alten Turnhalle entstanden, führen drei Stufen, nennt Griese als weiteres Beispiel. Hier werde nun von hinten eine Schräge nachgerüstet. Beim Bau der neuen Kita in Warin verlange der Beirat einen Fahrstuhl, mit dem Behinderte ins Obergeschoss gelangen. Nur so würden Fördermittel ausgereicht. Auch der geplante Neubau am Badestrand müsse barrierefrei sein, sonst sei das Diskriminierung. „So deutlich bezeichne ich das“, sagt Griese. Oder: Der öffentliche Nahverkehr müsse Niederflurbusse haben und dazu kompatible Haltestellen. Beides werde zu 70 Prozent gefördert.

Der Wariner steht mit ganzem Herzen hinter dem, was er sagt, auch in seinen weiteren Ehrenämtern, ob gerade im Wahlausschuss des Amtes, als sachkundiger Bürger im Wirtschaftsausschuss der Stadt, bei der Albanien-Hilfe für die vielen elternlosen Kinder oder als er in Warin den Runden Tisch zur Hilfe von Flüchtlingen initiierte.

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