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Erdholländermühle in Ruchow : Mit Präzision Haube abgenommen

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Die Ruchower Windmühle stand kurz vor dem Verfall und wird jetzt aufwändig saniert. Landesweit gibt es nur noch 80 von einst 2300 Mühlen.

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erstellt am 25.Apr.2016 | 21:00 Uhr

Die Spannung wächst: Halten die alten Balken das enorme Gewicht aus? Es könnten um die 15 Tonnen sein, schätzt Björn Dauterstedt. Ihm und seiner Lebensgefährtin Stephanie Pásztor, gebürtige Dresdner, die jetzt am Niederrhein leben, gehört die Ruchower Erdholländermühle seit Juli vorigen Jahres. Die stand vor dem Verfall, die neuen Besitzer wollen sie nach historischem Vorbild sanieren. „Es ist wirklich kurz vor Ultimo, aber eine von wenigen Mühlen in dem Zustand, bei denen sich der Aufwand lohnt“, meint Ingo Arlt vom Mühlenverein MV. Als Eigentümer der Zwillingswindmühlen in Neu Vorwerk bei Gnoien weiß er, wovon er spricht.

Punktgenau auf Holzböcken abgesetzt

Mit Fotoapparaten in den Händen wird das Geschehen von unten beobachtet. Mühlenbauer Martin Wernicke klettert auf die Haube, um die vier starken Gurte am Kranhaken in den vorbereiteten Laschen zu befestigen. Die Holzschindeln sind rissig, niemand beneidet ihn. Die Balken hat der Mühlenbauer vorher gründlich begutachtet, aber ins Holz hineinsehen konnte er freilich nicht, gibt Dauterstedt zu bedenken. „Es bleibt ein Risiko, ob sie das Herunterheben vertragen.“

Der Motor des Kranautos wird lauter, die Gurte straffen sich, im Gebälk der Mühle knirscht es. Jetzt kommt der entscheidende Moment: Der Ausleger hebt die Haube langsam an und schwenkt sie zur Seite. Nichts weiter passiert; auch als der Mühlenkopf ganz in der Luft schwebt, halten die Balken den starken Druck aus. Wernicke, der sich seine innere Anspannung keinen Augenblick anmerken lässt, dirigiert völlig ruhig den Mann im Fahrerhaus. Dieser setzt seine Last im Drehbereich des Krans punktgenau auf Holzböcken ab. „So haben wir uns das vorgestellt“, sagt Holger Kuligowski von H. N. Krane, eine 1993 gegründete „ostdeutsche Firma“, wie er betont, die ihren Hauptsitz in Groß Schwaß bei Rostock sowie Niederlassungen in Stralsund, Lubmin, Wismar, Lübeck, Hamburg und im Rostocker Überseehafen hat. „Mit diesem Mühlenbauer haben wir schon öfter zusammengearbeitet, das lief immer einwandfrei“, so Kuligowski.

Eigentlich sollte die Haube für ihre Sanierung auf der Betonfläche wenige Meter weiter stehen. Aber das wäre noch riskanter gewesen, weil der Kran dann hätte umgesetzt werden müssen, erklärt der Mühlenbesitzer. Die Holzböcke am jetzigen Platz seien so bemessen, dass das Kammrad, das unten ein Stück heraus ragt, frei geht, die Haube aber auch nicht zu hoch stehe.

Deren Sanierung komme fast einem Neubau gleich, macht sich Dauterstedt keine Illusionen. Die Tragbalken seien verfault, müssten komplett ersetzt werden, auch mehrere von den Querbalken; Verschalung und Schindeln ohnehin, „also die ganze Außenhaut“, zudem Windrosenbock und Umgang. Von Letzterem könne in alle Richtungen geschaut werden.

Fachmann Arlt, der die Besitzer in Ruchow berät, „dass dies eine Mühle bleibt“, freut sich über das Vorhaben. Er habe ungeschminkt den riesigen Aufwand genannt. „Der hat sie aber nicht abgeschreckt, sondern noch mehr motiviert. Das hat mir gefallen.“ Zuvor sei jahrelang vergebens für die Ruchower Windmühle geworben worden. Um 1900 habe es in den heutigen Landesgrenzen 2300 Mühlen gegeben. Davon seien nur noch 80 als solche erkennbar, alle anderen abgerissen, verfallen oder verbaut. „Es wäre wünschenswert, dass die Denkmalpflege den Erhalt auch dieser Bauwerke unterstützt. Für eine einzelne Familie ist das ein Riesenprojekt“, so Arlt.

Im Inneren sichtlich klar Schiff gemacht

Der Mühlenbauer aus der Nähe von Leipzig, auf den Dauterstedt durch einen Fernsehbericht über Arbeiten in Altkalen gekommen ist, freut sich auf die Herausforderung. „Es ist die erste Mühle, die ich von A bis Z selbst restauriere. Sonst waren immer schon andere vor mir dabei“, sagt der freundliche Sachse, der sich vom ersten Anblick des Mitleid erregenden Bauwerks rasch erholt hatte. Zwei Jahre rechnet er für die Sanierung.

Auf der kleinen Anhöhe am Dorfrand von Ruchow sollen sich die Flügel dann wieder drehen, zur Freude von Einheimischen und Touristen. Die neuen Besitzer haben nach Sicherungsmaßnahmen auch drinnen schon sichtlich Klar schiff gemacht. Sie sind vom Innenleben, der Technik, die überwiegend aus Holz besteht, fasziniert. Korn werde allerdings nicht mehr gemahlen, er sei kein Müller, stellt Dauterstedt klar. Für ihn und seine Lebensgefährtin soll die Erdholländermühle ein Domizil für Urlaub und lange Wochenenden werden, das jedoch zu bestimmten Anlässen auch interessierten Besuchern offen stehen könnte.

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