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Gerichtsverhandlung in Parchim : Mildes Urteil für fünf Straftaten

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Bedrohung, Beleidigung, Misshandlung, Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte - die Liste der Straftaten, die der Staatsanwalt dem Angeklagten im Parchimer Amtsgericht vorhielt, wog schwer.

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erstellt am 29.Sep.2013 | 04:46 Uhr

PARCHIM / BRÜEL | Bedrohung, Beleidigung, Misshandlung, Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte - die Liste der Straftaten wog schwer, die der Staatsanwalt dem Angeklagten Siegfried L. (Name geändert) bei der Verhandlung im Parchimer Amtsgericht vorhielt. Hochverschuldet - fast im sechstelligen Bereich, wie der Angeklagte einräumte - hatte er sein Brüeler Haus durch Zwangsversteigerung verloren. Rund 30 Jahre hatte er zuvor dort mit seiner Frau gewohnt. "Der Verlust ging mir ans Gemüt, ich zeigte psychosomatische Störungen", berichtete der Angeklagte. Für den Auszug wollte er sich Zeit lassen, sagte dem Erwerber aber einen Termin per Handschlag verbindlich zu.

Der Ersteigerer zeigte sich jedoch ungeduldig und begann vorab, das Hausfundament freizulegen und den Swimmingpool im Garten abzureißen. Als schikanös habe er diese Arbeiten empfunden, erklärte der Angeklagte. "Im Garten wurde gehaust wie die Vandalen." Ungefragt habe der Erwerber zudem Strom und Wasser aus den Hausanschlüssen für seine Arbeiten in Anspruch genommen und sei dazu sogar in den Hauskeller eingebrochen, "wie ein Dieb". Um einen gerichtlich verfügten Baustopp habe sich der Erwerber nicht geschert, sondern die Arbeiten ungerührt fortgesetzt. Als "Kommunistenschwein und Verbrechergesindel" soll ihn der Angeklagte daraufhin beschimpft und ihm gedroht haben: "Diesen Terror werden Sie nicht überleben." Als bei anderer Gelegenheit die Wortgefechte derart eskalierten, dass die Polizei gerufen wurde, soll der Angeklagte den Hauptmeister Nico O. angebrüllt haben: "Ich schlage Dich tot!" Bei der Verhandlung zeigte sich der Angeklagte reumütig und entschuldigte sich bei dem Polizeibeamten: "Mein Verhalten war der Situation nicht angepasst und viel zu aggressiv." Der Polizist, als Zeuge geladen, nahm die Entschuldigung an. Daraufhin wurde in diesem Punkt die gerichtliche Verfolgung eingestellt.

Nebenkläger gewürgt? Zeugen uneins

Damit standen noch zwei weitere Vorfälle zur Klärung an. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, den als Zeugen geladenen Thomas T. mit einem Blumenkübeluntersetzer und einem Kerzenständer beworfen und dabei dessen Körperverletzung billigend in Kauf genommen zu haben. "Ich habe diese beiden Gegenstände lediglich von der Balustrade der Terrasse gestoßen, um ihn vom Grundstück zu verjagen", verneinte der Angeklagte den Vorwurf, beide Gegenstände gezielt geworfen zu haben. Selbstverständlich habe er den Zeugen unterhalb der Terrasse in einer Baugrube stehen sehen: "Aber es war nicht meine Absicht, ihn zu treffen und zu schädigen."

T. ergriff daraufhin die Flucht und wurde dabei vom Angeklagten verfolgt und gestoßen. Als Thomas T. stolperte, "bin ich über ihn gefallen", schilderte der Angeklagte den weiteren Hergang aus seiner Sicht. Dabei könne es zwar passiert sein, dass er an den Hals von T. geraten sei. "Aber gepackt und gewürgt habe ich ihn auf keinen Fall." Klärung brachte auch ein Gutachten der Rostocker Universitätsklinik nicht. Die Fotos des Halses waren unscharf und ließen keine klassischen Würgemale erkennen, sondern lediglich Hautrötungen, "die eher wie Kratzspuren aussehen", befand Amtsrichter Kai Jacobsen. Der Zeuge Sven L. bekundete, gesehen zu haben, wie der Angeklagte rittlings auf T. saß und ihn mit beiden Hände würgte. "Ich bring´ Dich um", soll der Angeklagte zudem geschrien haben, bevor er von L. weggezerrt wurde. Kai B. als weiterer Zeuge wollte die Würge-Attacke allerdings nicht bestätigen, "weil ich die Hände des Angeklagten nicht sehen konnte".

Thomas T., zugleich Nebenkläger, gab zu Protokoll, sich beim Luftholen am Hals massiv behindert gefühlt zu haben: "Ich war benommen und hatte Todesangst." Er sei durch diesen Angriff derart traumatisiert gewesen, dass ihm für zwei Monate Beruhigungsmittel verschrieben werden mussten. Auch sei er Menschen gegenüber derart kontaktscheu geworden, dass er seinen Beruf als Verkaufsberater habe aufgeben müssen. Für die Hauptverhandlung hatte Thomas T. sogar um Polizeischutz ersucht, "weil der Angeklagte ein cholerischer Mensch ist". Der Anwalt des Nebenklägers forderte, das Verfahren an das Schweriner Landgericht zu verweisen, "weil der Verdacht auf ein Tötungsdelikt besteht". Angesichts der Beweislage sahen Staatsanwalt und Amtsrichter aber eher den Tatbestand einer einfachen Körperverletzung als erfüllt an.

Der Staatsanwalt bewertete die meisten der vorgeworfenen Straftaten als erwiesen. Er habe den Nebenkläger T. in Angst und Schrecken versetzt. Für die Beleidigung beantragte der Staatsanwalt eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu jeweils 20 Euro, für die Bedrohung 50 und die Körperverletzung 70 Tagessätze, als Gesamtstrafe 90 Tagessätze.

Der Verteidiger beantragte für die Beleidigung einen Freispruch, "weil sie in allen nachfolgenden Protokollen nie mehr erwähnt wurde". In der Bedrohung durch die Wurfgeschosse sah der Verteidiger keinen Vorsatz. Die unglücklichen Umstände der Körperverletzung seien einer emotional aufgeladenen Lage geschuldet. Deshalb sei eine Geldstrafe von maximal 20 Tagessätzen angemessen.

Amtsrichter Jacobsen verurteilte Siegfried L. letztlich zu 70 Tagessätzen. "Seine Taten sind in ihrem Unwert dem unteren Rand der Strafbarkeit zuzuordnen." Der Angeklagte habe sich gepeinigt gefühlt. Die Beleidigung sei höchst despektierlich gewesen, und die Körperverletzung sei billigend in Kauf genommen worden. In seinem Schlusswort bekundete Siegfried L., dass ihm die gesamte Entwicklung und Eskalation höchst leid tue und er sie außerordentlich bedaure. "Ich habe jetzt Hoffnung auf Ruhe."

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